Die Unfallgefahr bei Flusskreuzfahrten steigt

Der Boom der Branche lässt die Flüsse voller werden. Bei der Schweizer Betreiberin Viking, die in den tödlichen Unfall in Budapest verwickelt ist, gab es bereits 2016 eine Havarie mit Toten.

Das in Budapest angelegte Unfallschiff Viking Sigyn. Foto: Getty Images

Das in Budapest angelegte Unfallschiff Viking Sigyn. Foto: Getty Images

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Die Hoffnung schwindet: Vor drei Tagen rammte das Kreuzfahrtschiff Viking Sigyn auf der Donau bei Budapest das Ausflugsboot Hableany und versenkte es. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass von den 21 Vermissten noch jemand lebend geborgen werden kann. Bisher wurden nur 7 der 35 Insassen gerettet. Die ungarische Polizei hat den ukrainischen Kapitän des Kreuzfahrtschiffes mittlerweile verhaftet, es lägen «begründete Verdachtsmomente» vor, teilten die Behörden mit, ohne Details zu nennen.

Basel als Drehscheibe

Das Unglück wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, die bisher vor allem mit Wachstum Schlagzeilen machte: Flusskreuzfahrten. Basel ist dabei eine wichtige Drehscheibe. Rund 350 Kreuzfahrtschiffe sind auf Rhein, Rhone oder Donau unterwegs. Und über 150 dieser Schiffe fahren unter Schweizer Flagge – so auch die Viking Sigyn. Laut der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft (SVS) arbeiten rund 9000 Menschen auf den Schweizer Schiffen.

Das 135 Meter lange brandneue Schiff ist eines von 62 schwimmenden Hotels der Gesellschaft Viking Cruises; die in Basel beheimatete Firma ist Marktführer im Geschäft mit Flusskreuzfahrten und zielt primär auf englischsprachige Gäste. Gründer und Mehrheitseigentümer ist der Norweger Torstein Hagen, der in der Schweiz lebt. Das US-Magazin «Forbes» schätzt sein Vermögen auf 2,4 Milliarden Dollar.

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Der genaue Unfallhergang in Budapest wird derzeit noch geklärt. Mit Krisenkommunikation scheint man bei Viking indes überfordert zu sein. Telefonische Anfragen beantwortet die Basler Zentrale nicht, bis zum Abend gab es auf E-Mails keine Antwort.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Marktführer in Unfälle verwickelt ist. 2016 rammte ein Viking-Hotelschiff bei Erlangen in Deutschland eine Brücke. Die Führungscrew hatte vergessen, das Führerhaus einzuziehen. Zwei Besatzungsmitglieder starben. 2004 hatte die Viking Europe in Wien bei einem verbotenen Wendemanöver einen Brückenpfeiler gerammt. Einige der rund 135 Passagiere erlitten Prellungen oder Schürfwunden.

Video: Zusammenprall auf der Donau

Eine Webcam hat den Zusammenprall der beiden Boote auf der Donau in Budapest festgehalten. Video: Idökep

Rein statistisch macht die wachsende Zahl der Schiffe Unfälle wahrscheinlicher: Allein in Europa sollen in diesem Jahr 18 neue Schiffe ihre Anker lichten. Spätestens seit dem Unglück in Budapest steht die Frage im Raum: Geht das Wachstum zulasten der Sicherheit?

Die Gewerkschaft Nautilus beklagt schon länger die Arbeitsbedingungen an Bord: «Wir hören regelmässig Klagen über überlange, unentschädigte Arbeitszeiten, niedrige Löhne oder Verletzungen von Arbeitnehmerrechten», schreibt Nautilus auf seiner Website.

Bildstrecke: Schiff kentert auf Donau

Daniel Buchmüller, Präsident der Branchenvereinigung IG Rivercruise, widerspricht: «Kein Schiff darf fahren, wenn keine qualifizierte Crew an Bord ist. Die Behörden kontrollieren diese mehrmals jährlich unangemeldet.» Eine Schifffahrt auf einem Fluss zähle nach wie vor zu den sichersten Formen des Reisens. André Auderset, Geschäftsführer der SVS, räumt ein, dass die Branche mittlerweile bis nach Indonesien gehen muss, um Personal zu rekrutieren. Doch das gelte primär für den Hotelbereich. Schlechte Bedingungen bei der Schiffscrew könne sich kein Anbieter leisten. «Die Schiffsoffiziere können es sich aussuchen, für wen sie arbeiten wollen», sagt Auderset.

Dass Basel zu einem Zentrum der Flusskreuzfahrten geworden ist, hat unter anderem historische Gründe. Am Rheinknie ist das Schifffahrtregister, und die Rheinschifffahrtsdirektion wünschte, dass die Firmen auch vor Ort vertreten sind. Auderset fügt an, dass die Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden reibungslos verlaufe. Das gebe Rechtssicherheit.

Folgen für Buchungszahlen?

Beim Unfall in Budapest kam kein Passagier des Kreuzfahrtschiffes zu Schaden. Dennoch stellt sich die Frage, ob das Drama von Budapest einen Einfluss auf die Buchungszahlen haben wird. «Das ist derzeit schwer zu beurteilen. Ein Unfall mit diesem Ausmass auf einem europäischen Fluss ist mir nicht bekannt», sagt IG Rivercruise-Präsident Buchmüller.

Touristen scheinen indes schnell zu vergessen. 2012 kenterte das Mittelmeer-Kreuzfahrtschiff Costa Concordia. 32 Reisende starben. Doch das Drama konnte dem Wachstum der Branche nichts anhaben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.06.2019, 08:39 Uhr

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