Hintergrund

Die Schweiz fördert Solarenergie am Markt vorbei

Statt breiter Subventionen will die Wirtschaft mehr Wettbewerb durch Auktionen und Ausschreibungen.

Gefördert wird nur im Inland: Die grösste Fotovoltaikanlage der Schweiz wurde im August in Neuenhof AG eröffnet.

Gefördert wird nur im Inland: Die grösste Fotovoltaikanlage der Schweiz wurde im August in Neuenhof AG eröffnet. Bild: Keystone

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Wichtige Fragen fallen in der Schweizer Solardebatte durch Abwesenheit oder Vagheit auf. Die Förderung von Solaranlagen im Ausland ist kein Thema. Auch andere Länder fördern nur auf dem eigenen Territorium. Dass die Schweiz als Stromdrehscheibe in Europa nicht internationaler agiert, erstaunt indes.

Denn der ehrgeizige Plan des Bundes, den durch den Atomausstieg entstehenden Ausfall etwa zur Hälfte mit einer Steigerung der Solarstromproduktion auf 7 Terawattstunden bis 2035 zu kompensieren, liesse sich im Ausland mit viel weniger Fördergeld realisieren. «Das kann Sinn machen, da Solarstrom in Südeuropa weit billiger zu produzieren ist», sagt Robert Kröni. Der Berater und Ex-Chef der börsenkotierten Solarfirma Edisun Power weiss, wovon er spricht. Kröni hat über die Jahre Solaranlagen mit 14 Megawatt Leistung projektiert und gebaut, die meisten im Ausland.

27'000 Gesuche um Förderung

Währenddessen stauen sich im Inland die Fördergesuche. Über 27'000 Anlagen sind auf der Warteliste und hoffen auf die Zusage für den Bau, der Grossteil davon sind Klein- und Kleinstanlagen. Eigentlich wollte der Bund die Förderbeiträge markant senken und die Beitragsdauer auf 15 Jahre beschränken. Der Aufschrei in der Solarbranche war so gross, dass der Bund es letzten Mittwoch bei einer Kürzung von 10 Prozent beliess, die Beitragsdauer reduzierte er von 25 auf 20 Jahre. Kröni ist einer der wenigen Solarbefürworter, der dies offen kritisiert: «Die Einspeisevergütung bleibt im Vergleich etwa mit Deutschland, Italien und Spanien hoch, einzig Frankreich fördert noch weit mehr.»

Grossanlagen haben es schwer

Andere geben ihrer Enttäuschung anonym Ausdruck, aus Angst vor Pressionen. «Eine substanzielle Senkung der Beiträge hätte den nötigen Druck erzeugt, die Effizienz zu steigern, die Produktionskosten zu senken», sagt ein Solarbefürworter. Die zaghaften Eingriffe verzögerten bloss den Zeitpunkt, in dem Solarenergie auch ohne Förderung konkurrenzfähig werde.

Trotz Schonklima für die nächsten Jahre sind in der Solarbranche nicht alle glücklich. Die Warteliste für Subventionen sei so lang, argwöhnen die Grünen, dass viele leer ausgehen könnten. Die solarfreundliche Schweizerische Energiestiftung etwa geht in ihrem Magazin «Energie & Umwelt» davon aus, dass neue Solaranlagen voraussichtlich schon ab 2020 keine Einspeisevergütung mehr erhalten, «weil dann die Gestehungskosten so tief sind, dass Fotovoltaik nicht mehr gefördert werden muss». Wenn der Bund den Umfang der Förderung in den nächsten Jahren nicht massiv hochfahre, wachse die Zahl der Gesuchsteller auf über 50'000, die nach 2020 leer ausgehen würden. Ab dann sollen die Fördergelder sukzessive durch Lenkungsabgaben auf Basis der heutigen CO2-Abgabe abgelöst werden, die dann erhöht werden soll.

Das Hauptproblem sei, dass «Grossanlagen in der Schweiz nicht richtig gefördert werden», sagt Kröni, «dabei gäbe es etwa bei Lawinenverbauungen und Lärmschutzwänden genügend Möglichkeiten dazu». Das argwöhnen auch die Grünen, nicht nur bei Grossanlagen. Sie denken über die Lancierung einer Solarinitiative nach, um Druck zu machen.

Vor lauter Hickhack um Subventionen gehe unter, dass in der Förderung der Solarenergie marktwirtschaftliche Mechanismen fast völlig fehlen, bemängeln Wirtschaftskreise. Auch wenn der Bund Betreibern grösserer, steuerbarer Neuanlagen künftig keine fixe Einspeisevergütung mehr gewähren will.

Halbherzige Ansätze zu Markt

Die Beiträge sollen stärker danach bemessen werden, ob die Solarstromproduktion hochgefahren wird, wenn die Nachfrage gross ist – oder gedrosselt wird, wenn sie gering ist. Das System bleibt indes so gestaltet, dass die Betreiber unter dem Strich nicht schlechter fahren als mit dem bisherigen System.

Auf halbem Wege bleibt auch die Änderung im Energiegesetz stehen, der Bund könne vorsehen, dass die Vergütung für bestimmte Anlagetypen in einer Auktion bestimmt wird. Dem Verband der Elektrizitätsunternehmen (VSE) ist das zu vage, Auktionen und Ausschreibungen sollten zum Regelfall werden, «um die Förderung zusätzlicher Solar- und Windanlagen marktgerechter zu gestalten – zum Zuge sollen jeweils die günstigsten Anbieter kommen», sagt Stefan Muster, Bereichsleiter Wirtschaft und Regulierung im VSE. Ein weiterer Ansatz sei, «dass Betreiber zu Beginn einen fixen Investitionsbeitrag erhalten und den Rest nachher selbst am Markt holen müssen». Der Bund sieht Fixbeiträge nur für Kleinanlagen vor.

Walter Müller von der Gruppe Grosser Stromkonsumenten geht noch einen Schritt weiter. Anstatt jetzt wahllos Tausende von Gesuchstellern mit Subventionen zuzuschütten, müsse der Ausbau der Solarenergie in eine im Voraus bestimmte Anzahl Etappen mit genau bestimmten Quoten aufgeteilt werden und jede Quote ausgeschrieben sowie der Zuschlag an die günstigsten Anbieter erteilt werden. «Nur über Konkurrenzofferten erhalten wir marktnahe Preise», glaubt Müller. «Die Schweiz fährt besser, wenn wir jedes Jahr die gleiche Menge Solarkapazität bauen, dies dafür zu möglichst günstigen Preisen.»

Erstellt: 29.10.2013, 06:47 Uhr

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