«Die Swiss-Geschäftsleitung hat den Kontakt zum Personal verloren»

Unruhe beim Kabinenpersonal der Swiss: Die Gesamtarbeitsverträge (GAV) wurden gekündigt, der neue ist noch hängig. Nun schöpft die Gewerkschaft Kapers Hoffnung in der Mindestlohninitiative.

Kein Schoggijob: Eine Flugbegleiterin offeriert den Passagieren auf dem Swiss-Flug von Zürich nach Oslo ein Stück Schweizer Schokolade. (12. April 2013)

Kein Schoggijob: Eine Flugbegleiterin offeriert den Passagieren auf dem Swiss-Flug von Zürich nach Oslo ein Stück Schweizer Schokolade. (12. April 2013) Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Die Swiss hat die laufenden Gesamtarbeitsverträge (GAV) per Ende April 2015 gekündigt. Dies mit der Begründung, weil sonst über zwei weitere Jahre keine strukturellen Anpassungen bei den Kabinen-GAV möglich gewesen wären. Ab sofort werden keine neuen Mitarbeitenden mehr in die gekündigten Verträge aufgenommen, sondern «zu den Bedingungen des mit Kapers ausgehandelten und verabschiedeten GAV 14 angestellt», wie Sprecherin Susanne Mühlemann auf Anfrage sagt.

Aus Sicht der Kabinenpersonal-Gewerkschaft Kapers wäre die Kündigung nicht nötig gewesen. «Auch bei einem weiterhin gültigen GAV hätte man Anpassungen vornehmen können», sagt Präsident Denny Manimanakis auf Anfrage. Man sei enttäuscht über die Kündigung des GAV, habe aber auch nichts anderes erwartet. Die Kündigung sei sicher kein Vertrauensbeweis gegenüber dem Kabinenpersonal, so Manimanakis. Er geht davon aus, dass es «eine Art Strafaktion der Swiss war, ein Zeichen, dass die Airline das Gesicht nicht verlieren möchte».

3300 Franken Einstiegslohn

Nach Ansicht von Kapers war der GAV 14 nicht unter Dach und Fach. Einer der Hauptgründe, warum die Kapers-Mitglieder den neuen GAV Ende März abgelehnt haben, ist laut Manimanakis der Passus bezüglich Neuanstellungen. «Wir haben grösste Mühe, dass der Einstiegslohn nach wie vor 3300 Franken pro Monat beträgt, und wir sind nicht einverstanden, dass Neuanstellungen unter diesen Bedingungen stattfinden», so Manimanakis. Es stehe den neu Anzustellenden leider frei, ob sie einen Vertrag unter den neuen Bedingungen unterschreiben oder nicht.

Kapers ging jedoch bereits bei früheren Verhandlungen davon aus, dass die Swiss zu den damaligen ähnlichen Konditionen nicht genügend Personal finden würde. Doch dies war ein Trugschluss. So gab Geschäftsführer Georg Zimmermann im Januar 2012 gegenüber dem «Tages-Anzeiger» zu, das Berufsbild sei so attraktiv, dass lausigste Bedingungen in Kauf genommen würden. Dass die Swiss auch unter dem neuen GAV noch genug neues Personal zu den Einstiegsbedingungen findet, hält der Kapers-Präsident für durchaus möglich. «Die Frage ist jedoch, wie lange die Leute noch bleiben werden. Wenn sie gemäss neuem GAV noch länger auf Lohnerhöhungen warten müssen, ist es noch unattraktiver, lange im Job zu bleiben.» Die Absicht der Swiss sei klar: Die Leute so kurz wie möglich bei sich zu behalten, vermutet Manimanakis. «Je nach Aus- und Weiterbildungsstand muss ein Flight-Attendant drei bis zwölf Jahre im Job sein, bis er 4000 Franken pro Monat verdient. Dies ist sehr unattraktiv.»

Nur Kabinenpersonal ohne 13. Monatslohn

Den Vorwurf, Swiss wolle die Leute nicht lange bei sich behalten, kontert Sprecherin Susanne Mühlemann: «Im angesprochenen GAV 14 werden weder Einstiegssaläre noch Maximallöhne der Kabinenchefs berührt.» Rund ein Viertel der Flight-Attendants der Swiss nutze heute die Möglichkeit einer Karriere als Kabinenchef. Auch die Swiss habe ein Interesse daran, dass langfristige Kabinenkarrieren möglich bleiben. Mühlemann räumt aber auch ein, dass keine automatisierten jährlichen Salärschritte mehr garantiert werden, da solche Anpassungen in keiner Industrie mehr zeitgemäss seien. «Die automatischen Salärerhöhungen bleiben bestehen, aber in einer mässigeren Kadenz.»

Ein weiterer Knackpunkt im neuen GAV ist laut Kapers-Präsident Manimanakis das Fehlen des 13. Monatslohns. «Wir sind die einzige Personalkategorie in der Firma, die ihn nicht erhält.» Kapers fordert anstelle einer variablen Gewinnbeteiligung «einen sicheren Wert wie einen 13. Monatslohn – besonders bei diesen tiefen Gehältern». Je nach Geschäftserfolg beträgt die Gewinnbeteiligung 2 bis 8 Prozent des Jahresgehalts, also rund 25 bis knapp 100 Prozent eines Monatslohns.

Hoffnung in der Mindestlohninitiative

Eine Chance auf mehr Lohn sieht Kapers-Präsident Manimanakis in der Mindestlohninitiative, über die am 18. Mai abgestimmt wird. «Wir unterstützen sie, und sie ist bestimmt eine Hoffnung auf anständige Einstiegslöhne. Sollte die Initiative angenommen werden, ist dies sicher eine Hilfe für uns.»

