Die chinesische Automarke Qoros kommt nicht auf Touren

Der Qoros hätte mit deutschem Know-how zum Exportschlager werden sollen. Doch der Verkauf läuft so schlecht, dass dem Projekt ein vorzeitiges Ende droht.

War speziell für den europäischen Markt gedacht: Der Qoros 3 Kombi. Bild: pd

War speziell für den europäischen Markt gedacht: Der Qoros 3 Kombi. Bild: pd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die deutsche Handschrift bei der Entwicklung der chinesischen Möchtegern-Qualitätsmarke Qoros hat ihre Wirkung bislang verfehlt. Deutsches Design und deutsches Management sollten aus einem chinesischen Auto einen Verkaufsschlager für die ganze Welt machen. Herausgekommen ist stattdessen ein Ladenhüter mit veralteter Technologie, der es nicht einmal mit den enttäuschenden Verkaufszahlen von Elektrofahrzeugen in China aufnehmen kann.

Anfang des Jahres startete der Verkauf. Seitdem brachte der Hersteller nach Angaben der Shanghaier Beratungsfirma Automotive Foresight lediglich 550 Fahrzeuge pro Monat an den Mann. Qoros selbst gibt keine Zahlen bekannt, aber Mitte Oktober gestand Vorstandschef Gou Qian bei einer Konferenz der Autoindustrie in Wuhan, dass die Wahrnehmung der Marke den Erwartungen «weit hinterherläuft». Der deutsche Geschäftsführer Volker Steinwascher sagte der Zeitung «Die Welt»: «Eine neue Marke aufzubauen, geht nicht über Nacht.»

Eine letzte Chance

Doch der Erfolgsdruck wächst. Am Donnerstag stellte Qoros bei der Automesse im südchinesischen Guangzhou eine neue SUV-Version vor, das insgesamt dritte Modell aus der China-Schmiede. Analyst Zhang Yu von Automotive Foresight sieht darin fast schon die letzte Chance für den Hersteller. «Wenn sie mit dem neuen SUV das Ruder nicht herumreisst, dann kann die Firma in ernsthafte Schwierigkeiten geraten», sagt er.

Zwar versicherte die israelische Investmentgruppe Israel Corp. vor einigen Wochen im «Wall Street Journal» ihre künftige Unterstützung. Doch angesichts des schwachen Interesses am Qoros stellt sich die Frage, wie nachhaltig die Ankündigung der Investoren tatsächlich ist. Die Israelis halten 50 Prozent des Gemeinschaftsunternehmens, die andere Hälfte gehört dem privaten chinesischen Hersteller Chery.

Grosser Hype im Vorfeld

Dabei waren die Voraussetzungen für eine breite Wahrnehmung der Marke glänzend, so schien es. Der Hype in chinesischen und internationalen Medien um das Projekt war gross. Von heute auf morgen galt Qoros als ernsthafter Herausforderer der globalen Autoindustrie. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn warf seinem ehemaligen Angestellten Steinwascher den Ausverkauf deutschen Know-hows vor und wollte ihm sogar die Betriebsrente verweigern. Branchenkenner indes fanden das Konzept der Systemzulieferung von Antriebsstrang und Karosse von jeweils einem einzigen Hersteller einen spannenden Ansatz. Der deutsch-israelisch-chinesischen Koproduktion war viel Aufmerksamkeit gewiss. Doch die Zündung versagte.

«Die Kosten sind zu hoch und die Effizienz zu gering», sagt Yang Jian vom Branchendienst China Automotive News. Das Vertriebsnetz entpuppt sich als viel zu klein, um grossflächig den Markt zu erobern. Nur wenige Dutzend Händler im Land bieten den Qoros an. Wegen der schlechten Verkaufszahlen finden sich auch keine neuen Händler. Man habe zu spät mit dem Aufbau des Netzes begonnen, heisst es aus dem Unternehmen.

Strategischer Zickzackkurs

Deutsche Ingenieure, die Qoros-Modelle in China getestet haben, klagen zudem über schlechte Technologie und den Lärmpegel im Innenraum. Die Chery-Motoren hätten auch Mühe, die Abgasnormen zu erfüllen. Die schlechten Nachrichten über den Qoros haben sich inzwischen herumgesprochen. Wichtige Mitarbeiter haben das Unternehmen in den letzten Monaten verlassen. Personalfirmen sind derzeit verstärkt auf der Suche nach neuen Köpfen und handeln sich zahlreiche Absagen ein, wie die Geschäftsführerin einer Personalfirma zugibt. «Die Leute wollen nicht zu Qoros, weil sie sehen, dass das Projekt nicht läuft.»

Als wenig förderlich erweist sich der strategische Zickzackkurs. Anfangs sollten Chery-Modelle als Basis für die neue Marke herhalten, ehe man sich anders entschied und von Chery nur die Motoren übernahm. Der Export in grosse Teile Europas wurde vorerst auf 2016 verschoben. Vor einer Weile wurde gemunkelt, Qoros wolle ein Elektrofahrzeug auf den Markt bringen. Davon ist bislang weit und breit nichts zu sehen. Nicht einmal ein richtiger Werbeslogan ist bislang gefunden.

Chery mit Hintergedanken?

Das Hin und Her habe auch mit der ständigen Einmischung von Chery in strategische Fragen zu tun, sagen Brancheninsider. Inzwischen kursieren Gerüchte, dass Chery das Gemeinschaftsunternehmen mit Absicht gegen die Wand fahren lassen möchte. Sollte sich der israelische Investor zurückziehen, bliebe eine nagelneue Autofabrik mit einer Maximalkapazität von 300'000 Fahrzeugen pro Jahr als Hinterlassenschaft zurück. Chery könnte sich diese Fabrik spottbillig einverleiben.

Verwendung dafür hat das Unternehmen, das seit Jahren rote Zahlen schreibt. Denn in der Nachbarschaft schraubt die Firma in einem zweiten Gemeinschaftsunternehmen Fahrzeuge mit der Nobelmarke Jaguar Land Rover zusammen. Deren Verkäufe ziehen an. Eine Ausweitung der Produktion wäre dann in kurzer Zeit machbar. Der Traum vom Bestseller wäre zwar geplatzt, aber für Chery hätte der Qoros seinen Zweck erfüllt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 22:15 Uhr

Artikel zum Thema

Neuer Angriff aus China

5 Jahre nach ihrer Gründung stellt die Marke Qoros am Genfer Auto-Salon ihr erstes Modell vor – den Qoros 3. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Dummheit als Ware

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Reif für die Insel: Die philippinische Insel Boracay ist wieder für Touristen geöffnet.Sie war wegen massiver Umweltprobleme geschlossen worden. Viele Hotels und Geschäfte sollen ihr Abwasser samt Fäkalien jahrelang ins Meer geleitet haben. Hier ist die vulkanische Formation Williy's Rock' auf der Insel zu sehen. (16. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Mark R. Cristino) Mehr...