«Die geballte Macht war zu gross»

Daniel Vasella verzichtet auf seine Abgangsentschädigung. Aktionäre wollen den Druck auf Novartis trotzdem hoch halten. Die Decharge bleibt umstritten, Anwalt Hans-Jacob Heitz zieht seine Klage noch nicht zurück.

Der Verwaltungsrat hat verstanden: Novartis-Präsident Daniel Vasella.

Der Verwaltungsrat hat verstanden: Novartis-Präsident Daniel Vasella. Bild: Keystone

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«Späte Einsicht ist besser als gar keine», sagt Gregor Greber. Nachdem Novartis heute Morgen mitgeteilt hat, dass Daniel Vasella auf seine Abgangsentschädigung von 72 Millionen Franken verzichten wird, zeigt sich der Partner beim Vermögensverwalter Z-Capital erleichtert. «Wir sind froh, dass wir in unserer Einschätzung recht behielten», so Greber. In einer Radiosendung vom Wochenende hatte er die Vermutung geäussert, Novartis werde die Entschädigung für Vasella wohl zurücknehmen müssen. «Novartis hatte gar keine andere Möglichkeit mehr, als einzulenken», sagt Greber.

Auch für Rudolf Meyer, Präsident der Aktionärsvereinigung Actares, kommt die Stornierung nicht ganz überraschend. «Die Generalversammlung vom Freitag wäre so kaum abhaltbar gewesen», sagt er zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

In den letzten Tagen hatten sich die Stimmen gemehrt, die den abtretenden Novartis-Präsidenten zur Annullierung seiner Vertragsklausel aufgefordert hatten. Sogar der Abt des Klosters Einsiedeln, Martin Werlen, hatte im heutigen «Tages-Anzeiger» seine diesbezügliche Hoffnung zum Ausdruck gebracht. Als treibende Kraft für den heutigen Entscheid sehen viele Beobachter den öffentlichen Druck an. «Die geballte Macht aus Politik, Medien und entrüsteten Aktionären war zu gross», sagt Gregor Greber. «Der Imageschaden wäre zu gross geworden.»

Druck von innen

«Während Vasella von der Bildfläche verschwunden wäre, hätten die Verwaltungsräte weiterhin mit dem Imageschaden leben müssen», sagt Greber. Dass Daniel Vasella von sich aus auf die mit der Konkurrenzklausel verbundene Entschädigung zurückkam, glauben wenige Experten. «Novartis hat der Not gehorcht, nicht dem eigenen Trieb», sagt PR-Berater Rodolfo Keller, der gegenwärtig an der Gründung einer Schutzvereinigung für Investoren und Aktionäre arbeitet. «Intern wird die Kommunikationsabteilung Klartext gesprochen haben.» Auch Rudolf Meyer, Präsident der Aktionärsvereinigung Actares, geht davon aus, dass der Verwaltungsrat von Novartis den Ausschlag zur Rücknahme der 72-Millionen-Abfindung gegeben hat.

Zu den Personen, welche die Stornierung des Geschäfts gefordert hatten, gehört auch Aktionärsschützer Hans-Jacob Heitz. «Fürs Erste bin ich zufrieden», sagt er heute zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Klage wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, die Heitz gestern gegen Novartis eingereicht hat, will der Anwalt für den Moment noch nicht zurückziehen. «Der Vorfall bleibt problematisch», sagt Heitz. «Man darf jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.» Laut dem PR-Experten Rodolfo Keller muss der Kommunikationschef bei Novartis künftig in Schlüsselentscheidungen eingebunden werden. «Solche Episoden bleiben in Erinnerung», sagt er.

Der König ist weg

Verschiedene Institute hatten im Hinblick auf die Generalversammlung vom kommenden Freitag angekündigt, gegen die Entlastung des Verwaltungsrats zu stimmen. Darunter auch der Vermögensverwalter Z-Capital, der die Internetplattform Generalversammlung.net betreibt. Für Partner Gregor Greber hat sich diese Angelegenheit nun erledigt. «Jetzt sind wir einverstanden damit, dem Verwaltungsrat die Decharge zu erteilen», sagt er. Anderer Ansicht ist Actares-Präsident Rudolf Meyer. «Der Scherbenhaufen ist angerichtet», sagt er. An der Haltung zur Decharge ändere sich nichts.

Offen bleibt für Meyer unter anderem, unter welchen Bedingungen Daniel Vasella künftig als Berater für Novartis tätig sein werde. «Über diese Frage soll Novartis möglichst bald informieren», sagt Meyer. Was das neue Vergütungssystem für die Topkader von Novartis betrifft, vertritt Actares, wie auch Z-Capital, die Ansicht, dass dieses überarbeitet werden sollte. «Das System wurde von Vasella geprägt», so Meyer. Je nachdem, wie viele Gegenstimmen am Freitag eingingen, werde Novartis sich wohl auf Anpassungen zum neuen Vergütungssystem einlassen. «Jetzt, wo der König weg ist, wird im Verwaltungsrat wieder offener diskutiert werden», zeigt sich der Aktionärsvertreter überzeugt.

Erstellt: 19.02.2013, 12:03 Uhr

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