Die Schlupflöcher in den Kapitalvorschriften

Die Massnahmen, die eine Expertenkommission des Bundes vorschlägt, lassen den Banken viel Spielraum. Zu viel, kritisieren Experten.

Das Problem ist schon alt: Hans Geiger, emeritierter Bankenprofessor.

Das Problem ist schon alt: Hans Geiger, emeritierter Bankenprofessor. Bild: Keystone

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Die Banken werden gezielt nach Schlupflöchern suchen in den neuen Kapitalvorschriften, um ihre Geschäftsmodelle zu optimieren, befürchtet der frühere Vizepräsident der Nationalbank, Niklaus Blattner (TA von gestern). Der grösste Schwachpunkt ist laut Experten, dass die Banken ihren Bedarf an Eigenkapital auch künftig anhand der risikogewichteten Aktiven selber berechnen dürfen.

Alles schon passiert

«Dieses grösste Schlupfloch wurde leider nicht geschlossen», sagt der emeritierte Bankenprofessor Hans Geiger. Dabei sei das Problem schon alt. Der «Sündenfall» sei bereits 1996 passiert. Damals habe man die internationalen Spielregeln geändert und den Banken erlaubt, ihre Risiken mit eigenen Modellen selber zu messen und zu gewichten. Die vom Bund eingesetzte Expertenkommission wolle dies nicht ändern. «Dies birgt die Gefahr, dass die Banken die Risiken auch in Zukunft als möglichst gering einstufen, damit sie weniger Kapital einsetzen müssen», sagt Geiger.

Das Festhalten an der «sinnlosen Grösse» risikogewichteter Aktiven zur Messung des Eigenkapitalbedarfs sei umso gravierender, als die Eigenmittel der Banken in den letzten 60 Jahren stetig zurückgegangen seien, kritisiert Geiger. Im Jahre 1950 hätten die Eigenmittel der Institute fast 9 Prozent der Bilanzsumme ausgemacht, heute seien sie mit 5 Prozent nur noch gut halb so hoch. 1950 hätten die Banken das Fünffache ihres Gewinns als Eigenmittel gehalten – heute sei es weniger als das Dreifache.

Diese Entwicklung thematisierte Geiger jüngst an einem Symposium des Unternehmerforums Lilienberg. 2006 seien die Kapitalanforderungen mit dem Standard Basel II etwas verschärft worden. Weil die Banken «mit eigenen Modellen an ihren Risiken herumschrauben» dürfen, könnten sie die vorgeschlagenen höheren Anforderungen unterlaufen, beispielsweise indem sie Risiken in externe Gesellschaften auslagern oder diese kapitalneutral strukturieren.

«Zürich I statt Basel II»

Geiger sagt, er fordere darum die Einführung eines Standards «Zürich I statt Basel II». Denn die 333 Seiten Regelwerk von Basel II hätten die Banken ja offensichtlich nicht sicherer gemacht. Im Kern reiche eine simple, wenige Zeilen kurze Vorschrift: «Das Eigenkapital beträgt mindestens 5 Prozent der Verbindlichkeiten oder 200 Prozent des jährlichen Bruttoertrags – je nachdem, was den grösseren Wert ergibt.»

Dem Parlament empfehle er dringend, bei der Umsetzung der neuen Kapitalvorschriften «die Anforderungen ans Eigenkapital an einfachen, robusten Messgrössen wie Bruttoertrag und Bilanzsumme auszurichten», sagt Geiger. Denn die Bankenvorschriften seien in den letzten 20 Jahren immer komplizierter, ihre Umsetzung daher kaum noch kontrollierbar. Dass sich die Banken gegen einfache, aber griffige Regeln wehrten, weil sie die Spielräume der risikogewichteten Methode nicht aufgeben wollten, sei nachvollziehbar.

Dass das vorgestellte Massnahmenpaket für Grossbanken beim Eigenkapital einen zusätzlichen Grössenzuschlag vorsieht, findet der St. Galler Bankenprofessor Manuel Ammann sinnvoll: Die höheren Kapitalanforderungen «wirken der Konzentration im Bankgeschäft entgegen, indem sie Fusionen unter Grossbanken, beispielsweise zwischen UBS und CS, unattraktiver machen.»

Vage Vorschläge

Problematisch an diesem Vorschlag sei indes, dass beim Eigenmittelzuschlag für Grösse ein Rabatt möglich sei, wie der Zürcher Banking-Professor Urs Birchler umgehend kritisierte: Je besser eine Bank glaubhaft machen könne, dass sie so aufgestellt sei, um in einem Krisenfall in mehrere Einheiten aufteilbar zu sein, desto grösser sei der Rabatt beim Eigenkapital, der ihr gewährt werde.

Es sei denkbar, dass aus solchen «relativ vagen Vorschlägen Schlupflöcher entstehen», warnt auch Bankenprofessor Ammann. Hier werde viel davon abhängen, wie strikte der Bund und das Parlament die Vorschläge umsetzen.

Erstellt: 06.10.2010, 07:47 Uhr

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