Die fünf Baustellen bei der Economiesuisse

Heinz Karrer wird einen ungemütlichen Posten beim Wirtschaftsdachverband antreten. Rudolf Strahm und Viktor Parma über seine grössten Herausforderungen.

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Die Economiesuisse hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Ende Februar trat der Schweizer Uhrenverband aus der Organisation aus. Auslöser war ein Streit um den Schutz der Marke «Swiss made». Einige Tage später wurde die Volksinitiative gegen die Abzockerei (Minder-Initiative) deutlich angenommen – eine Schlappe für die Economiesuisse. Im Juni reichte dann das Führungsduo den Rücktritt ein.

Diesen Montag nominierte der Wirtschaftsdachverband den Axpo-Chef Heinz Karrer als Präsidenten. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit zwei Economiesuisse-Kennern und zeigt, um welche Baustellen Karrer in seiner Amtszeit nicht herumkommen wird:

Fehlende Glaubwürdigkeit:
Rudolf Strahm, Ex-Nationalrat und ehemaliger Preisüberwacher, sieht die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit als primäre Aufgabe Karrers. «In der Vergangenheit leistete sich die Organisation einige Vertrauensverluste, die selbst für bürgerliche Politiker schwer zu ertragen waren», so Strahm. «Dazu zählen leere Versprechungen bei der Unternehmenssteuerreform II und das Schwadronieren im Vorfeld der Abstimmung zur Minder-Initiative.» Der mehrmalige Seitenwechsel bei Letzterer habe gar keinen guten Eindruck hinterlassen und ein Führungsproblem im Verband angezeigt. Da müsse der neue Präsident wieder Vertrauen schaffen.

Journalist und Buchautor Viktor Parma fordert in der Economiesuisse einen radikalen Umbau. Nur so könne die Glaubwürdigkeit wiederhergestellt werden. Dies sei eine Mammutaufgabe für den Nominierten Heinz Karrer. «Unter der Fusion des Schweizerischen Handels- und Industrievereins im Jahr 2000 mit der Schweizer Wirtschaftsförderung leidet das Ansehen der Organisation bis heute», sagt Parma.

Kluft zwischen dem Werkplatz Schweiz und der Finanz- und Pharmaindustrie:
Hier fordert der ehemalige Preisüberwacher Strahm die Stärkung der Berufsbildung und somit auch die Stärkung von heimischem Gewerbe und Industrie. «Die Economiesuisse muss unter ihrem neuen Präsidenten aufhören, ständig nur den Finanzinstituten und der Pharmaindustrie nachzurennen.»

Auch Parma kritisiert, Firmen wie Nestlé und Novartis gäben heute den Ton an im Wirtschaftsdachverband. «Um den Uhrenverband wieder zurück an Bord zu holen, muss diese neoliberale Konzernideologie in den Führungsetagen überwunden werden», so Parma. «Die Organisation muss sich auf ihren Namen zurückbesinnen und Schweizer Interessen wieder ins Zentrum stellen.»

Kommunikationsdefizite:
«Er weiss, wie man mit den Medien umgeht», sagt Gewerbeverbandspräsident und SVP-Nationalrat Jean-François Rime über Karrer. Als zukünftiger Präsident des Wirtschaftsdachverbands habe er deshalb einen grossen Vorteil. Dies glaubt auch Viktor Parma. Dennoch sei es oberflächlich, Karrers kommunikative Fähigkeiten als Allheilmittel anzupreisen. «Der Schwachpunkt ist nicht die Kommunikation, sondern das falsche Selbstverständnis von Economiesuisse.»

Die 1:12-Initiative:
Zwar ist eine Annahme der Juso-Initiative im Herbst eher unwahrscheinlich. Sollte es dennoch so weit kommen, wäre dies für die Economiesuisse als Leiterin der Gegenkampagne ein GAU.

Doch selbst der Umstand, dass der Initiative überhaupt Chancen eingeräumt werden, spreche Bände über den desolaten Zustand von Economiesuisse, sagt Viktor Parma.

Hier sei die Nomination von Heinz Karrer vielversprechend, sagt der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel im Interview: «Karrer fiel über Jahre durch seine vorgelebte Transparenz und Bescheidenheit auf, dies könnte im Abstimmungskampf sehr dienlich sein.»

Einwanderungsproblematik:
Im nächsten Jahr steht mit der Masseneinwanderungsinitiative der SVP eine gewichtige nationale Abstimmung an. Economiesuisse gibt derzeit Gegensteuer mit der Web-Plattform «Darum braucht die Schweiz die Zuwanderung». Bei der Einwanderungsfrage hat die Economiesuisse laut Rudolf Strahm aber im grossen Ganzen eine schwammige Rolle inne. «Einerseits gebärt sie sich antieuropäisch, andererseits will sie so viele billige Arbeitskräfte wie möglich ins Land holen», sagt Strahm. Das Problem liege tief: Die Organisation habe seit Jahren keine kohärente, glaubwürdige Europastrategie. Diese aufzubauen sei ebenfalls eine der Kernaufgaben des neuen Präsidenten.

Viktor Parma sieht einen störenden Spagat zwischen der Unterstützung von SVP-Initiativen und einer einwanderungsfreundlichen Wirtschaftsstrategie. Die Organisation laviere seit Jahren. «Dies zeigt aber nur die innere Zerrissenheit der Economiesuisse zwischen ihren Gründungswurzeln bei der FDP und dem zunehmenden Einfluss und Lobbyarbeit der Volkspartei», so Parma.

Erstellt: 14.08.2013, 16:08 Uhr

«Das war selbst für bürgerliche Politiker schwer zu ertragen»: Rudolf Strahm, ehemaliger SP-Nationalrat und Preisüberwacher, Ökonom und Verfasser wirtschaftspolitischer Bücher.

«Die Organisation laviert seit Jahren»: Viktor Parma. Der Journalist und Buchautor hatte zusammen mit dem früheren Bundesratssprecher Oswald Sigg «Die käufliche Schweiz – Für die Rückeroberung der Demokratie durch ihre Bürger» geschrieben, worin mitunter die mächtige Rolle des Economiesuisse in der Schweiz beschrieben wird.

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