Die endgültige Eskalation in der Affäre um Starbanker Vincenz

Der Aufstieg des Bündners zum Vorzeigebanker – und was ihn jetzt straucheln liess.

Banker unter Verdacht: Pierin Vincenz, Ex-CEO der Raiffeisen-Gruppe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Banker unter Verdacht: Pierin Vincenz, Ex-CEO der Raiffeisen-Gruppe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Wenn Pierin Vincenz seinen kräftigen Körper morgens aus dem Bett bewegt, dann steht ihm der Sinn nach einem dunkelbraunen Getränk. Nicht Kaffee. Nicht Ovomaltine. Nein, um richtig in Schwung zu kommen, genehmigt sich Pierin Vincenz nach dem Aufstehen ein Glas Cola Zero. Auch später greift er immer wieder zur Flasche. Bis zu 2 Liter Cola trinke er pro Tag, erzählte er 2015 der «Aargauer Zeitung». Man könnte sagen, Pierin Vincenz ist ein Süchtiger.

Das flüssige Frühstück dürfte gestern etwas schal geschmeckt haben. Um sieben Uhr morgens teilte die Helvetia-Versicherung mit, dass ihr Verwaltungsratspräsident Pierin Vincenz sich von der Spitze des Versicherungskonzerns zurückziehe. Per sofort. Es ist die endgültige Eskalation in der Affäre um diesen Starbanker aus Graubünden, der so anders zu sein schien als die übrigen Mächtigen der Branche. Ehrlicher, bodenständiger, direkter. Als schon längst niemand mehr den Bankern vertraute – auf Pierin Vincenz konnte man sich verlassen.

Fragwürdige Übernahmen

Doch Anfang November hat die Schweizer Finanzaufsichtsbehörde (Finma) gegen Pierin Vincenz und die Raiffeisen-Bank, bei der er von 1996 bis 2015 tätig war, eine Untersuchung eingeleitet, ein sogenanntes Enforcement-Verfahren. Es stehen Vorwürfe im Raum, dass sich Vincenz bei Unternehmenskäufen durch Raiffeisen oder durch von Raiffeisen ­beherrschte Unternehmen persönlich bereicherte. Beim Finma-Verfahren geht es vorwiegend um die Beteiligung der Raiffeisen-Bank an Investnet, einer Finanzierungsgesellschaft für kleine und mittlere Unternehmen. Vincenz kaufte der Raiffeisen 15 Prozent der Investnet-Aktien ab, für sich privat. Die Untersuchungsbehörde will herausfinden, ob das sauber ablief und ob der Preis angemessen war.

Von möglichen Interessenskonflikten ist auch bei anderen Zukäufen im Raiffeisen-Umfeld die Rede. Der heikelste ist der Kauf von Commtrain im Jahre 2008 durch das Kreditkartenunternehmen Aduno, an dem Raiffeisen einen Anteil von 25 Prozent hält. Im April 2016 schrieb der Finanzblog «Inside Paradeplatz», im Vorfeld des Deals sei es zu brisanten Geldflüssen gekommen, die über ein Konto von Vincenz bei der Bank Julius Bär liefen. Offenbar gab das schon 2009 zu reden, denn damals wurden gleich drei Gutachten zum Deal bestellt. Dazu gibt es eine zweite Untersuchung im Auftrag von Aduno.

Dieser Pierin Vincenz sei «einä vo üüs», schreibt SVP-Politiker Peter Föhn.

Für Pierin Vincenz ist sein Rücktritt bei der Helvetia-Versicherung kein Schuldeingeständnis. Er diene dazu, die anhaltende Unsicherheit zu beenden. Vincenz erklärt sein Vorgehen gegenüber dieser Zeitung so: «Ich habe mich jetzt zu diesem Schritt entschlossen, weil in den letzten Tagen klar geworden ist, dass sich das Verfahren nicht beschleunigen lässt und damit nicht vor der GV von Helvetia abgeschlossen sein wird.»

