Die dunkle Seite des Unternehmens

Die US-Börsenaufsicht verlangt von Firmen – auch aus der Schweiz – eine umfangreiche Darstellung aller Risiken, die durch eigene Fehler entstehen könnten. Eine lohnende Lektüre.

Der US-Börsenaufsicht berichten Schweizer Firmen – wie etwa die UBS  – mehr, als sie dies hierzulande tun. Foto: Justin Lane (ETA/Keystone)

Der US-Börsenaufsicht berichten Schweizer Firmen – wie etwa die UBS – mehr, als sie dies hierzulande tun. Foto: Justin Lane (ETA/Keystone)

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Würden Sie von diesem Unternehmen Aktien kaufen? «Wir können Ihnen nicht zusichern, dass unser oberster Chef und ein weiterer führender Mitarbeiter ihre Verpflichtungen gegenüber dem Unternehmen einhalten.» Dieser Satz steht im Prospekt, den das chinesische Internetunternehmen Alibaba vor seinem Börsengang im September publiziert hat. Ist Alibaba-Chef Jack Ma besonders unzuverlässig?

Wohl kaum. Trotzdem wird die Warnung in den «Risk Factors» (Risikofak­toren) im Börsenprospekt aufgeführt. Während Unternehmen sonst gern ihre Erfolge und ihre Chancen in den Vordergrund stellen, müssen sie hier möglichst alles aufführen, was sie gefährdet und was schieflaufen könnte. Die Bemerkung zu Jack Ma findet sich im Zu­sammenhang mit einer möglichen In­teressenkollision, weil der Alibaba-Chef noch in einem Unternehmen engagiert ist, das bei Alibaba einen Milliarden­kredit aufgenommen hat.

Die Risikofaktoren sind eine Anforderung und Eigenheit der amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Sie müssen in allen Jahresberichten von börsenkotierten amerikanischen Unternehmen enthalten sein. Aber auch in jenen aus­län­discher Unternehmen, deren Aktien oder Aktien­ersatz an den US-Börsen ­gehandelt werden oder die einen Börsengang planen oder einfach nur neue Aktien heraus­geben wollen.

UBS entblättert sich

Welche Bedeutung die SEC diesen ­Darstellungen beimisst, zeigt sich daran, dass die Risiken sehr prominent platziert werden. Sie folgen gleich nach ­einer Zusammenfassung der wichtigsten Zahlen und Fakten zum Unternehmen.

Auch über grosse Schweizer Konzerne finden sich auf diesen Seiten ­bemerkenswerte Formulierungen. So musste sich die Grossbank UBS für die geplante Schaffung einer Holding­struktur bei der US-Aufsicht richtig­gehend entblättern. Die Bank schreibt im Prospekt, dass der Grund für die langfristige Reduktion ihres grenzüberschreitenden Privatkundengeschäfts die verschärfte Aufmerksamkeit der Steuerbehörden sei. Dass die Steuerhinterziehung bis vor kurzem der Treiber des Off-Shore-Vermögensverwaltungsgeschäfts war, ist zwar mittlerweile keine Neuigkeit mehr. Doch findet sie sich so explizit kaum je in einer offiziellen Verlaut­barung einer Grossbank. Das Geschäft mit den grenzüberschreitenden Kunden vor allem aus Asien sei zwar ein Ersatz für das frühere, doch sei es weniger rentabel, räumt die Grossbank weiter ein.

Auch bei den Risiken durch die rechtlichen Auseinandersetzung überrascht die Offenheit der Formulierungen: Weil die Bank einer Reihe von Ansprüchen, Streitfällen, weiteren rechtlichen Auseinandersetzungen und Untersuchungen von Regierungen ausgesetzt sei, dürfe man auch substanzielle monetäre Schäden, Kosten der Verteidigung bis zu Strafen für kriminelles und privatrechtliches Fehlverhalten nicht ausschliessen. Die Kosten dafür könnten deutlich höher ausfallen, als die Summe, welche die Bank für Rechtsfälle, Regulierungen und Ähnliches vorgesehen hat. Die Behörden würden bei der Bemessung von Konsequenzen die jüngste Ver­gangenheit berücksichtigen, in der schweres Fehlverhalten der Bank fest­gestellt worden war.­

«Die Unternehmen müssen bei der Darstellung der möglichen Risiken weit gehen», sagt ein Experte einer grossen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, der nicht namentlich genannt sein will. Mit den Riskohinweisen wolle sich ein ­Unternehmen vor allem absichern für den Fall, dass tatsächlich etwas schiefläuft. Theoretisch könnten Unternehmen sonst dem Vorwurf einer Täuschung von Investoren ausgesetzt sein.

«Mit der Finanzkrise ist der Anspruch an eine ausführliche Darstellung aller möglichen Risiken besonders gestiegen», sagt der Wirtschaftsprüfer. Entsprechend warnen Banken in den «Risk Factors» praktisch vor sich selbst.

