Die Swiss klagt auf Vorrat

Der neue Konkurrent Etihad in der Schweiz ist keine Bedrohung. Die Befürchtungen der Swiss klingen eher nach Eigennutz.

Bedrohung: Die Schweiz hat unbegründete Ängste vor der Konkurrenz.

Bedrohung: Die Schweiz hat unbegründete Ängste vor der Konkurrenz. Bild: Keystone

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Die Swiss fürchtet sich nicht vor Easyjet, nicht vor Ryanair. Der neue Konkurrent, vor dem sie sich offenbar existenziell bedroht fühlt, heisst Darwin Airlines. Dies hat ihr Konzernchef Harry Hohmeister vor zwei Wochen im Fernsehen gesagt und den Bundesrat und das Parlament aufgefordert, zu handeln. Warum der politische Lärm?

Darwin, die kleine Tessiner Airline, vermarktet sich seit kurzem unter dem Namen Etihad Regional. Was für Aufsehen sorgt, ist, dass sie für unter 100 Franken (one way) Flüge in einige europäische Städte wie Florenz und Düsseldorf anbietet. Ab Genf sind es elf Linienflüge mit ähnlichen Preisen.

Dahinter steckt die finanzielle Potenz und das Marketing der Golf-Airline Etihad mit ihren vielen Petrodollars des Emirs von Abu Dhabi. Sie fliegt einmal täglich nach Genf und seit kurzem auch nach Zürich. Ihr Kalkül: Je mehr Zubringerpassagiere aus Europa, desto billiger werden Tickets nicht nur nach Arabien, sondern auch in asiatische Städte wie Delhi, Hongkong, Shanghai und Singapur. Umgestiegen wird in Abu Dhabi. Etihad drückt so die Asien-Ticketpreise und macht Lufthansa und ihrer Tochter Swiss so die Rendite kaputt.

Marktdominierende Stellung

Deshalb drückt Swiss auf die Tränendrüse und dreht das Thema politisch: Wenn man Etihad machen lasse, werde sie wegen fehlender Auslastung Direktflüge nach Asien streichen müssen. Die Schweiz verliere ihre gute Anbindung und der Schweizer Wirtschaftsstandort sei in Gefahr. Was ist davon zu halten?

Betrachten wir die Verhältnisse. Am Flughafen Zürich werden 57 Prozent aller Flüge von Swiss bestritten. Die Golf-Airlines (dazu gehören Emirates, Qatar Airlines, Oman Air und Etihad) kommen auf 2,3 Prozent der Landungen (2013). Etihad und ihre Minderheitsbeteiligung bei Etihad Regional dürften dieses Jahr auf eine Null-Komma-etwas-Zahl kommen. Die Konkurrenz für die Swiss ist also minim.

In die wichtigsten acht Metropolen nach Asien fliegen 59 Prozent aller Passagiere direkt ab Zürich. Diese Flüge sind oft teurer als Umsteigeflüge. Und trotzdem schafft es die Swiss, zwei Drittel dieser direkt fliegenden Passagiere anzuziehen. Die anderen, die preisbewussten Umsteigepassagiere, fliegen entweder über europäische Flughäfen (21 Prozent), mit Golf-Airlines (16 Prozent) oder mit asiatischen Carriern (3 Prozent). Auffallend ist: Knapp die Hälfte aller Umsteigepassagiere fliegt über Deutschland mit der Lufthansa nach Asien. Anders ausgedrückt: Lufthansa und ihre Tochter Swiss haben im Asienverkehr ab Zürich eine marktdominierende Stellung.

Der Wettbewerb spielt, er könnte aber noch mehr spielen. Vor diesem Hintergrund tönt der politische Lärm der Swiss stark nach Eigennutz. Warum sollte Bundesbern sie bevorzugen und Etihads Engagement bremsen? Die Lufthansa darbt nicht. Im vergangenen Jahr hat sie einen Betriebsgewinn von umrechnet 850 Millionen Franken erarbeitet (Ebit). Die Swiss trug mit 275 Millionen Franken dazu bei. Aus Schweizer Sicht wäre es verfehlt, eine Gesellschaft im Flugmarkt zu bevor­zugen. Unter dem Begriff Wettbewerb könnte man sogar fordern, dass der Bund sein Gesetz ändert, wonach es der aussereuropäischen Konkurrenz verboten ist, eine europäische (und auch schweizerische) Airline zu erwerben. Stand heute darf sich Etihad maximal zu 49,5 Prozent an Etihad Regional (Darwin) beteiligen.

Eine Forderung der Swiss sollte der Bundesrat aber prüfen: bessere Bedingungen an der Drehscheibe Kloten. Je tiefer die Passagiergebühren, desto vorteilhafter ist ein Hub generell. Heute zahlt jeder ab Zürich startende Passagier 36 Franken Gebühr (im Ticketpreis inbegriffen). Davon sind 14.50 Franken für die Sicherheit. Diese Sicherheit kostet den Flughafen jährlich 160 Millionen Franken. Wer hat diesen Aufwand befohlen? Der Passagier jedenfalls nicht. Es waren die westlichen Staaten, die in einer kollektiven Hysterie um Terrorgefahr einen enormen Sicherheitsapparat verordneten. Der Bund zahlt keinen Rappen dafür. Anders an der normalen Grenze: Einreisende zahlen dort nichts. Der Bund optimiert den Einsatz und kommt jährlich mit 380 Millionen Franken für die Grenzwache auf. Übernähme er die Flughafen-Sicherheitskosten (wie dies in einigen Ländern der Fall ist), würde Kloten noch mehr angeflogen. Die Schweiz bekäme mehr Direktflüge, mehr Konkurrenz. Die Ticketpreise würden sinken. Der Standort wäre noch attraktiver.

Erstellt: 11.06.2014, 23:01 Uhr

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