Zum Vorwurf der Interessenskollisionen sagt Vincenz: «Ich habe stets die Interessen von Raiffeisen gewahrt.» Im Zusammenhang mit der Übernahme von Commtrain durch Aduno verweist er auf die Untersuchungen, die die Raiffeisen-Bank dazu, unter anderem auf Initiative von Vincenz selbst, vor vielen Jahren bereits in Auftrag gegeben hat. «Sie kommen zum Schluss, dass alles mit rechten Dingen vor sich ging», sagt Vincenz. Angesprochen darauf, ob er denn heute alles noch einmal gleich machen würde, sagt er: «Wenn man ein grosses Unternehmen über längere Zeit führt, gibt es immer Dinge, die man im Nachhinein anders machen würde.» Ausserdem würden es die gewachsenen Anforderungen der Regulierungsbehörden immer schwieriger machen, eine grosse Bank zu führen.

Pierin Vincenz hat bisher alle Rückschläge überstanden. Den Steuerstreit mit den USA oder die Finanzkrise nach 2008, die so viele seiner Kollegen Kopf und Ansehen kostete. Und auch die Dotcom-Blase, die gerade ihrem Höhepunkt entgegenstrebte, als Vincenz 1999 die Spitze der Raiffeisen-Gruppe übernahm. Grund dafür ist nicht zuletzt die Struktur seines Unternehmens. Die Raiffeisen ist durch und durch ländlich aufgebaut. Sie besteht aus 255 genossenschaftlich organisierten und rechtlich autonomen Kleinbanken mit insgesamt rund 900 Standorten. Jedes Dorf hat seinen Bankschalter. Dem Direktor begegnet man beim Einkaufen im Volg oder im Turnverein. Wichtige Termine werden am Feierabend in der Beiz vereinbart.

Vincenz will mehr

Als Vincenz die Gruppe übernahm, funktionierte das Modell Raiffeisen ordentlich. Sparkonten. Kleinere Geschäftskredite. Der Traum vom Einfamilienhaus. Aber Pierin Vincenz wollte mehr. Als CEO der Raiffeisen Schweiz, der Muttergesellschaft, die für alles zuständig ist, was nicht in den Bereich der lokalen Genossenschaften fällt, trimmte er seinen Konzern auf Wachstum. Potenzial erkannte er insbesondere im Hypothekengeschäft. Hier überflügelte er bald alle Gross- und Kantonalbanken. Im Jahr 2003 betrug der Raiffeisen-Marktanteil an den Hypothekarkrediten weniger als 14 Prozent. Bei Vincenz’ Abgang, 12 Jahre später, lag der Anteil bei 17 Prozent. In jedem sechsten Haus der Schweiz steckt somit das Geld der Raiffeisen.

In absoluten Zahlen hat Vincenz das ­Geschäftsvolumen in diesem Bereich sogar mehr als verdoppelt, von 74 auf 155 Milliarden Franken. Das Wachstum war so stark, dass die Schweizerische Nationalbank unruhig wurde. 2014 warnte sie in ihrem Finanzstabilitätsbericht explizit vor dem Zinsrisiko bei der Raiffeisen. Im gleichen Jahr stufte die Nationalbank die ursprüngliche Bauernbank sogar als «too big to fail» ein. Sie ist nun so gross, dass ihr Niedergang die ganze Volkswirtschaft der Schweiz gefährden kann.

Obwohl Vincenz einst erklärt hatte, «das Banking ist ein recht biederes Brot-und-Butter-Geschäft» und das für die Raiffeisen als Hypothekar- und Bauernbank ganz besonders galt, wollte der Bündner mehr. Er wollte auch im lukrativen Private Banking, dem Geschäft mit den Reichen, mitmischen. Obwohl das Bankgeheimnis inzwischen gefallen war. Dass es Vincenz trotz diesem forcierten Wachstum gelang, das Vertrauen in seine Grossbank zu bewahren, hat viel mit seiner Person zu tun. Seinem Auftreten. Seiner verbindlichen Art. Seiner Erscheinung. Vincenz ist ein Exot unter den aristokratisch anmutenden Managern seines Gewerbes, den Wufflis, Dougans und Grübels. Selbst als Pierin Vincenz längst Multimillionär war und ein Starbanker, der sich mit dem Helikopter zu Sitzungen fliegen liess, Mercedes-Cabrio-SLS-Fahrer wurde und sich eine Jacht samt Ferienhaus am Lago die Lugano zulegte, schrieb SVP-Ständerat Peter Föhn in einer Würdigung noch, dieser Pierin Vincenz sei eben noch «einä vo üüs». Und irgendwie hatte er recht.

