Die Versicherungen fürchten um ihre Goldgrube

Für die Branche ist der Schweizer Markt besonders lukrativ. Jetzt zeichnet sich ein Preiskampf bei den Prämien ab.

Hauptsitz Zurich Insurance: Die Versicherung erwirtschaftet 8 Prozent ihrer Erträge aber 18 Prozent ihres Gewinns in der Schweiz.

Hauptsitz Zurich Insurance: Die Versicherung erwirtschaftet 8 Prozent ihrer Erträge aber 18 Prozent ihres Gewinns in der Schweiz.

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Den Schweizerinnen und Schweizern eilt zwar der Ruf voraus, ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis zu haben. Tatsächlich aber hält sich das, was sie freiwillig für Versicherungsleistungen ausgeben, gemessen an ihrem Monatsbudget in überschaubaren Grenzen. Der letzten Erhebung des Bundesamtes für Statistik zufolge gibt ein durchschnittlicher Haushalt 3,6 Prozent seines Brutto­einkommens für nicht obligatorische Versicherungsprämien aus. Zieht man davon noch die Aufwendungen für Krankenkassen-Zusatzversicherungen ab, reduziert sich der Budgetposten auf zwei Prozent. Fast gleich viel legen Herr und Frau Schweizer für Telefon und Internetzugang auf den Tisch, und die Grundversorgung der Krankenkasse kostet gar mehr als das Doppelte.

Doch für die Versicherungswirtschaft hat der Schweizer Markt dennoch eine beträchtliche Grösse. Das hängt einerseits damit zusammen, dass das durchschnittliche monatliche Brutto­einkommen eines Schweizer Haushaltes mit 10 063 Franken (im Jahr 2012) weit über dem internationalen Durchschnitt liegt, und die Tarife für Sachversicherungen weit über jenen der meisten anderen Länder liegen.

Kleiner Markt, grosse Gewinne

Nicht von ungefähr ist das Geschäft in der kleinen Schweiz selbst für weltweit tätige Versicherer von erheblicher Bedeutung. Die Zurich erwirtschaftet 2014 im Inland zwar «nur» rund acht Prozent ihres gesamten Prämienertrages. Aber die Schweiz steuerte satte 18 Prozent zum operativen Konzerngewinn bei. Der französische Axa-Konzern verdiente 2014 hierzulande fast zehn Prozent seines Gruppengewinns, bei einem Prämienanteil von elf Prozent. Dasselbe Muster gilt auch für die deutsche Allianz und für die italienische Generali, wenn auch absolut in einem viel geringeren Ausmass (vgl. Tabelle).

Was für diese Weltkonzerne Bestand hat, trifft noch weit mehr auf die lokalen Anbieter zu. Die Baloise erwirtschaftet im Heimmarkt rund 60 Prozent ihres Prämienvolumens und erzielt damit 63 Prozent des Konzerngewinns. Bei der Helvetia erreicht der inländische Gewinnanteil sogar nahezu 70 Prozent, bei einem Prämienanteil von 60 Prozent. Die Mobiliar betreibt gar kein Auslandgeschäft.

Weit aufschlussreicher als die absolute Höhe der Gewinne ist aber deren Verhältnis zum eingesetzten Eigenkapital. Denn nur daraus lässt sich erkennen, was für die Risikokapitalgeber am Ende übrig bleibt und wie attraktiv ein Geschäft tatsächlich ist. Hier drängt sich ein Blick in die Spartenrechnungen auf, wie sie die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) auf ihrer Website für alle in der Schweiz tätigen Versicherer publiziert. Daraus wird sofort ersichtlich: Die Goldgrube der Schweizer Assekuranz ist deren Schadengeschäft, insbesondere die Versicherungen von Sachwerten wie Autos, Hausrat, Immobilien, aber auch Personenversicherungen.

Axa Winterthur, die Schweizer Tochter des Pariser Grosskonzerns, brachte es hier als führende Anbieterin mit einem Marktanteil von 12,4 Prozent im Jahr 2013 auf eine Eigenkapitalrendite von nicht weniger als 18,5 Prozent. Auch die Eigenkapitalrendite der Zurich Insurance (Marktanteil 9,9 Prozent) kommt mit 14,3 Prozent nicht gerade bescheiden daher, vor allem wenn man sie mit den entsprechenden Werten der Banken vergleicht. Bei den lokalen Mitbewerbern ist das Bild nicht anders. Die Mobiliar erreichte 2013 im Schadengeschäft eine Eigenkapitalrendite von über 20 Prozent, bei der Baloise waren es 18 Prozent und bei der Helvetia immerhin rund 13 Prozent. Und diese ausgewiesenen Zahlen müssen nicht einmal die ganze Wahrheit sein. Wenn die Unternehmen ihre satten Gewinne nutzen, um mehr als unmittelbar nötig in die Reserven zu stecken, was viele in den vergangenen Jahren getan haben dürften, dann sind die effektiven Renditen sogar noch deutlich höher.

Weit weniger glänzend stellt sich dagegen die Rentabilität der Leben-Sparte dar. Axa Winterthur schaffte es darin 2013 auf eine Eigenkapitalrendite von lediglich 6,9 Prozent, Baloise auf 7 Prozent und die Mobiliar sogar nur auf 6 Prozent. Die Swiss Life ist mit ihrer im Vergleich zum Schadengeschäft immer noch bescheidenen Eigenkapitalrendite von 10,7 Prozent geradezu eine Ausnahmeerscheinung.

