Die Technologie ist die Botschaft

Immer mächtigere Software verändert den Journalismus radikal. Selbst Traditionsmarken setzen zusehends auf Informatiker und nicht mehr auf Redaktoren. Doch rettet das die Branche?

Kaum ein Wort über die klassischen Tugenden und Qualitäten des Journalismus: Blick in den Newsroom von Buzzfeed am Hauptsitz in New York. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Kaum ein Wort über die klassischen Tugenden und Qualitäten des Journalismus: Blick in den Newsroom von Buzzfeed am Hauptsitz in New York. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Wenn Journalisten ihren Arbeitgeber wechseln, dann in der Regel deshalb, weil sie mehr Lohn erhalten. Oder sich vom neuen Job mehr Renommee erhoffen. Aber wegen des Redaktionssystems? Wegen des Computerprogramms, das ihre Texte formatiert, layoutet und publiziert? Neuerdings schon.

Als Starjournalist und Blogger Ezra Klein unlängst von der berühmten ­«Wa­shington Post» zur eben lancierten News-Site Vox.com überlief, begründete er den Schritt damit, dass ihm an seinem neuen Arbeitsplatz endlich das Con­tent-Management-System, die Technologie zur Verfügung stehe, um den Journalismus der Zukunft zu praktizieren.

Ezra Kleins Bekenntnis zur Technik, zu einem Computerprogramm, illustriert einen bemerkenswerten, wenn nicht spektakulären Paradigmenwechsel im Journalismus. Gaben sich Medienmenschen, namentlich aus der Zeitungsbranche, in der Vergangenheit gerne technologieskeptisch und fortschrittskritisch, so herrscht unter den Meinungsführern der Branche neu eine Technik-Euphorie. Die Beschäftigung mit Redaktionssystemen, das ist nicht mehr die Sache von Nerds, von namenlosen IT-Sonderlingen, sondern gilt plötzlich als «cool», wie die «New York Times» feststellt. Und das Content-Management-System selbst wird zum Schlüssel für journalistische Innovation und publizistischen Erfolg. Oder wie es der bekannte amerikanische Medien­kolumnist David Carr kürzlich ausdrückte: «CMS is Destiny.»

Google steigt ein

Dem Trend folgend, setzen die wichtigen und grossen Medientitel auf selbst entwickelte Software. Prominente Newcomer, etwa die erwähnte Site Vox Media, aber auch Buzzfeed sehen in ihren CMS das technologische Sturmgeschütz, mit dem sie sich entscheidende Marktvorteile erkämpfen können. Buzzfeed kann Werbung direkt ins redaktionelle Angebot integrieren – und lieferte mit diesem «Native Advertising» der Werbebranche das aktuelle Schlagwort. Vox.com steuert mit dem selbst gebauten CMS spezielle Artikelformate, welche die Grundlage sind für den typischen Erklärjournalismus der Site, fürs publizistische Konzept also.

Und spätestens als Mitte Mai durch Indiskretionen bekannt wurde, dass Google an der Entwicklung eines Cloud-basierten Redaktionssystems arbeitet, war allen klar: Im Code der CMS steht auch die Zukunft des Journalismus geschrieben. Google, so heisst es, wolle dereinst Medienverlagen komplette Publishing-Lösungen anbieten – für die Online- und Offlinekanäle. Und selbstverständlich nicht aus wohltätigen Motiven, sondern weil ein Google-CMS nahtlos Google-Werbung integrieren wird. In den Anfangsjahren des Internets hiess der Schlachtruf: «Content is King!» (Bill Gates, 1996) Heute müsste er heissen: The Content Management System is King!

Das schöne Programm

Mit geradezu poetischem Vokabular schwärmte der Technologiechef der «New York Times», Luke Vnenchak, unlängst von der «Schönheit» des eigenen Redaktionssystems. Im Programm mit dem Namen «Scoop» würden sich der Ehrgeiz, aber auch die Hoffnungen der weltbesten Redaktion widerspiegeln. Vnenchak und sein Team von mehr als einem Dutzend Programmierern haben noch einiges vor: Sie bauen ein Empfehlungssystem für Artikel, ähnlich dem auf den Websites von Amazon. Sodann soll ein neues Tagging-System den Zweitverkauf von archivierten Artikeln ermög­lichen. Und schliesslich will die «New York Times» mit «Scoop», einem Programm, das ursprünglich nur für Web­sites und Apps gedacht war, bald auch die Zeitungsherstellung steuern.

