Hintergrund

Die Wirren im Banknotendruck

Die neue Banknotenserie verzögert sich. Nun fordert die Panne ihr erstes Management-Opfer. Klar ist: Der Banknotendruck hat seine Tücken – das zeigt die Geschichte.

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«Banknotendebakel hat Konsequenzen bei Landquart», titelte die «Handelszeitung» gestern (Artikel online nicht verfügbar). Was war geschehen? Beim Papierlieferanten Landquart verliess der operative Leiter, Erich Sulser, das Unternehmen. Zudem demissionierte Firmenboss Alfonso Ciotola als VR-Präsident der Muttergesellschaft Fortress Paper. Das Unternehmen will sich auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht weiter äussern.

Wie seit längerem bekannt ist, verzögert sich die Emission der neuen Banknotenserie. 2010 sollte sie ursprünglich in Umlauf gesetzt werden, nach jüngsten Berichten wird es aber vermutlich sogar 2014. Wo liegt das Problem? «Mit den Lieferungen eines Unterlieferanten gab es Verzögerungen. Die Spezifikationen wurden (…) nicht eingehalten», sagte Orell-Füssli-Chef Michel Kunz im Februar zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mehr war nicht in Erfahrung zu bringen. Der Grund: Der Banknotendruck ist eine hochgeheime Angelegenheit. Seit Wochen und Monaten wird nun gerätselt, was schiefläuft.

Immer wieder war die Rede davon, dass es bei der Papierfabrik Landqart hapert. Jetzt scheint sich dieser Verdacht zu erhärten. «Bei der Herstellung des neuen Notenpapiers läuft es nicht rund», schreibt die «Handelszeitung», wobei sich das Blatt auf Angaben aus dem Geschäftsbericht beruft. Der Papierhersteller soll gegen einen Unterlieferanten vorgehen. Dass offenbar noch ein weiterer Lieferant im Spiel ist, würde sich mit dem Inhalt einer offiziellen Orell-Füssli-Mitteilung decken, wonach die Verschiebung «aufgrund von Lieferverzögerungen eines Zulieferanten entstanden» sind.

Schweiz hat weltweit höchsten Standard

Wo auch immer die Probleme bei der Herstellung der neuen Schweizer Banknotenserie liegen. Den Stress der ständigen Erneuerung erlegt sich die Schweiz – respektive die Nationalbank als Auftraggeberin – selber auf. «Man hat sich vorgenommen, ungefähr alle 20 Jahre eine neue Banknotenserie herauszugeben», sagt Jürg Richter. Der Numismatiker kennt die Geschichte der Schweizer Banknoten wie kaum ein anderer im Land. Er hat zusammen mit Ruedi Kunzmann das über 600 Seiten schwere Standardwerk «Die Banknoten der Schweiz» (siehe Box links) herausgegeben.

Vonseiten der SNB hiess es dazu jüngst in einem Radiobeitrag: «Wir wollen den Vorsprung auf die Fälscher halten.» Darum sei es wichtig, mit neuen Technologien und entsprechend neuen Sicherheitsmerkmalen die Schweizer Banknoten immer wieder zu verbessern. «Bei den Banknoten hat die Schweiz den höchsten Standard», sagt Richter. Als «weltweit einmalig» bezeichnet Richter Qualität und Sicherheit. Sein vernichtendes Urteil zum Dollar: «Unter ferner liefen.» Und auch dem Euro seien die Schweizer Banknoten voraus, erklärt Richter.

Der 100er von 1918 wurde rasch wieder eingezogen

Dass man nun mit der 9. Emission in Verzug gerät, will Richter nicht kommentieren. Nur so viel: «Schwierigkeiten mit Schweizer Banknoten gab es immer wieder.» Der Experte erzählt eine Anekdote aus den 10er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die erste Hunderternote, die im Jahre 1918 von der Nationalbank herausgegeben wurde, hätte nach kurzer Zeit wieder eingezogen werden müssen. «Es waren zu viele Fälschungen im Umlauf», so Richter. Damals sei es noch nicht möglich gewesen, die Banknoten mit speziellen Sicherheitsmerkmalen zu versehen.

Noch bis zur 5. Emission – die 1980 eingezogen wurde – sei man bezüglich Sicherheitsmerkmalen auf tiefem Niveau gewesen. «Es gab einen in der linken Notenhälfte verlaufender Metallfaden und Papier mit fluoreszierenden Fasern», erklärt Richter. Kein Wunder, versuchte es der schweizweit bekannt gewordene Drucker Hansjörg Mühlematter mit einer gefälschten Hunderternote. Der Fall flog auf, Mühlematter musste für 32 Monate ins Gefängnis.

Fälschungen heute schwierig

Heute sei es kaum mehr möglich, gute Fälschungen von Schweizer Banknoten zu machen, sagt Richter. Die Statistik bestätigt ihn. Gerade mal 4500 gefälschte Noten zählte die Bundespolizei im Jahr 2010. Warum denn trotzdem die Eile, wenn man doch den anderen Ländern so weit voraus ist und die Fälscher bereits jetzt zu kontrollieren scheint? «Die Schweiz will dem Image als Land mit fälschungssicheren Banknoten gerecht werden. Und sie will führend sein», so Richter. Immerhin scheint der 20-Jahre-Rhythmus nicht gefährdet. Die jetzige Banknotenserie – die achte – wurde 1995 eingeführt. Es bleiben also noch drei Jahre Zeit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2012, 13:52 Uhr

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Das Standardwerk in Sachen Banknoten: «Die Banknoten der Schweiz» von Ruedi Kunzmann und Jürg Richter.

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