Analyse

Die neuen Massenvernichtungswaffen

ETFs sind harmlose Investitionsvehikel für Kleininvestoren. In den Händen von professionellen Spekulanten werden sie jedoch zur Gefahr für das Finanzsystem.

Ein Anruf genügt, und in Sekundenschnelle werden mit komplexen Finanzinstrumenten Milliarden bewegt: Ein Händler an der Londoner Metallbörse im September 2011.

Ein Anruf genügt, und in Sekundenschnelle werden mit komplexen Finanzinstrumenten Milliarden bewegt: Ein Händler an der Londoner Metallbörse im September 2011. Bild: Keystone

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Das Zitat von Warren Buffett ist legendär geworden. Er hat einst Derivate als «Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte» bezeichnet. Dabei sind Derivate an sich erstens harmlos und zweitens uralt. Derivate sind eine Art Versicherung, und seit jeher haben sich Bauern damit gegen Ernteausfälle abgesichert. Doch moderne Investmentbanker haben immer wieder bewiesen, dass sie auch aus banalen Finanzinstrumenten gefährliche Waffen schmieden können. Die «Raketenwissenschaftler» der Finanzindustrie sind gewissermassen in der Lage, eine Armbrust in eine Atombombe zu verwandeln. Das haben sie nun offenbar auch mit den Exchange Traded Funds, den ETFs, geschafft.

«Gedoptes Casino»

ETFs sind Derivate, die etwas Reales abbilden (einen Aktienkorb, einen Börsenindex, Rohstoffe etc.) und selbst wie eine Aktie gehandelt werden können. Für wenig Geld können damit auch Kleininvestoren gezielt investieren. Grundsätzlich eine gute Sache, müsste man meinen. Doch in der «New York Times» erklärt der erfahrene Wallstreet-Banker Douglas A. Kass: «Die ETFs sind die neuen Massenvernichtungswaffen. Sie haben die Märkte in ein gedoptes Casino verwandelt.»

Wie hat man sich das vorzustellen? Der Trick der ETFs liegt darin, dass sie sich ideal für Wetten auf die Entwicklung der Märkte eignen. Zusammen mit dem Algo-Trading, dem Handel mit hochgezüchteten Supercomputern (siehe Kolumne von gestern), kann damit kurzfristig darauf gesetzt werden, wie sich ein Markt entwickelt. Man kann auf fallende oder steigende Märkte setzen, und man kann diese Wetten auch noch hebeln. Deshalb sind sie für die Profis interessant geworden. Derzeit sind sie sogar extrem heiss. Gemäss «New York Times» sind rund eine Billion Dollar in ETFs investiert.

Auch die Goldhausse der jüngsten Vergangenheit ist möglicherweise von ETFs getrieben worden. Diese These vertritt zumindest der Finanzprofessor Mark Williams in der «Financial Times». «Verschiedene Hedgefonds sind bestimmende Eigentümer von ETFs geworden. (…) Die gleichen ETFs , die den Goldpreis zuerst in stratosphärische Höhen gehievt haben, ziehen ihn jetzt wieder auf die Erdoberfläche zurück.»

«Dark pools» austrocknen

Die Kombination ETF-Algo-Trading kann nicht wirkungsvoll unter Kontrolle gehalten werden. Deshalb werden nun auch die Profis nervös. Black Rock beispielsweise, der führende Anbieter von ETFs, setzt sich neuerdings für eine stärkere Kontrolle ein. Die Firma, die weltweit ETFs im Wert von mehr als 600 Milliarden Dollar unterhält, will, dass ETFs nicht mehr privat («over the counter»), sondern über Börsen gehandelt werden müssen. Die inzwischen berüchtigten «dark pools» sollen so ausgetrocknet werden. Daran dürfte inzwischen auch die UBS ein Interesse haben. Der 2,3-Milliarden-Verlust von Kweku Adoboli soll mit ETFs und «dark pools» entstanden sein.

Erstellt: 11.10.2011, 11:48 Uhr

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