Die Technik schafft neue journalistische Genres und Produkte. Voraussetzung für diesen Trend war, dass die Browser – also Anwenderprogramme wie Firefox, Google Chrome oder Safari – viel leistungsfähiger wurden und heute ungleich komplexere Websites darstellen können als noch vor zwei, drei Jahren. Sei das auf Mobilgeräten (Stichwort Responsive Design), sei es im Fall sogenannter Longforms, also Multimedia-Reportagen, mit denen Journalisten erstmals belegen, wie überlegen das Web in solchen Formaten dem Papier ist.

Im Mai wurde durch eine Indiskretion ein internes Untersuchungspapier der «New York Times» publik, das für viel Aufregung auch über die Medienbranche hinaus sorgte und als eines der «Schlüsseldokumente unseres Medienzeitalters» bewertet wird (so das bedeutende Nieman Journalism Lab von der Harvard University). Ein Team um Arthur Gregg Sulzberger, Sohn des Eigen­tümers Arthur Sulzberger Jr., hatte die Herausforderungen und Chancen des Medienwandels zu analysieren; die Autoren des Berichtes führten 200 Interviews mit Mitarbeitern, aber auch Konkurrenten. Resultat: ein 96 Seiten starker «Innovation Report», der ein kritisches Urteil über die Zukunftsfähigkeit des Weltblatts «New York Times» fällt. Aber auch einen Weg aufzeigen will, der das Überleben der Marke in der digitalen Wirtschaft garantiert.

Programmieren, Kalkulieren

Auch dieser Innovationsreport räumt der Technik und dem CMS die zentrale Rolle in diesem Transformationsprozess ein. Kaum ein Wort verloren wird hingegen über die klassischen Tugenden und Qualitäten des Journalismus: die korrekte Recherche, den Gebrauch der Sprache, das Handwerk des Erzählens. Es ist dies alles kein Thema mehr.

Nichts beschreibt den Paradigmenwechsel, den der Report fordert, besser als die Sprache, in der er verfasst ist: Ununterbrochen ist in dieser «Pflichtlektüre für Journalisten» («Die Welt») die Rede vom optimalen Einsatz von Software und Code, vom Programmieren von Tools, von Metrik und Messen, Kalkulieren und Analysieren.

Journalisten müssen viel lernen. Sie müssen lernen, Social-Media-Programme zu bedienen, um ihre Artikel im Netz anzupreisen, um diese überhaupt erst zum Publikum zu bringen. Sie müssen in eigener Sache um Aufmerksamkeit kämpfen und akzeptieren, dass ein Grossteil der Arbeit erst dann beginnt, wenn ihr Beitrag publiziert ist.

Journalisten müssen lernen, mithilfe der Redaktionssysteme die Inhalte vielfältig aufzubereiten. Nicht mehr ausschliesslich in der Form von Artikeln, sondern auch als Quiz, als Dossier, als Liste, Liveticker oder gar Kartenstapel wie bei Vox.com.

Und Journalisten müssen lernen, mit ihrem Publikum in einen Dialog zu treten. Sie müssen sich für ihre Leserinnen und Leser interessieren, für die Lese­gewohnheiten ihres Publikums auf den Mobilgeräten beispielsweise, für ihre Kommentare in den Foren – ja, für das auch, was man User-Generated-Content nennt und was ebenfalls mit den Redaktionssystemen verwaltet und verwertet wird. «Unsere User sind die grösste unerschlossene Ressource», heisst es im «Innovation Report».

Zugegeben, brandneu sind diese Imperative nicht. Aber mit dem «Innovation Report» verordnet die «New York Times» sie ihrer Belegschaft – der Elite der Medienbranche.

Doch damit nicht genug. Der «Innovation Report» verlangt obendrein ein ganz neues Denken, den Mut und die Flexibilität zum Experiment. Neue journalistische Angebote müssten fortwährend überprüft und optimiert werden, bis hin zu einzelnen Schlagzeilen, deren Attraktivität in vergleichenden Tests zu ermitteln sei. Genau diese wissenschaftliche Methode habe Konzerne wie Amazon oder Google zum Erfolg geführt. Jetzt müsse sie auch im Journalismus Einzug halten.

