Die meisten Bahnen würden ohne öffentliche Gelder nicht überleben

Laut einer Studie ist ein Drittel der Bergbahnen verschuldet – sie leben über ihre Verhältnisse.

Vielerorts steigern die Skigebiete ihre Kapazität, aber die Zahl der Gäste sinkt. Foto: Fabian Biasio (Keystone)

Vielerorts steigern die Skigebiete ihre Kapazität, aber die Zahl der Gäste sinkt. Foto: Fabian Biasio (Keystone)

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Kaum hat der lang ersehnte Winter in der Altjahreswoche endlich Einzug gehalten, ist er auch schon wieder weg. Und mit ihm die Hoffnung vieler Ski­gebiete auf den grossen Umsatz. Vor allem tiefer gelegene Skilifte stehen derzeit aus Schneemangel still. So etwa der Lift auf dem Gurten. Erst zweimal lief der Skilift in dieser Saison. Wie oft er in Betrieb sein muss, damit er rentiert, weiss die Gurtenbahn nicht. Das sei ein Geschäft, das «einfach schön» sei und nicht unbedingt Gewinn abwerfen müsse, heisst es bei der Betreiberin.

Nicht nur kleine Seilbahnen wie der Gurtenlift kommen kaum auf einen grünen Zweig. Es gibt auch prominente Beispiele wie die Bergbahnen von Gstaad, die diesen Sommer per Gemeinde­beschluss vor dem Untergang bewahrt wurden, oder jene von Meiringen-Hasliberg, die unlängst ebenfalls saniert werden mussten.

Christian Laesser, Professor für Tourismus an der Uni St. Gallen, sieht die Kleinen gar im Vorteil. Probleme ortete er anlässlich einer Tagung des Verbands Seilbahnen Schweiz speziell bei den mittelgrossen Betrieben. Im Sandwich zwischen den Grossen, die die kritische Masse erreichen, um international zu konkurrieren, und den Kleinen, die eine Nischenstrategie fahren können, seien diese oft weniger rentabel.

33 Bahnprojekte in diesem Jahr

Der Bergbahnbranche setzen vor allem zwei Trends zu: Es zieht immer weniger Wintersportler in die Schweizer Berge, und international findet ein Wettrüsten um mehr und mehr Transportkapazität statt. 13 grössere Bauprojekte wurden laut Bergbahnen.org im Jahr 2014 in der Schweiz realisiert. Für das neue Jahr listet die Plattform 33 Bahnprojekte auf. Paradebeispiele für das Wettrüsten in den Bergen sind Adelboden-Lenk und die Jungfrauregion. Vor zwei Wochen wurde beispielsweise in der Lenk die neue 10er-Gondelbahn eröffnet. Mit Investitionen von über 26,5 Millionen Franken war der Stand-Xpress im letzten Jahr das grösste Seilbahnprojekt der Schweiz. Ein Klacks aber gegenüber den rund 300 Millionen Franken, die das geplante V-Projekt der Jungfraubahnen kosten würde.

Die Zahlen von Seilbahn Schweiz belegen, dass bis 2008 Kapazität und Anzahl beförderter Personen etwa im Gleichschritt zugelegt hatten. Seitdem driften sie auseinander: Die Kapazität steigt weiter, die Zahl der Gäste sinkt. Es drohen unrentable Überkapazitäten.

Dabei gehen schon jetzt viele an Krücken: Zwei Drittel aller Bergbahnen, so eine in der Branche geläufige Schätzung, könnten nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien gar nicht überleben. Die öffentliche Hand unterstützt sie entweder mit Vergünstigungen, etwa zinslosen Darlehen, oder direkt, zum Beispiel mit einer Defizitgarantie. Nicht selten hat die Bahn gar einen staatlichen Grossaktionär. Gemäss den Zahlen von Seilbahnen Schweiz sind 23 Prozent des Aktienkapitals von Bergbahnen in öffentlicher Hand. Zudem finanziert der Fiskus mehr als ein Viertel der Darlehen.

Mit der Gemeinde oder dem Kanton im Rücken leben viele Bahnen über ihre Verhältnisse. Eine Studie der Berner Kantonalbank (BEKB) zeigt, dass die Bergbahnen teilweise stark überschuldet sind. Die Bank hat schweizweit Bergbahnunternehmen analysiert, deren Aktien im ausserbörslichen Handel der BEKB gekauft werden können. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Ein Drittel der untersuchten Bahnen hat Nettoschulden, also Schulden abzüglich flüssige Mittel, die drei- bis fünfmal höher sind als der jährliche Betriebsgewinn. Für ein Bergbahnunternehmen sei das eine «beachtliche Schuldenlast», schreiben die Analysten. 12,5 Prozent der Unternehmen stehen sogar noch schlechter da. Ihre Nettoschulden übersteigen den Betriebsgewinn um mehr als das Fünf­fache. «Ein normales Industrieunternehmen würde kaum auf diese Art fremdfinanziert», steht im Bericht.

Sommer spielt kaum eine Rolle

Einen universellen Weg hin zum nachhaltigen Geschäft gibt es nicht. Einige Bergbahnen suchen ihr Glück im Sommer. So hoffen sie, über das Jahr gesehen, eine bessere Auslastung der Anlagen zu erzielen. Fakt ist allerdings, dass die Bergbahnen im Sommer nur 17 Prozent ihres Umsatzes machen. Selbst wenn es ihnen gelingt, das Sommergeschäft um 10 Prozent zu steigern, würde sich das in den Jahreszahlen kaum auswirken.

Viele Skigebiete setzen zudem auf neue Märkte. Wer allerdings glaubt, die Asiaten könnten die Branche retten, liegt wohl falsch. Zwar können einzelne Betriebe wie die Jungfraubahnen und die Pilatusbahnen durchaus vom Reiseboom in Asien profitieren. Die Studie der BEKB kommt trotzdem zum Schluss: «Für den Grossteil der Bergbahnunternehmen werden Asiaten jedoch auch in Zukunft kaum eine Rolle spielen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2015, 21:51 Uhr

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