Hintergrund

«Die beiden Grossen sind schon jetzt am Limit»

Nach dem A-320neo von Airbus will auch Boeing bald eine treibstoffsparende Maschine anbieten. Eine Gefahr für die CSeries von Bombardier, die auch für die Swiss fliegen wird? Ein Experte meint: Keineswegs.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Neuauflage der Boeing 737 mit dem Triebwerk Leap-X der Herstellers CFM soll den Airlines ab etwa 2015 helfen, bis zu zehn Prozent der Treibstoffkosten zu sparen. «Bombardier CSeries unter Druck», titelte Canadian Business in seiner Online-Ausgabe. Das renommierte Magazin zitierte dann allerdings auch einen Sprecher des Unternehmens mit der Aussage, dass der Businessplan immer auch die Antwort eines Wettbewerbers berücksichtigt habe. Man sei nicht sonderlich beunruhigt.

Zu Recht, wie der deutsche Aviatikfachmann Heinrich Grossbongardt meint. Das Potenzial, Treibstoffkosten einzusparen, schätzt er bei der neuen CSeries mit mehr als 20 Prozent deutlich höher ein als bei einer «umgerüsteten» 737 – erstens wegen der ebenso sparsamen Pure-Power-Triebwerke von Pratt & Whitney, die Bombardier anbieten wird. Und zweitens wegen der Leichtbauweise der Modelle CS100 und CS300 mit Kohlefasern und Aluminiumlegierung, die eigens für ihr Marktsegment konstruiert sind – und eben nicht für einen Bereich von 110 bis 21o Sitzen.

Hoffnung auf geringere Wartungskosten

Neben der modernen Bauweise dürften die CS-Modelle im Segment für die Kurz- und Mittelstrecken, wo sie die Boeing 737-600 oder den Airbus-318 konkurrenzieren, einen weiteren Vorteil mitbringen: ein Design, das darauf abzielt, die Wartungsintervalle zu vergrössern und die laufenden Kosten so zu senken.

Boeing gelang es laut Grossbongardt beim neuen Dreamliner, die Wartungskosten gegenüber Vorgängermodellen um bis zu 30 Prozent zu mindern. «Etwas Ähnliches ist bei der CS-Series auch zu erwarten», sagt er – und verweist in diesem Zusammenhang auf die Nachfrage nach den Maschinen, die ab 2013 ausgeliefert werden sollen: «123 feste Bestellungen und 109 Optionen – das ist doch schon mal ein Wort!»

Auftragsbücher bei Airbus und Boeing voll

Als weiteren Faktor nennt der Fachmann gerade den Erfolg der beiden Marktführer. Am vergangenen Mittwoch verkündete die Fluggesellschaft American Airlines, dass sie 260 Airbus-Jets und 200 Boeing-Maschinen bestellt hat. Die Hunderte Orders bei der Paris Airshow im vergangenen Juni eingerechnet, seien die Kapazitäten nun ausgelastet. «Die beiden Grossen arbeiten schon jetzt am Limit. Sie könnten die Produktion auch mit neuen Werken nicht weiter erhöhen, schon wegen der vielen Zulieferer, von denen sie abhängen», sagt Grossbongardt, «wenn ich als Airline dort heute bestelle, bekomme ich die Maschine erst 2017 geliefert.»

Warum also nicht ein Flugzeug nehmen, das vielleicht etwas weniger Sitzplätze hat, aber dafür kostensparender konstruiert ist und schneller verfügbar? So könnte die Bombardier als Nummer drei laut Grossbongardt vom Absatz der Marktführer profitieren – und vom enormen Kostendruck auf den Kurz- und Mittelstrecken. «Der Anteil der Treibstoffe an den Betriebskosten ist in den vergangenen zehn Jahren von 15 auf 40 Prozent gestiegen», sagt er, «die klassischen Airlines verdienen dort im Moment kein Geld.»

Keine Änderungen der Strategie zu erwarten

Es scheint also, als könne das Bombardier-Management wirklich weiterhin ruhig schlafen. Bei der Swiss teilte die Pressestelle auf Anfrage mit, dass man an der CSeries festhalte. Und auch die Lufthansa, die den Markt angesichts ihres grossen Bedarfs noch genauer beobachtet, findet weiterhin, dass die CS100 am besten zu den Bedürfnissen der Swiss passe. Wohl nicht zuletzt wegen der «tollen Kabine», wie Grossbongardt findet, die auch die Ansprüche einer Premiummarke erfülle.

Erstellt: 22.07.2011, 09:12 Uhr

Artikel zum Thema

Die grösste Bestellung der Luftfahrtgeschichte

Die US-Fluggesellschaft American Airlines vergibt einen Auftrag über 460 neue Flugzeuge. Freuen dürfen sich sowohl Boeing als auch Airbus. Mehr...

Mit dem A320-Neo setzt Airbus zum Höhenflug an

Boeing und Airbus werden an der Luftfahrtmesse in Frankreich von Grossaufträgen überflutet. Die spektakulärste Bestellung stammt von einer indischen Billigfluggesellschaft. Mehr...

Weitere Milliardenaufträge für Boeing und Airbus in Le

Luftfahrt Le Bourget Die Flugzeughersteller Airbus und Boeing haben am Dienstag auf der Luftfahrtschau in Le Bourget bei Paris Aufträge in Milliardenhöhe bekommen. Mehr...

Zur Person

Heinrich Grossbongardt, Jahrgang 1956, gilt als Experte für die Zivilluftfahrt. Als Fluglehrer und Pilot hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Er hat viele Jahre lang für Airlines, Flugzeughersteller und Zulieferer gearbeitet. Neben Tätigkeiten im Bereich des Marketing war er unter anderem als Pressesprecher beim Hersteller Cessna tätig.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...