Auch die Credit Suisse präsentiert den Aufsichtsbehörden und damit auch ihren Aktionären im Jahresbericht an die SEC tiefschürfenden Einblick. Der Text wird standardmässig mit der Bemerkung eingeleitet, dass das Geschäft und der finanzielle Zustand der Bank durch eine Reihe von Risiken, wie die aufgezählten, beeinträchtigt werden ­könnten. Das erinnert irgendwie an den Aufdruck auf den Zigarettenpackungen, wo vor den drohenden Konsequenzen des Rauchens gewarnt wird.

Warnung vor Immobilien-Crash

Auffällig bei den dann folgenden Ausführungen ist etwa die Erwähnung, dass Preiskorrekturen auf dem Schweizer ­Immobilienmarkt das entsprechende Geschäft der Credit Suisse «schwer negativ» beeinflussen könnten. Weiter schreibt die Bank, dass ihre Absicherungsstrategien Verluste möglicherweise nicht verhindern können und dass sie dem Risiko hoher Verluste ausgesetzt ist, falls Kreditnehmer ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

Spezielle Erwähnung findet die Gefahr des Ausfalls einer anderen Grossbank. Hier verweist die Credit Suisse besonders auf Gefahren in der Eurozone. Wie die UBS so erwähnt sie auch das Risiko durch das Fehlverhalten von Mitarbeitern. Beide Grossbanken schreiben, dass sich ihre eigenen Risiko­modelle als falsch herausstellen könnten. Und wie die UBS geht die Credit Suisse ausführlich auf die grossen Ge­fahren ein, die Rechtsstreitigkeiten und Regulierungen nach sich ziehen können. Beide erwähnen schliesslich die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma unter ihren Risikofaktoren: Die Finma habe das Recht, im Notfall die Bank ­abzuwickeln.

Nicht alles, was unter den Risikofaktoren aufgeführt wird, muss den Anleger zur Vorsicht mahnen. Einiges ist auch eher von banalem Charakter. In den meisten Berichten finden sich Formulierungen wie die, dass eine starke Konkurrenz eine Herausforderung ist. Oder dass sich hoch qualifiziertes Personal nicht finden lassen könnte. Oder möglicherweise könnte operativ nicht alles rundlaufen. Währungsveränderungen könnten möglicherweise den Gewinn schmälern. Und überhaupt könnten vielleicht nicht alle gesteckten Ziele ­erreicht werden. «Man könnte auch schreiben, dass ein Weltuntergang nicht gänzlich auszuschliessen ist», spottet der Wirtschaftsprüfungsexperte.

Das biegbare Handy

Nicht nur die Banken sind von allerlei Risiken bedroht. Bei Apple wird auf die Gefahr von Problemen bei der Qualität der Produkte und Dienstleistungen hingewiesen, die von Zeit zu Zeit auftreten können und der Reputation des Unternehmens schadeten. Als Leser denkt man unwillkürlich an die Gerüchte über die biegbaren neuen iPhone 6 Plus. ­Weiter ist die Rede von der Gefahr, dass Apple wegen der Verletzung von intellektuellen Eigentumsrechten wie Patenten belangt werden könnte.

Im Fall des Schweizer Pharmakonzerns Novartis wird vor der Möglichkeit gewarnt, dass die Forschungsbemühungen nicht zu marktfähigen Medikamenten führen und dass die Verluste von bisherigen Umsatzträgern nicht kompensiert werden könnten. Auch hier werden staatliche Eingriffe als Gefahren genannt: etwa, wenn Politik und Behörden Druck auf die Preissetzung von Medikamenten machten.

«Wenn ein Investor nur den Text zu den Risikofaktoren in einer SEC-Eingabe liest, würde er wohl die Finger vom Unternehmen lassen», sagt der Wirtschaftsprüfer. Trotzdem lohnt sich die SEC-Lektüre zu den Risiken und Nebenwirkungen von unternehmerischem Tun. Sie ist eine gute Ergänzung zu den normalen Verlautbarungen der Firmen, wo die dunklen Seiten des Geschäfts ge­flissentlich ausgeblendet werden.

Der Vorteil der Eingaben an die SEC ist schliesslich, dass sie auf dem Internet für alle In­te­ressierte einsehbar sind. Einige Unternehmen haben die SEC-Berichte mittlerweile auch auf der eigenen Homepage aufgeführt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2014, 23:25 Uhr

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US-Börsenaufsicht
So findet man die Berichte

Die Eingaben an die US-Börsenaufsicht SEC sind auf der Homepage www.sec.gov unter dem Reiter «Filings» abrufbar. Mit der Suchmaske EDGAR Search Tools gibt man den Namen der gesuchten Firma ein. Das Problem ist die schiere Fülle an Daten, die dann erscheint. Am besten orientiert man sich an den im Text erwähnten Kürzeln wie 10-K für Jahresberichte von börsenkotierten US-Unternehmen oder 20-F für die Jahresberichte der bei der SEC registrierten ausländischen Unternehmen. (mdm)

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