Hintergrund

Die stillen Bewahrer

Die Erfahrung in den USA zeigt: Anlagefonds und Private-Equity-Gruppen stimmen fast durchweg für die Boni des Managements. Und schützen damit eigene Interessen.

Die schweigende Mehrheit bleibt unsichtbar: UBS-Generalversammlung 2011 in Basel.

Die schweigende Mehrheit bleibt unsichtbar: UBS-Generalversammlung 2011 in Basel. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

John Bogle hat die passive Rolle vieler Grossanleger auf den Punkt gebracht. «Es ist Zeit, das Schweigen zu brechen und sich auf die Seite der Kunden zu stellen», hält er in seinem jüngsten Werk zum Zustand der Finanzindustrie fest. Der Gründer der Vanguard-Gruppe, eines der führenden Anlagefondsunternehmen der Welt, wirft der eigenen Branche vor, zu unkritisch die Interessen der Managements und Verwaltungsräte vertreten zu haben. Unternehmensführungen hätten sich auf die Zustimmung der Anlagefonds und Pensionskassen verlassen können. Institutionelle Anleger besitzen in den USA 70 Prozent der Aktien und sind damit die Mehrheit, ohne deren Schweigen überrissene Boni nicht möglich wären.

Zwar haben sich alle Fondsgesellschaften ausführliche Richtlinien gegeben, um ihre Stimmkraft an Aktionärsversammlungen zu regeln. Vanguard etwa beschreibt im Detail, wann die Boni nicht mehr angemessen erscheinen und abgelehnt werden sollen. Doch fast durchweg segnen die Fondsfirmen die Anträge der Verwaltungsräte stillschweigend ab. Sie überlassen die Konflikte einzelnen Investorengruppen, denen aber in der Regel nicht die Boni, sondern Fragen um die Stimmrechte und Dividenden näherliegen.

Vertuschter Interessenkonflikt

Fondsfirmen begründen ihre Zurückhaltung damit, dass man sich lediglich als passiver Investor verstehe, der das Geld der Kunden nach der Richtschnur der Börsenindexe anlegen müsse. Diese Begründung akzeptiert Bogle nicht mehr länger, weil er darin das Vertuschen eines Interessenkonflikts erkennt. Fondsgesellschaften und viele Investmentfirmen stecken nicht nur das Geld ihrer Kunden in die Börse; sie akzeptieren im Gegenzug auch die Pensionskassenmittel der gleichen Unternehmen, deren Aktien sie halten. Bogle beschreibt das Dilemma in seinem Buch «The Clash of the Cultures» so, dass aus Optik der institutionellen Grossanleger «jedermann ein potenzieller Kunde» ist. Deshalb wollten sie lukrative Verwaltungsaufträge nicht durch ein allzu kritisches Stimmverhalten bezüglich der Boni infrage stellen.

Wie schwer es sein wird, die Anliegen der Abzockerinitiative durchzusetzen, zeigen aus dieser Optik beispielsweise die Eigentumsverhältnisse der beiden Schweizer Grossbanken, deren Aktien auch in den USA kotiert sind. 36 Prozent der Aktien der Credit Suisse etwa werden von nur vier Eigentümern kontrolliert, darunter von den Staatsfonds in Katar und Saudiarabien. Zudem spielen konservative US-Investmentgesellschaften wie Blackrock, Franklin und Dodge & Cox eine grosse Rolle, weshalb ihre geballte Stimmkraft nur schwer zu durchbrechen sein dürfte.

Bei der UBS besitzen ebenfalls nur vier Grossanleger 27 Prozent der Aktien. Auch hier spielt ein Staatsfonds (Singapur) eine erhebliche Rolle. Ergänzt wird der Fonds, der sich wie alle anderen Staatsfonds als passiver, also dem Management und Verwaltungsrat ergebener Investor versteht, durch drei grosse US-Finanzhäuser.

«Kapital ohne Eigentümer»

Solche Ballungen der Stimmkraft, oft auch in einem veränderungsresistenten Kreuzverhältnis, sind in den USA für die Finanzindustrie typisch. Entstanden ist damit eine perverse Form des Kapitalismus, wie Robert Monks schreibt, der Gründer und Chef der Institutional Shareholders Services. Er spricht von einem «Kapital ohne Eigentümer», das nur noch kurzsichtig agiere und die Belange einer sauberen Geschäftsführung vernachlässige. «Die engagierte Eigentümerschaft von Aktionären ist irrelevant geworden», so Monks.

Die USA haben sich nach der Finanzkrise ein leicht verbessertes Mitwirkungsrecht für Aktionäre gegeben, es allerdings in Bonusfragen auf ein rein konsultatives Verfahren beschränkt. Scharfe Grundsatzdebatten über die Topgehälter blieben weitgehend aus; dafür haben die Boni an der Wallstreet letztes Jahr bereits wieder deutlich angezogen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2013, 08:37 Uhr

Artikel zum Thema

Managerlöhne dürften trotz Minders Sieg ansteigen

Hintergrund Die Initiative beschränkt die Topsaläre nicht – sie könnte sogar zum Lohntreiber werden. Mehr...

«Die Finanzwirtschaft fährt nicht schlecht»

Interview Schwarzmalerei und Emotionalisierung prägten den Abstimmungskampf. Nun zeigt sich, wo die wirklichen Schlupflöcher sind. Lohnexperte und Unternehmensberater Sacha Cahn im Interview. Mehr...

«Es wird eindeutig schwieriger, Manager zu vermitteln»

Headhunter Björn Johansson ärgert sich über die Annahme der Abzockerinitiative. Mittelfristig drohten Schweizer Konzerne in Schwierigkeiten zu geraten, weil die Chefsuche eingeschränkt wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Waagrechtstart: An den Festlichkeiten des St. Juliantag in Malta, springt ein Wettkämpfer von einem rutschigen Pfahl und schnappt sich die Fahne über dem Wasser. (20.August 2017)
(Bild: Darrin Zammit Lupi ) Mehr...