Die tiefen Zinsen drücken

Grund für die eklatante Diskrepanz zwischen den beiden Sparten ist das beispiellos tiefe Zinsniveau. Seit sieben Jahren bewegen sich die Zinsen mit einigen kurzen Unterbrüchen laufend nach unten. Nirgends ist dieser Trend so ausgeprägt wie in der Schweiz, wo die Renditen von Anleihen der Eidgenossenschaft mit bis zu zehnjähriger Laufzeit ein negatives Vorzeichen aufweisen. Die Lebensversicherer ächzen unter ihren Beständen an alten Policen, deren Zinsgarantien auf dem Finanzmarkt kaum mehr zu verdienen sind, ohne grössere Anlagerisiken in Kauf zu nehmen.

Das gilt in besonderem Mass für das sogenannte BVG-Geschäft mit der beruflichen Vorsorge. Die Nachfrage von Pensionskassen kleinerer und mittelgrosser Betriebe, die bei der privaten Versicherungswirtschaft eine vollständige Deckung des Anlagerisikos suchen, ist ungebrochen. Doch das Geschäft bindet bei den Versicherungsunternehmen grosse Mengen an Eigenkapital, das im Vergleich zum Schadengeschäft eine weit unterdurchschnittliche Verzinsung erhält. Vor wenigen Jahren waren es noch acht Anbieter, die sich diesen grossen Markt gegenseitig streitig machten. Inzwischen sind es noch deren sechs.

Am Gründonnerstag hat Axa Winterthur die schrittweise Senkung des Umwandlungssatzes in der Vollversicherung im überobligatorischen Teil von derzeit 5,6 Prozent auf 5 Prozent bis 2018 bekannt gegeben. Versicherte, die noch im aktiven Berufsleben stehen und einen Jahreslohn von mehr als 84 600 Franken nach Hause tragen, werden auf die über diesen Betrag hinausgehende Versicherungssumme eine Kürzung des bisherigen Rentenversprechens hinnehmen müssen. Die Massnahme dürfte schon bald etliche Nachahmer finden, denn das dem Entscheid zugrunde liegende Problem, dass die garantierten Pensionsleistungen der Rentner über die Verzinsung des angesparten Alterskapitals nicht mehr vollständig gedeckt werden können und deshalb durch Abstriche an der Anlagerendite der aktiven Bevölkerung subventioniert werden müssen, ist ein generelles Dilemma.

Härtere Zeiten in Sicht

Doch ebenso wie die tiefen Zinsen den Lebensversicherern das Geschäft verderben und den künftigen Rentnern das Einkommen im Ruhestand vermindern, dürfen die Schweizer Versicherungsnehmer in nächster Zeit auf eine Phase mit fallenden Prämien für ihre Auto-, Hausrats- oder Haftpflichtpolicen zählen. Der Kampf um Marktanteile im lukrativen Schadengeschäft hat nach Aussagen von Marktbeobachtern bereits im vergangenen Jahr deutlich zugenommen und er wird sich in nächster Zeit weiter akzentuieren. Die sogenannten Allbranchen-Versicherer suchen durch den forcierten Ausbau des Schadengeschäfts nach einer Kompensation für das zunehmend ertragsschwache Leben-Geschäft. Dieser Wettbewerb spielt sich erfahrungsgemäss über den Preis ab.

Ein klarer Vorbote dieser Entwicklung war der Übernahmekampf um die Nationale Suisse, die im vergangenen Jahr zum hohen Preis von 1,8 Milliarden Franken ins Eigentum der Helvetia übergegangen war. Ob die Rechnung der Ostschweizer unter den Bedingungen eines intensivierten Preiskampfes immer noch aufgeht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Sicher ist indessen, dass sich die Assekuranz nicht darauf verlassen kann, dass ihr das Schadengeschäft als Goldgrube auf ewige Zeiten erhalten bleibt.

Mit dem Ende des Versicherungskartells Mitte der Neunzigerjahre hatte sich der Wettbewerb in der Branche zunächst deutlich belebt. Der Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 brachte diese Entwicklung aber rasch wieder zum Stillstand, weil sich die Versicherer aus berechtigter Vorsicht lieber auf Besitzstandswahrung als auf Wachstum einstellten. Nun wird sich zeigen, ob die kartellistischen Reflexe von einst noch einmal aufleben und sich die Branche zum eigenen Schutz auf einen stillschweigenden Nichtangriffspakt einigen kann.

Die Chancen dazu stehen zum Glück für die Versicherungsnehmer nicht allzu gut, wie der bereits heftig tobende Preiskampf in Deutschland und in anderen europäischen Märkten andeutet. Allerdings gibt es auch weiterhin genügend Hinweise, dass der Schweizer Versicherungsmarkt eine geschlossene Gesellschaft bleiben könnte. Die Nationale Suisse hätte in einem anderen Land wohl mehr Bieter auf den Plan gerufen als hierzulande, wo sich Helvetia und Mobiliar letztlich allein um die Beute streiten durften.

Erstellt: 07.04.2015, 11:03 Uhr

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