ZKB löscht heikles Kapitel – und kassiert Rüffel

Am 6. Juli um 10.09 Uhr war sie plötzlich verschwunden, die Wikipedia-Passage über Turbulenzen von 2006/2007 bei der ZKB.

Der Fall Sulzer passte für die Bank nicht mehr in ihr Wikipedia-Profil. ZKB-Filiale im Prime Tower. Foto: Dominique Meienberg

Der Fall Sulzer passte für die Bank nicht mehr in ihr Wikipedia-Profil. ZKB-Filiale im Prime Tower. Foto: Dominique Meienberg

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Die Informationen über die Zürcher Kantonalbank im Internetlexikon Wikipedia sind auf den ersten Blick nicht eben aufsehenerregend. Da finden sich die neusten Geschäftszahlen, die Namen der aktuellen politischen und operativen Verantwortlichen sowie eine lange Auflistung der Engagements des Staatsinstituts für die Öffentlichkeit – vom Zoo bis zum Nachtnetz des Zürcher Verkehrsverbundes. Unter dem Stichwort «Hypothekargeschäft» liest man, dass die Bank die Bautätigkeit «durch Vergabe von Kleinsthypotheken und durch Darlehen an Wohnbaugenossenschaften» fördert.

Gar nicht ins sympathische Erscheinungsbild passt aber der zweitletzte Absatz im Wikipedia-Eintrag. Unter dem Titel «Mangelnde Einhaltung interner Richtlinien 2006/2007» wird ein heikles Kapitel aus der jüngeren Bankgeschichte angetippt: Die scheinbar verlässliche Hausbank des Maschinenkonzerns Sulzer hatte dem russischen Milliardär Viktor Vekselberg und der österreichischen Beteiligungsgesellschaft Victory zur Machtübernahme in Winterthur verholfen. Es war ein Spiel mit verdeckten Karten, bei dem interne Reglemente verletzt und die Schwächen des Risikomanagements ausgenutzt worden waren. Damit nicht genug, spekulierte auch noch der damalige oberste ZKB-Chef Hans F. Vögeli privat über ein Wertschriftendepot bei der Bank Vontobel auf Sulzer-Aktien mit.

Der Wikipedia-Eintrag hält auch fest, dass die Bank im Anschluss an den Skandal verschiedene Verbesserungen in der Organisation getroffen habe.

«Offensichtlicher Vandalismus»

Am 6. Juli schritt die ZKB-Pressestelle zur Tat. Um 10.09 Uhr löschte jemand aus dieser Abteilung die gesamte Passage. Der Akt des Vergessens währte nur wenige Minuten. Bereits um 10.32 hatte ein «Sichter» – so heissen jene eingefleischten Wikipedianer, die mit Argusaugen verfolgen, was bei Einträgen geändert wird – den gesamten Abschnitt wieder aufgeschaltet. «Ich habe dies rückgängig gemacht, unbegründete Löschungen werden so gehandhabt», rechtfertigte der Sichter seinen Schritt. Werde ein ganzer Abschnitt «unbegründet» gelöscht, handle es sich gemäss Wikipedia-Regeln um «offensichtlichen Vandalismus». Immerhin stellt auch der Sichter fest, dass der gesamte Abschnitt «schlecht bequellt» sei – sprich: dass die Ausführungen viel besser mit Quellenangaben versehen sein sollten. Was für potenzielle Wiki­pedia-Schreiber kein Problem sein dürfte, weil der Fall ZKB/Sulzer mas-senhaft in Medienberichten, Untersuchungspapieren und Ratsprotokollen dokumentiert ist.

Die Zürcher Staatsbank begründet die versuchte Streichung so: «Aufgrund der Aktualisierung des Wikipedia-Profils hat das Social-Media-Team den nicht mit Quellenangaben belegten Textabschnitt zur Löschung vorgeschlagen.» Ob dieser «Vorschlag» höheren Ortes gemacht oder zuvor der Bankleitung mitgeteilt worden ist, will ZKB-Sprecherin Katharina Wächli nicht sagen. Dass die Änderung rückgängig gemacht wurde, entspreche den «demokratischen Prinzipien des Mediums, welche wir begrüssen».

Zu Streitigkeiten um kritische Passagen bei Wikipedia gibt es viele Beispiele. So wurde auch bei der Bank Coop der Versuch unternommen, Angaben zum Falschversand von Kundenrechnungen an Tausende von Kunden Anfang 2014 zu löschen.

Ein Gezerre zwischen Nestlé-nahen Absendern und Wikipedia fand statt, nachdem die Öffentlichkeit Kenntnis ­davon erhielt, dass der Nahrungsmittelmulti Spitzel in die Antiglobalisierungsgruppe Attac eingeschleust hatte. Hinweise von Wikipedianern wurden regelmässig gelöscht. Im Nachhinein reklamieren die Wiki-Anhänger den Sieg für sich, weil die gelöschten Hinweise noch immer im Informationsportal stehen.

Anfang letzten Jahres berichtete das ARD-Magazin «Monitor» über Manipulationsversuche durch bezahlte PR-Agenturen. So wurden etwa beim deutschen Fahrzeugbauer MAN Informationen über Panzerlieferungen an das Nazi-regime eliminiert.

Der Zürcher Anwalt Martin Steiger, der Personen und Organisationen im ­digitalen Raum juristisch berät, erklärt, dass es in der Wikipedia-Welt verpönt sei, wenn Unternehmen eigene Einträge bearbeiten würden. Weil auf der anderen Seite viel zu wenige Nutzer am Aufbau der Onlineenzyklopädie mitmachten, eröffne dies ein weites Feld für PR-Unternehmen.

Keine Chance gegen PR-Profis?

Ehrenamtliche Wiki-Autoren und Sichter gegen bezahlte PR-Profis: ein aussichtsloser Kampf?

Micha Rieser, der zu der Handvoll Wikipedia-Administratoren in der Schweiz gehört, verweist auf die möglichen Sanktionen. Werde eine Wiki-Seite von unangemeldeten Nutzern oder neuen Nutzern in problematischer Weise bearbeitet, lasse sich die Seite notfalls schützen. Einträge vornehmen oder bearbeiten dürften dann nur noch Administratoren. Die mildeste Variante besteht in der Verwarnung. Zu diesem Mittel hat Rieser nun im Fall der ZKB gegriffen. Der Account der Pressestelle sei am Mittwoch «administrativ verwarnt» worden.

Auch Rieser verweist auf ein grundsätzliches Problem. Es gebe viel zu wenige Wikipedianer, die sich um Unternehmen kümmerten. Ergebnis: «Die Einträge zu Unternehmen sind allgemein von schlechter Qualität.»

Die Wahrheit liegt wohl im Auge des Betrachters: Die ZKB-Verantwortlichen müssen zwar weiterhin mit dem Makel Sulzer leben. Dass sie nach dieser Fallgrube sogleich in die US-Steueraffäre tappten, hat es dagegen bis jetzt nicht einmal mit einem Satz in den Wikipedia-Eintrag geschafft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2015, 23:28 Uhr

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