Der Milliardär warnt vor der Revolution in den USA

Nick Hanauer wendet sich an die «Zillionäre» und geisselt die Ungleichheit in Amerika. Anders als Kollege Warren Buffett wird er aber politisch aktiv.

Der Milliardär, der an die Gesellschaft denkt: Nick Hanauer. Foto: Christopher Cumming

Der Milliardär, der an die Gesellschaft denkt: Nick Hanauer. Foto: Christopher Cumming

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Für das Leibblatt der Reichen und Möchtegerne, das Magazin «Forbes», steht das Urteil schon fest. Nick Hanauer und seine Ideen eines gerechteren Kapitalismus seien «ignorant» und «nahezu verrückt», also gefährlich und zersetzend. Doch muss sich der Unternehmer weder verstecken noch entschuldigen. Er hat aus einem Familienunternehmen, das Kissen und Federn verkaufte, eine erfolgreiche Handelskette gemacht. Er war der erste externe Financier von Amazon-Chef Jeff Bezos und konnte eine seiner Internet-Firmen für 6,5 Milliarden Dollar an Microsoft verkaufen.

Der Erfolg aber macht ihn nicht zufrieden. Er ist besorgt, wie er in einem Aufruf an seine ebenso vermögenden «Zillionäre» schreibt: «Zur gleichen Zeit, wenn Leute wie du und ich jenseits der wildesten Träume aller Plutokraten der Geschichte reich geworden sind, bleibt der Rest des Landes – 99,99 Prozent – immer weiter zurück. Die Kluft zwischen Habenden und Nicht-­Habenden reisst immer schneller auf», warnt Hanauer im Magazin «Politico». «Wir denken, wir seien einmalig, weil dies Amerika ist. Wir glauben, wir seien immun gegen die gleichen Kräfte, die den arabischen Frühling ausgelöst haben, oder die Französische und die Russische Revolution.» Doch: «Es gibt kein Beispiel in der Geschichte der Menschheit, bei dem ein solch immenser Reichtum aufgehäuft wurde und das schliesslich nicht die Mistgabeln auftauchen liess.»

Sorgen um den Mittelstand

Die fortschreitende Destabilisierung der USA, führt Hanauer aus, habe auch deshalb gefährliche Ausmasse erreicht, weil sich viele Superreiche in einer falschen Sicherheit wähnten. Die schlimmste Verwirrung in dieser Hinsicht ist die Trickle-Down-Theorie, sagt Hanauer, die mit Präsident Reagan zum Dogma der re­publikanischen Partei wurde. Nichts von dem durch Steuererleichterungen vorangetriebenen Reichtum einer zunehmend schmalen Elite aber ist nach unten durchgesickert. Vielmehr ist der Mittelstand mehr denn je in den vergangenen 40 Jahren zurückgefallen.

Dies aber sei seine Hauptsorge, schliesst Hanauer seinen Aufruf ab: Dass der Mittelstand immer weniger reales Einkommen habe, damit immer weniger kaufen und die Wirtschaftskraft erlahmen wird. Unternehmen wie seiner Pacific Coast Feather Company gehen die Kunden aus. Und noch eine treffende Beobachtung. «Wenn mein Freund Jeff Bezos Amazon in einem verarmten Winkel ­Afrikas gestartet hätte, wären keine ­Arbeitsplätze geschaffen worden, weil es keine Kunden mit Kaufkraft gegeben hätte.» Mit anderen Worten: Der amerikanische Mittelstand ist die Treibkraft der Wirtschaft, nicht die Superreichen. Der Mittelstand sei die grossartigste ­Erfindung in der Wirtschaftsgeschichte, sagt der 55-Jährige.

Hanauer ist nicht der einzige Unternehmer, der um den sozialen Frieden bangt. Warren Buffett und Ben Cohen, Gründer des Eiscreme-Herstellers Ben & Jerry’s, fordern ebenso eine stärkere Besteuerung der Reichen. Auch Morris Pearl, Direktor der Investmentfirma Black Rock, und Leon Hindery, Ex-Chef von AT & T Broadband, sehen die Wirtschaft auf Abwegen.

Doch Hanauer ist einer der wenigen, der auch politisch aktiv geworden ist. Er hat das True Patriot Network gegründet und macht Druck auf Erziehungs- und Bildungsreformen. Die Gruppe finanziert derzeit auch ein Waffenreferendum im Staat Washington. Die Chancen für ein Ja im November stehen gut. Damit würde zum ersten Mal ein lückenloser Hintergrundtest für alle Waffenkäufer vorgeschrieben.

Ob sie gehört werden?

Den wichtigsten Erfolg verbuchten Hanauer und seine politischen Weggefährten mit einem Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde in Seattle. Das ist doppelt so viel wie auf nationaler Ebene und 50 Prozent mehr als Präsident Obama ansteuert. Der Mindestlohn ist der Gradmesser für ein gerechteres Wirtschaftssystem, sagt er. Die politische Rechte bekämpft Erhöhungen seit Jahrzehnten mit aggressiver Härte und behauptet, höhere Löhne machten die US-Wirtschaft kaputt. Diese Behauptung ist inzwischen als politische Zwecklüge entlarvt. Superreiche wissen dies, aber nur einige wenige wie Hanauer sagen es auch.

Ob sie auch gehört werden? Es ist noch zu früh, um dies zu sagen.

Erstellt: 27.08.2014, 10:13 Uhr

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