Vor dem Showdown: Raiffeisen-Spitze fürchtet Basis

Grosse Spannung vor der Bank-DV: Hinter den Kulissen tut die Führung alles, dem Treffen die Brisanz zu nehmen.

Pierin Vincenz ist nicht mehr in Untersuchungshaft. Foto: Esther Michel

Pierin Vincenz ist nicht mehr in Untersuchungshaft. Foto: Esther Michel

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Umstrittene Geschäfte des Ex-Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz, mangelnde Kontrolle durch den Verwaltungsrat, der sich dennoch eine 40-prozentige Lohnerhöhung gegönnt hat: Die Basis ist empört.

Hinter den Kulissen arbeitet die Raiffeisen-Führung mit Hochdruck daran, dem Treffen der 164 Delegierten in Lugano am Samstag die Brisanz zu nehmen. So haben einige Regionalverbände den Antrag eingereicht, dass die Lohnerhöhung des Verwaltungsrats wieder zurückgenommen werden soll. «Die Statuten sehen indes nicht vor, dass die Delegierten bei der Entlöhnung des Verwaltungsrates mitbestimmen können», heisst es von einem hochrangigen Vertreter der Raiffeisen. Zudem ist das Geld längst ausbezahlt und könnte höchstens bei einem freiwilligen Verzicht der Betroffenen wieder zurückgeholt werden.

Also werden die Delegierten nicht am Samstag über die Vergütung des Verwaltungsrates abstimmen, sondern erst im Herbst an einer ausserordentlichen GV, wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben, wie aus sicherer Quelle zu erfahren ist. Raiffeisen selbst beantwortet dazu keine Fragen.

Drei Untersuchungen

Interimspräsident Pascal Gantenbein ist aber klar, dass er die Delegierten nicht mit formalrechtlichen Erklärungen in der Entlohnungsfrage wird abspeisen können. Daher wird hinter den Kulissen an einem neuem Vergütungsreglement sowie Anpassungen der Statuten gearbeitet, die dann den Delegierten in Zukunft ein Mitspracherecht in der Vergütungsfrage einräumen sollen. «So, wie das bei Aktiengesellschaften heute schon der Fall ist», ergänzt eine Quelle. Am Samstag kann die Basis dann zwar verbal Luft ablassen, beschliessen darf sie aber in der Lohnfrage zunächst nichts.

Video: Warum trat Vincenz nach der U-Haft-Entlassung so forsch auf?

«Das ist Teil einer Kommunikationsstrategie»: Wirtschaftsredaktor Holger Alich.

Die finale Traktandenliste ist immer noch in Arbeit. Sie dürfte erst am Freitag, an einer ausserordentlichen Sitzung des Verwaltungsrats (VR), die nach einem Treffen zwischen den Regionalpräsidenten und Gantenbein stattfindet, festgezurrt werden. Thema an der VR-Sitzung ist aber die umstrittene Erteilung der Decharge (Entlastung) für die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat durch die GV. Dagegen hat sich Widerstand formiert. Man kann davon ausgehen, dass der VR die Abstimmung dar­über ebenfalls auf den Herbst schiebt. Kein Wunder, angesichts der drei derzeit laufenden Untersuchungen zu den Vorgängen während der Ära Vincenz.

Raiffeisen selbst hat den Ex-Swiss-­Life-Präsidenten Bruno Gehrig und die Kanzlei Homburger mit einer Untersuchung betraut. Dem Vernehmen nach wird Gehrig am Samstag den Delegierten einen ersten Zwischenbericht zu den brisantesten Transaktionen vorlegen. Neben den Zukäufen von Vincenz analysieren sowohl Raiffeisen als auch die Kreditkartenfirma Aduno, an der Raiffeisen beteiligt ist, derzeit die Spesenausgaben von Vincenz und seinem Partner Beat Stocker. Beide amteten als Verwaltungsräte bei Aduno. Stocker hatte zudem ein Beratermandat bei Raiffeisen und Aduno. Im Fall von Raiffeisen ist bekannt, dass er dafür 54'000 Franken pro Monat bezog. Hinzu kam die Büromiete in Zürich, die über Spesen lief.

Laut mehreren Quellen weisen die Firmenkreditkarten von Stocker und Vincenz auffällige Buchungen auf. So habe Vincenz mehrere 1.-Klasse-Flugreisen zum Beispiel nach Asien mit der Raiffeisen-Kreditkarte bezahlt. Der Bezug zur genossenschaftlichen Bankengruppe erschliesst sich hier nicht, schliesslich ist Raiffeisen ausschliesslich in der Schweiz aktiv. Quellen berichten von «fünfstelligen Beträgen», die mit den Firmenkarten bezahlt worden seien, ohne eindeutige Belege und klaren Geschäftsbezug. Auffällig sei auch, dass Vincenz des Öfteren sehr hohe Ausgaben im Luxushotel Hyatt mit der Firmenkreditkarte bezahlt habe. Auch hohe Pauschalspesen für Autos seien bei den Nachforschungen aufgefallen, für die es keine schlüssige Erklärung gebe. Hinzu kommen Tausende Franken für die Informatik in Vincenz’ Privathaus, die ebenfalls als Spesen deklariert wurden.

«Unnötig, unverhältnismässig»

Und dann gibt es noch das Enforcementverfahren der Finanzmarktaufsicht (Finma) gegen Raiffeisen, das offen ist. Die Behörde prüft, ob in Sachen korrekter Unternehmensführung in der Vergangenheit bei Raiffeisen Schweiz alles sauber ablief. Die Ergebnisse werden heute bekannt. Das Verfahren gegen Pierin Vincenz selbst hat die Finma dagegen eingestellt, da der Ex-Raiffeisen-Chef zugesagt hat, nie wieder eine Funktion in der Finanzwirtschaft anzunehmen. Das will Vincenz aber nicht als Eingeständnis verstanden wissen, dass er sich strafrechtlich etwas vorzuwerfen hat. Gestern wurde er nach über 100 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Staatsanwaltschaft begründete den Schritt damit, dass ihre Ermittlungen «weit fortgeschritten seien». Auch Vincenz’ Geschäftspartner Beat Stocker wurde aus der Haft entlassen.

Kaum draussen, teilte Vincenz via Medienmitteilung aus. «Die Untersuchungshaft war aus meiner Sicht unnötig und ihre Länge völlig unverhältnismässig.» Die im Rahmen des Strafverfahrens erhobenen Vorwürfe der ungetreuen Geschäftsbesorgung «bestreite ich nach wie vor und werde mich mit allen Mitteln dagegen wehren». Spannend wird nun sein, ob und wann Vincenz sich im Detail zu den Vorwürfen äussern wird. Auch nach der Delegiertenversammlung wird das Raiffeisen-Drama weitergehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 23:19 Uhr

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