Die Profiteure der Lufthansa-Streiks

Die deutsche Swiss-Mutter kommt nicht zur Ruhe, der zwölfte Streik in einem Jahr zwingt Zehntausende auf den Boden. Was das für andere Airlines, die Fernbusse und die Bahn bedeutet.

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Es nimmt kein Ende: Beim deutschen Lufthansa-Konzern tobt diese Woche der zwölfte Streik seit Anfang 2014. Einmal mehr geht es um Forderungen der Piloten, deren zentraler Streitpunkt die Altersversorgung ist. Allein heute Freitag fallen 700 der geplanten 1400 Kurz- und Mittelstreckenflüge aus, betroffen sind nach Angaben der Lufthansa rund 84'000 Passagiere. Hinzu kommt der gleichzeitig stattfindende Fluglotsenstreik in Italien, wegen dem weitere 90 Lufthansa-Flüge gestrichen werden und der zusätzliche 10'000 Fluggäste am Boden stehen lässt. Am Samstag werden zudem die Langstreckenpiloten der Kranich-Airline ihre Arbeit niederlegen, während die Kurz- und Mittelstrecken wieder planmässig geflogen werden sollen.

Nebst dem Vergraulen der Kunden bei jedem weiteren Streik haben die chronischen Ausstände auch gravierende finanzielle Auswirkungen: Sie kosteten den Konzern seit Anfang 2014 nach eigenen Angaben über 200 Millionen Euro. Auch die Flughäfen ziehen den Kürzeren: Dem Frankfurter Flughafen etwa, der von besonders vielen Flugausfällen tangiert ist, fehlten im Jahr 2014 allein streikbedingt zwischen 500'000 und 600'000 Passagiere und damit mehr als zehn Millionen Euro operativer Gewinn, wie Stefan Schulte, Chef der Flughafenbetreiberin Fraport, am Donnerstag bekannt gab.

Spontane Billettkäufe im Fernbus

Des einen Leid ist des anderen Freud. Es gibt nämlich auch Profiteure während der Airline-Streiks: Die Lufthansa-Konkurrentin Air Berlin verzeichnet derzeit «signifikant mehr Buchungen» auf von Lufthansa bestreikten Strecken gegenüber anderen Wochen, wie ein Sprecher auf Anfrage sagt. Darunter seien auch viele kurzfristige Buchungen. Um wie viel die Flugreservationen bei Air Berlin zugenommen haben, könne man jedoch noch nicht sagen.

Ein anderes Berliner Unternehmen gehört ebenfalls zu den Gewinnern: Mein Fernbus, das vor wenigen Monaten mit Flixbus aus München fusioniert hat, verzeichnet in der laufenden Woche rund 7 Prozent mehr Buchungen, besonders zwischen den Metropolen Hamburg, München, Berlin und Frankfurt am Main. «Dies ist ein Indiz, dass Passagiere vom Flieger auf den Bus umsteigen», sagt Sprecher Gregor Hintz auf Anfrage. Weil er allerdings von wöchentlichen Schwankungen bis zu 3 Prozent ausgeht, schreibt er bereinigt bis zu 4 Prozent der Passagierzunahme dem Lufthansa-Streik zu.

In den letzten Jahren stiegen die Gästezahlen beim Busunternehmen ebenfalls an, wenn Angestellte der Kranich-Airline ihre nicht seltenen Streiks abhielten. «Wir massen 2013 und 2014 während mehrtägiger Streiks Steigerungsraten von bis zu 6 Prozent, insbesondere im Onlinevertrieb und bei Spontankäufen im Bus», so Sprecher Hintz.

Flugticket wird zum Bahnbillett

Auch die Deutsche Bahn (DB) hat in der Vergangenheit wiederholt von den Lufthansa-Streiks profitiert – vorausgesetzt, dass innerdeutsche oder innereuropäische Flugverbindungen betroffen waren. «Die umgestiegenen Fahrgäste sind meist mit dem regulären Angebot befördert worden, nur im Ausnahmefall haben wir zusätzliche Züge eingesetzt, so ein Sprecher auf Anfrage.

Etliche Passagiere, die in solchen Fällen auf die Bahn umsteigen, können von einer Vereinbarung namens «Good for Train» zwischen Lufthansa und DB Gebrauch machen. Diese ermöglicht es den Flugpassagieren im Falle von Streiks oder schlechtem Wetter, ihr Flugticket gegen ein Bahnbillett einzutauschen. Wie sich der aktuelle Lufthansa-Streik auf die DB und das «Good for Train»-System auswirkt, wird laut dem Sprecher momentan noch errechnet. Zusätzliche Züge seien während der aktuellen Streikphase jedenfalls nicht im Einsatz.

Die Lufthansa-Tochter Swiss profitiert bedingt von den Streiks der Mutterairline auf den Strecken Zürich–Frankfurt und Zürich–München. Diverse Lufthansa-Passagiere seien wegen der Ausstände auf die entsprechenden Swiss-Flüge umgebucht worden, sagt Swiss-Sprecher Mehdi Guenin auf Anfrage. Teilweise setzt die Schweizer Fluggesellschaft wegen der zusätzlichen Passagiere grössere Maschinen ein. Dabei werden die Jumbolinos durch Flugzeuge des Typs Airbus A320 ersetzt. Der Flugplan bleibt laut Guenin jedoch derselbe: «Wir fliegen die Strecke sowieso.» Wie viele zusätzliche Kunden und Mehreinnahmen die Swiss dank der höheren Passagierzahl generiert, gibt der Sprecher jedoch nicht an.

Erstellt: 20.03.2015, 14:49 Uhr

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