Die Swiss ist hingegen kritisch: «Grundsätzlich ist jede Überregulation – und dazu zählt ein staatliches Lohndiktat – schädlich für ein global tätiges Unternehmen», so Susanne Mühlemann. «Eine Annahme der Mindestlohninitiative beträfe uns im Bereich der Einstiegslöhne des Kabinenpersonals, hier liegen die Basislöhne unter der Schwelle von 4000 Franken, die totale Entschädigung inklusive Zulagen und variablem Lohnanteil liegt jedoch darüber.»

«Dann kann die Swiss machen, was sie will»

Laut Swiss hat die Kündigung des GAV 09 für die Mitarbeitenden unter diesen Verträgen «unmittelbar keine Auswirkungen». Was sind also die längerfristigen Auswirkungen für die Betroffenen? Denny Manimanakis: Falls es nach Ablauf des GAV 09 keinen neuen GAV gebe, hinter dem beide Parteien stehen, könnte man den alten GAV verlängern, ansonsten würden nach Ablauf nur noch die normativen Aspekte wie etwa Lohn und Arbeitszeiten gelten. «Dann kann die Swiss jedoch machen, was sie will: Einzelarbeitsverträge ausstellen und Leute ausserhalb des GAV zu schlechteren Bedingungen einstellen», so der Kapers-Präsident.

Vonseiten der Swiss heisst es hingegen, man sei an einer sozialpartnerschaftlichen Zusammenarbeit interessiert und werde rechtzeitig vor Vertragsablauf mit Kapers Gespräche für die Verhandlungen eines Folge-GAV aufnehmen. Ziel sei es, den strukturellen Veränderungen der Branche mit flexibleren Strukturen zu begegnen, um damit die Arbeitsplatzsicherheit und den wirtschaftlichen Erfolg der Swiss sicherzustellen.

Unruhe auch bei anderen Swiss-Gewerkschaften

In Aufruhr sind auch andere Gewerkschaften des Swiss-Personals: So lehnten die Langstreckenpiloten Ende März den neuen GAV ab, und im November 2013 brach das Bodenpersonal die Verhandlungen über einen neuen GAV ab (weitere Details: siehe Box). «Es hapert überall im Unternehmen», so Manimanakis. «Die Geschäftsleitung hat den Kontakt zum Personal verloren.» Wenn von überallher Protest komme, müsse sich das Management wirklich überlegen, wie es mit dem Personal umgehen soll. Kapers ist laut ihrem Präsidenten im Kontakt mit den anderen Gewerkschaften, man wolle die Kräfte bündeln. Die Stimmung beim Kabinenpersonal ist laut Manimanakis angespannt: «Wir müssen immer mehr arbeiten, immer mehr Leistungen erbringen, und haben immer weniger Zeit. Es hat sich kumuliert über die Jahre, und das, während die Swiss satte Gewinne schrieb.»

Kritisiert wird die aktuelle Situation auch von der SEV-GATA, der Abteilung Luftverkehr der Verkehrspersonal-Gewerkschaft des SEV: «Schritt für Schritt destabilisiert die Swiss die Arbeitsbedingungen ihres gesamten Personals und greift zu Drohungen», kritisiert Philipp Hadorn, Präsident von SEV-GATA und Solothurner SP-Nationalrat. «Die Swiss, in Milliardenhöhe ausfinanziert durch die Steuerzahlenden in der Schweiz, hat auch als Tochter der Lufthansa faire Arbeitsbedingungen und eine sozialpartnerschaftliche Kultur zu leben.»

Zu den nicht gerade harmonischen Beziehungen mit den Gewerkschaften heisst es vonseiten Swiss, man müsse «den Strukturwandel in unserer Branche bewältigen und Veränderungen angehen, um nachhaltig erfolgreich zu bleiben». Das sei kein einfacher Prozess, so Sprecherin Susanne Mühlemann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.04.2014, 17:06 Uhr

Knatsch mit den Gewerkschaften

Nicht nur beim Kabinenpersonal der Swiss brodelt es, sondern auch in anderen Personalbereichen.

Die Langstreckenpiloten, die im Verband Aeropers organisiert sind, lehnten Mitte März den neu ausgehandelten GAV 14 ab. Hingegen kam ein Ja von den Regionalpiloten, die die Jumbolino-Flugzeuge der einstigen Crossair fliegen und im Verband IPG organisiert sind. Weil jedoch nicht beide Pilotenkorps dem GAV 14 zugestimmt haben, wird dieser nicht wirksam. Damit rückte die Integration der Regionalflugeinheit Swiss European in die Swiss International in die Ferne.

Unruhe herrscht bei Aeropers zudem, weil Swiss laut der «Schweiz am Sonntag» die für 2016 bestellten Boeings 777 von Regionalpiloten fliegen lassen will. Diese arbeiten zu tieferen Löhnen bei der Tochter Swiss European Airlines. Swiss teilte der Zeitung mit, man führe Verhandlungen mit der IPG. Gerüchte und Spekulationen kommentiere man nicht.

Die Arbeitnehmerorganisationen des Swiss-Bodenpersonals brachen ausserdem im November 2013 Verhandlungen über eine GAV-Verlängerung ab. Laut den vier Sozialpartnern der Swiss verlange die Airline markante Verschlechterungen. Unter anderem solle die Wochenarbeitszeit von 41 auf 43 Stunden ohne Kompensation erhöht und das Pensionsalter von 63 auf 64 angehoben werden.

Ein Termin für neue GAV-Verhandlungen mit dem Kabinenpersonal steht noch nicht, wie Kapers und Swiss auf Anfrage bestätigen. Laut Swiss werden «rechtzeitig vor Vertragsablauf» Gespräche für die Verhandlungen eines Folge-GAV aufgenommen.

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