Die teuren Fehlschläge der Swisscom

Siroop ist nur der letzte in einer Reihe von Start-up-Flops. Warum tun sich Schweizer Firmen so schwer mit Innovation?

Trotz auffälliger Werbung machte Siroop einen Verlust von 140 Millionen Franken. Foto: Rod Kommuikation

Trotz auffälliger Werbung machte Siroop einen Verlust von 140 Millionen Franken. Foto: Rod Kommuikation

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kunden des Schweizer Onlinewarenhauses Siroop haben in diesen Tagen per E-Mail einen Gutschein von 50 Franken erhalten. Einzulösen ist der Rabatt beim Onlineladen von Microspot. Mit der Aktion versucht Coop, wechselwillige Siroop-Kunden für Microspot zu gewinnen. Beide Marken gehören zum umsatzstärksten Detailhändler des Landes. Coop hatte im April angekündigt, Siroop per Ende Jahr einzustellen und stattdessen auf Microspot zu setzen.

Während Coop um die verbleibenden Siroop-Kunden kämpft, richtet sich im Falle des erfolglosen Marktplatzes das Augenmerk auf einen weiteren Akteur: Swisscom. Der grösste Schweizer Telecomanbieter hat Siroop vor zwei Jahren gemeinsam mit Coop aufgebaut, um Erfahrung im elektronischen Handel zu sammeln. Mitte April zog der staatsnahe Betrieb die Reissleine und verkaufte sein Aktienpaket von 50 Prozent am Onlineladen vollständig an Coop.

Personal-Doublette im VR von Swisscom und Coop

Inzwischen ist klar, warum beide Unternehmen sich aus Siroop zurückgezogen haben. Zuletzt resultierte ein Verlust von 140 Millionen Franken, wie Einträge aus dem Handelsregister zeigen. Laut Coop-Chef Joos Sutter kommen Swisscom und Coop für den Fehlbetrag je zur Hälfte auf. Das ist Geld, das den Aktionären respektive den Genossenschaftern gehört.

Bemerkenswert ist, dass mit Hansueli Loosli derselbe Mann die Verwaltungsräte von Coop und Swisscom präsidiert. Das hat die Politik auf den Plan gerufen. Der Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht verlangt vom Bundesrat Antworten zur Doppelrolle von Loosli bei Siroop. Die Eidgenossenschaft und damit die Steuerzahler halten eine Mehrheit an Swisscom. «Traktanden zu Siroop sind jeweils im Verwaltungsrat von Swisscom besprochen und genehmigt worden. Hansueli Loosli befand sich bei der Diskussion und beim Beschluss im Ausstand», sagt dazu Swisscom-Sprecher Armin Schädeli.

Siroop ist das dritte Projekt aus dem Technologiebereich, das Swisscom in den vergangenen zwei Jahren aufgegeben hat.

  • Im Sommer 2016 stellte die Gruppe Tapit ein, ihre Lösung für kontaktloses Bezahlen mit dem Smartphone. Stattdessen stieg der grösste Schweizer Telecomkonzern bei der Bankenlösung Paymit ein, die inzwischen in Twint aufgegangen ist. Tapit konnte sich bei den Swisscom-Kunden nie richtig durchsetzen. Weil die App nur auf Androidgeräten funktioniert, wurde sie lediglich 10'000-mal heruntergeladen.
  • Im Sommer 2017 gab die Swisscom ihren Kurznachrichtendienst iO auf. Grund war die Popularität der Konkurrenzprodukte. iO wurde 1,7 Millionen Mal heruntergeladen. Die Zahl der aktiven Nutzer gab Swisscom nicht bekannt.

Siroop, iO und Tapit – sie hätten einheimische Alternativen zu etablierten Dienstleistungen von weltweit tätigen Unternehmen werden sollen. Die Rede ist vom Onlinewarenhaus Amazon, vom Kurznachrichtendienst Whatsapp und vom kontaktlosen Bezahlservice Apple Pay. Swisscom sieht sich rückläufigen Umsätzen und Erträgen im Kerngeschäft ausgesetzt. Um diese Einbussen wettzumachen, sucht das Unternehmen nach neuen Geschäftsfeldern. Die Höhe der Investitionen für Siroop, iO und Tapit legt Swisscom nicht offen.

Warum es gerade für grosse Schweizer Unternehmen schwierig ist, mit Neugründungen erfolgreich zu sein, erklärt Nicolas Berg. Er hat zehn Firmen ins Leben gerufen, darunter die Börsenplattform Borsalino (heute Cash.ch). «Es mangelt bei Konzernen an Innovationskraft, wenn sie selbst Start-ups gründen», sagt Berg. «Das hat damit zu tun, wie sie als Grossbetrieb aufgestellt sind. Oftmals ist zu wenig Wissen vorhanden, und zu viele Berater reden rein.» Berg verwahrt sich aber dagegen, wegen Siroop, iO und Tapit in Schadenfreude auszubrechen. «Die Aussicht, zu scheitern, gehört bei Neugründungen immer dazu.»

Bleibt die Frage, welche Lehren Swisscom aus ihren gescheiterten Vorhaben gezogen hat. «In der digitalen Welt muss man neue Dinge ausprobieren und auch Risiken eingehen», sagt Firmensprecher Schädeli. Er verweist auf die Erfahrungen, die nützlich für neue Projekte seien. Die Erkenntnisse aus Tapit seien beispielsweise in die heutige Rolle von Swisscom als Technologiepartnerin von Twint eingeflossen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2018, 09:08 Uhr

Artikel zum Thema

Coop stellt Internet-Warenhaus Siroop ein

Der Detailhändler will künftig auf das etablierte Online-Format Microspot setzen. Von der Schliessung von Siroop sind 180 Mitarbeiter betroffen. Mehr...

Die Rabattschlacht im Internet hat gerade erst begonnen

SonntagsZeitung Das Aus von Siroop zeigt: Der Kampf wird nicht mehr im Laden, sondern in Onlineshops geführt. Mehr...

Der geplatzte Traum einer Schweizer Amazon-Alternative

Swisscom hat ihre Beteiligung an Coops Onlineshop Siroop verkauft. Recherchen zeigen: Siroop hat die vereinbarten Zwischenziele nicht erreicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Prüfen Sie nach der Scheidung die Vorsorge!
Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten
Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...