Hintergrund

Die neue Macht des Konsumenten

Nach einem Sturm der Entrüstung krebst Starbucks zurück – und erklärt sich in Grossbritannien bereit, freiwillig mehr Steuern zu zahlen. Wie weit reicht die Macht der Masse gegen die Tricks der Multis?

Bürgerprotest als zweitbeste Lösung: Polizisten bewachen eine Starbucks-Filiale in London.

Bürgerprotest als zweitbeste Lösung: Polizisten bewachen eine Starbucks-Filiale in London. Bild: Reuters

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Zuletzt roch sogar die Politik, dass aus diesem Fall Kapital zu schlagen ist: Nach einer Welle kritischer Berichte, Bürgerproteste und Boykottaufrufe hat sich Starbucks in Grossbritannien bereit erklärt, über die nächsten zwei Jahre zwanzig Millionen Pfund an zusätzlichen Steuern zu zahlen. Man tue dies aus freiem Antrieb und ohne Rücksicht auf die eigene Profitabilität, betont der Konzern – «weil unsere Kunden uns ein Signal gesendet haben». Starbucks wird beschuldigt, in den vergangenen Jahren Dutzende Millionen an Steuergeldern am britischen Fiskus vorbeigeschmuggelt zu haben.

«Tax avoidance» nennt sich diese Praxis auf Englisch, «Steuervermeidung» heisst sie auf Deutsch. Wie selbst kritische NGOs zugeben, ist sie im Grunde genommen völlig legal. Sie beinhaltet das Ausnutzen tiefer Steuersätze in Ländern wie Holland oder der Schweiz. Indem sie Einnahmen und Kosten geschickt zwischen Tochtergesellschaften verschiedener Länder hin- und herschieben, rechnen multinationale Konzerne ihre Steuerlast auf absurd tiefe Niveaus herunter. So bezahlte Starbucks in Grossbritannien seit 1998 gerade mal 8,5 Millionen Pfund an Steuern – bei einem globalen Jahresgewinn von satten 1,4 Milliarden Dollar.

20 Prozent Preisaufschlag in Lausanne

Nun hat sich Starbucks dem populären Druck gebeugt. Glaubt man Schatzkanzler George Osbourne, so soll bald weiteres Konzerngeld in die Staatskassen fliessen. In seiner Herbstansprache vor dem Parlament kündigte Osbourne am Mittwoch an, dass seine Steuerinspekteure die Multis ab sofort härter anfassen würden. Der Finanzminister meint Konzerne wie Google oder Amazon: Auch ihnen schauen Englands Steuerbehörden laut einem Bericht des parlamentarischen Finanzausschusses, der am Montag veröffentlicht wurde, viel zu wenig genau auf die Finger. Internethändler Amazon etwa soll in den letzten drei Jahren trotz Verkaufsumsätzen von 6,7 Milliarden Pfund keinen einzigen Penny an Steuern ans Vereinigte Königreich abgeliefert haben.

Bei Google sind es fünf Millionen Pfund, die im vergangenen Jahr an den Fiskus gingen. Dies, während der Internetgigant in Grossbritannien mit Bezahlwerbung gleichzeitig über zwei Milliarden Pfund Umsatz erzielte, wie eine englische Zeitung schrieb. Möglich wird dies dank Konstruktionen wie dem Double Irish und dem Dutch Sandwich: Steuerarrangements, die mittlerweile so bekannt sind, dass sie sogar einen Wikipedia-Eintrag besitzen. Auch über die Schweiz lassen sich kräftig Steuern sparen. Starbucks tut dies, indem es den Handel mit Kakaobohnen über eine Firma in Lausanne abwickelt, die nebenbei eine Prämie von 20 Prozent draufschlägt. So fällt billig besteuerter Gewinn in der Schweiz, dafür ein Verlust in Grossbritannien an.

Empörung und ihre Bewirtschaftung

Als «vorauseilenden Gehorsam» qualifiziert Oliver Classen nun, wie sich die Kaffeekette gegenüber dem britischen Gesetzgeber verhält. Für den Sprecher der Erklärung von Bern ist klar, dass Starbucks alles tun wird, um seinen Ruf zu schützen. Gegenüber dem Konsumenten ist Starbucks als Marke stark exponiert – stärker etwa als die Rohstoffhändler in Zug und der Region um den Genfersee, deren Sichtbarkeit für den Mann auf der Strasse minimal ist. Starbucks UK wurde nun zu Zugeständnissen gezwungen. Doch wie steht es wirklich um die Macht der Konsumenten, wenn Google als Suchdienst unschlagbar gut und Amazon als Buchhändler unschlagbar günstig ist?

Die Erklärung von Bern erhofft sich nicht zuletzt von der Politik, dass sie nun die Schrauben stärker anzieht. «Letztlich werden auch die Gremien in der EU oder OECD mit Leuten bestückt, die gewählt werden wollen», sagt Oliver Classen. Freiwillige Nachzahlungen ist in seinen Augen gut – besser wäre aber, wenn internationale Abkommen dem Steuerdumping einen Riegel vorschieben. Protestierende Konsumenten und Boykottdrohungen bräuchte es dann nicht mehr, die Entscheidung zwischen Starbucks oder Costa Coffee fiele wieder rein aufgrund des Kaffeeangebots.

Noch trauen Englands Bürger dem konservativen Osbourne nicht wirklich zu, dass ausgerechnet er die faire Unternehmensbesteuerung auf dem nationalen und internationalen Politparkett vorantreibt. Tut er es doch, dann wäre dies wohl so etwas wie das Zurückschlagen der Politik mit unternehmerischen Mitteln. Vielleicht liegt gerade darin die neue Macht des Konsumenten, wie Classen meint: Politiker darin anzutreiben, die Empörung des Volkes zu bewirtschaften. Es wäre die Tätigkeit, in der Politiker ohnehin am besten sind.

Erstellt: 08.12.2012, 09:10 Uhr

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