In der Schule tut er sich schwer. Kassiert Verweise, muss repetieren.

Aufgewachsen ist Pierin Vincenz als jüngstes von vier Kindern in einer katholischen Familie in Andiast, einem kleinen Dorf oberhalb Brigels. Es war eine bäuerliche, aber auch eine eminent politische Welt: Schon der Grossvater, ein Bergbauer, sass im Grossen Rat. Der Vater blieb dem bäuerischen Kosmos treu, machte aber Karriere als Funktionär und setzte sich ab 1968 als Ständerat der CVP für die Anliegen der Bergbauern ein. Nach seinem bitteren Rückzug aus der Politik – ihn holten eine Steueraffäre und die ungeklärte Rolle bei einer Firmenübernahme ein – übernahm er 1984 den Vorsitz jenes Genossenschaftsverbunds, der den Bauern finanziell aushilft, wenn sie es nötig haben. Der Raiffeisen.

Dass Pierin Vincenz diese Gruppe dereinst übernehmen und nach allen Regeln der Kunst umkrempeln würde, darauf deutet lange Zeit nur wenig hin. In der Schule tut sich Pierin Vincenz schwer. Er kassiert Verweise. Muss repetieren. Das Gymnasium Disentis schliesst ihn gar aus, wegen schlechter Noten und schlechten Betragens, wie Vincenz später erzählen wird.

Als der Hunger kommt

Als er die Matura Mitte der Siebzigerjahre doch noch schafft, lässt er sich einige Jahre treiben. Mal träumt er davon, Koch zu werden. Mal schreibt er sich an der Universität für Jus ein. Beides behagt ihm dann doch nicht. Erst mit 26 Jahren entwickelt er jenen Hunger, den ihn heute auszeichnet – und die Faszination für Geld. Er geht an die HSG nach St. Gallen, zieht sein Wirtschaftsstudium schnellstmöglich durch. Nimmt eine Stelle beim Bankverein an, schreibt nebenher eine Dissertation und wartet auf seine grosse Chance.

Sie bietet sich ihm 1996. Er übernimmt, nur fünf Jahre nach dem Abgang seines Vaters, den Posten des Finanzchefs der Raiffeisen-Gruppe und fällt schnell auf mit seiner Entschlossenheit und seinem Charisma. Fünf Jahre in Folge ist er in den Top 5 der «Schweizer Jobmacher» des «Blicks». Der Boulevard kürt ihn gar zum «Anti-Ebner». Vincenz spielt gut mit. Das internationale Bankenbusiness interessiere ihn nicht, sagt er. «Ich warte nicht gern auf Flughäfen.»

Als er die Raiffeisen 2015 verlässt, steht er im Zenit. Die Bank veröffentlicht eine Festschrift unter dem Titel «Dr. Pierin Vincenz – Bergler und politischer Banker». Fürs Vorwort hat Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann höchstpersönlich zur Feder gegriffen. Weiter hinten überbieten sich Politiker, Professoren und ehemalige Wegbegleiter mit Lob. SVP-Nationalrat Thomas de Courten bringt die Eigenschaften von Vincenz auf einen satten Dreiklang: «Kompetenz, Eigenständigkeit, Entschlusskraft». CVP-Ständerat Pirmin Bischof schwärmt vom «heiligen Pierin», der dem Finanzplatz Schweiz den Weg in die Zukunft wies. Die Heiligsprechung kam verfrüht. Heute lässt sich über den einstigen Ausnahmemanager nur sagen, was es schon über so viele Banker hiess: Es gilt die Unschuldsvermutung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 22:54 Uhr

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