In der Zeitungswelt ist ein Autor versucht, bis zuletzt an seinem Artikel zu feilen, um diesen in einer möglichst perfekten Form zu publizieren. Online kann ein Artikel nach der Veröffentlichung optimiert werden, in beliebig vielen Wiederholungen, immer im Dialog mit dem Publikum, den Kundinnen und Kunden. Früher war ein Text gelungen, wenn der Chef an der Redaktionssitzung ein Lob aussprach, wenn der Regierungsrat am Telefon seinen Dank ausdrückte für die ausgewogene Berichterstattung, oder wenn nach Tagen ein freundlicher Leserbrief eintraf. Und wenn nichts von dem passierte, so war das kein Grund, sich Sorgen zu machen. Es war normal.

Heute steht das Leserinteresse in Echtzeit fest, sofort, mit der Publikation. Oft geschieht die Messung mithilfe des CMS selbst, da moderne Redaktionssysteme auch Analysewerkzeuge sind. Man mag einwenden, Klicks seien nicht alles. Das ist wahr, aber die Technik ermöglicht ein differenzierteres Feedback. Artikel werden von den Usern kommentiert (auf der Website), geliked und geshared (auf Facebook) oder getweetet (auf Twitter). Das ist die Währung auf dem Markt der Aufmerksamkeit, daran zeigt sich, wie viel entsprechendes Kapital ein Artikel, ein Autor auf sich vereinen kann.

Angesichts des Tempos all dieser Entwicklungen ist es nachvollziehbar, wenn sich Journalisten mitunter als Opfer des Systems, des Redaktionssystems, sehen. Zumal derzeit tatsächlich schon über den Einsatz von Roboterprogrammen, also automatisierten Redaktionssystemen, diskutiert wird, die beispielsweise Sportmeldungen oder Börsenartikel verfassen. Aber zukunftsträchtig ist diese Haltung kaum.

Und woher kommt das Geld?

Vorwärtsgewandte Journalisten müssen möglichst viel gemeinsam haben mit der noch kleinen Gruppe der Datenjournalisten. Diese Kollegen betreiben computergestützte Recherchen, sie argumentieren mit Worten und Daten, sie kennen sich in Statistik genauso gut aus wie in Grammatik. Und sie machen keinen Unterschied zwischen Offline und Online, Papier und Touchscreen. Es sind die Journalisten, die sich die Technik zu einer mächtigen Verbündeten gemacht haben. Und es handelt sich dabei um die derzeit begehrten Kräfte auf dem ansonsten nicht sehr munteren journalistischen Stellenmarkt.

Die wirklich unangenehme Frage allerdings, auf die hat auch der Techniktrend keine gesicherte Antwort. Es ist die Frage, wie sich die schwindenden Werbeerlöse bei den Printtiteln im Digitalen ausgleichen lassen; ob Journalismus, auch auf dem neuesten Ausrüstungsstand praktiziert, überhaupt noch ein lohnendes Geschäft sein wird. Diese Ungewissheit ist kein Argument gegen technische Innovation. Sie zeigt aber die Grenzen der Technik auf.

Erstellt: 07.07.2014, 08:03 Uhr

CMS: Zentrale redaktionelle Software

Ein Content-Management-System, kurz CMS (deutsch: Inhaltsverwaltungssystem), ist das wichtigste Werkzeug einer Redaktion. Es ist die Software zur Erstellung, Bearbeitung und Platzierung von Artikeln, Videos oder Bildern in Webseiten, aber auch Apps. Auch Tages­anzeiger.ch, Newsnet oder 20minuten.ch vertrauen auf ihr selber entwickeltes Redaktionssystem.

Das gemeinsame CMS dieser Tamedia-Websites, entwickelt ursprünglich vom heutigen Onlinechef von «20 Minuten», Peter Wälty, trägt den hübschen Namen «Content Dictator». Die Software ist designt auf die spezifischen Bedürfnisse der Redaktionen (etwa den Austausch von Inhalt in der Mantelstruktur der Newsnet-Seiten) und wird von eigenen Programmierern weiterentwickelt (aktuell zur Steuerung einer neuen «20 Minuten»-Mobil-App, Projektname «Infinity», die auf den Herbst zu erwarten ist). (MMA)

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