Die tschechische Leo Express wirbt mit «Swiss made» um Kunden

Der 25-jährige Leoš Novotný will mit fünf Zügen der Firma Stadler der tschechischen Staatsbahn Konkurrenz machen. Die Privatbahn hofft auf das grosse Geschäft mit Schnellzügen. Und setzt auf Rollmaterial aus der Schweiz.

Flirt für den Osten: Wagenfertigung bei der Stadler Rail in Bussnang.

Flirt für den Osten: Wagenfertigung bei der Stadler Rail in Bussnang. Bild: Keystone

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Auf dem Güterbahnhof von Ostrava geht es zu wie auf dem Rummelplatz. Musik dröhnt über die Gleise, es wird gegrillt und Bier ausgeschenkt. Die tschechischen Eisenbahntage in der ostmährischen Industriestadt. Firmen aus West- und Osteuropa präsentieren ihre neuen Elektroloks und Doppelstockzüge. Nur Leoš Novotný kann nicht viel mehr als Computersimulationen zeigen. Seine Züge werden derzeit im thurgauischen Bussnang gebaut. Erste Probefahrten sind für Frühjahr 2012 geplant.

Dennoch verkündet der 25 Jahre alte, selbstbewusste Novotný, dass er auf dem zentraleuropäischen Eisenbahnmarkt gross mitmischen werde. Mit seiner Firma Leo Pool bietet er privaten Verkehrsunternehmen von Tschechien bis Russland Finanzierung und Leasing von Lokomotiven und Triebzügen an. Seine Firma Leo Express wird ab Dezember 2012 private Schnellzüge von Prag über Olomouc nach Ostrava führen. Der Jungunternehmer aus Prag wittert im Schienenverkehr das Geschäft der Zukunft. Die Eisenbahn sei der einzige Sektor, der bei den Privatisierungswellen der vergangenen 20 Jahre vergessen wurde, sagt Novotný. Da müsse viel nachgeholt werden.

Ein Regionalzug im Fernverkehr

Die EU zwingt ihre Mitgliedsstaaten seit einiger Zeit, die Schieneninfrastruktur für private Anbieter zu öffnen. Im Güterverkehr sorgt das für Konkurrenz unter den Anbietern. Im Personenverkehr setzen die nationalen Regierungen die Regel aus Brüssel nur widerwillig um. In Österreich wird das Unternehmen Westbahn ab Dezember 2011 Schnellzüge im Stundentakt zwischen Wien, Linz und Salzburg führen. Den Verwaltungsrat leitet der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel, die Triebzüge kommen von Stadler in Bussnang. Derzeit werden im Thurgau die ersten Probefahrten absolviert.

In Tschechien setzt Leoš Novotný ebenfalls auf ein Schweizer Produkt. Er hat fünf fünfteilige Züge des Typs «Flirt» bei Stadler bestellt. Eigentlich waren diese Züge für den Nahverkehr gedacht, aber Novotný wird sie für den Fernverkehr adaptieren: in schwarz-gelber Lackierung, mit breiteren Stühlen, WLAN in den Waggons und drei Klassen: Economy, Business und Premium. «Der tschechische Kunde hatte Designwünsche, und die haben wir umgesetzt», sagt Stadler-Sprecher Tim Büchele. Stadler lieferte den Flirt als Fernverkehrszug bereits nach Norwegen, wo er mit bis zu 200 km/h unterwegs sein wird.

Die tschechische Variante hat die Höchstgeschwindigkeit 160 km/h. Die Werbemaschine für den «Leo-Express» läuft auf Hochtouren. Die Besucher der Eisenbahnmesse in Ostrava können sich vor einer Attrappe des Flirt fotografieren lassen, Autofirmen treten als Sponsoren auf und Novotnýs Schwester verteilt in sehr kurzem Rock Kaffee und Broschüren. Zur Cooperate Identity von «Leo Express» gehört das Gütesiegel «Swiss made», auf der Website und auf Werbebroschüren. Dabei ist Tschechien eines der letzten europäischen Länder mit eigenem Lokomotiv- und Waggonbau. Warum wählte Novotný nicht ein heimisches Produkt? «Weil die Schweiz bei uns für hohe Qualität, Verlässlichkeit und Service steht. Das wollen wir mit unseren Zügen vermitteln.»

Die Konkurrenz fährt alte Züge

Leo-Express wird nicht der erste private Fernverkehrszug auf tschechischen Schienen sein. Diesen Herbst will der Busunternehmer Radim Janura unter dem Namen Regio Jet ebenfalls Züge zwischen Prag und Ostrava führen. Und dann gibt es noch den Platzhirsch, die Staatsbahn CD, die schon jetzt auf der wichtigsten und ertragreichsten Strecke des Landes Schnellverbindungen mit Pendolino-Zügen anbietet. Auch wenn der Leo Express als Letzter in den Kampf um Marktanteile einsteigen wird, glaubt sein Besitzer, dass sich die Schweizer Qualität durchsetzen werde. Die Konkurrenz fahre mit gebrauchtem Material.

Seine neuen Züge seien viel sparsamer im Betrieb und im Unterhalt, «das wird 70 Prozent unseres Erfolgs ausmachen.» Wenn Novotný von der Staatsbahn spricht, schwingt Verachtung mit. Die Ineffizienz dieses Betriebs sei nicht zu übersehen. Deshalb heuere er auch nur Mitarbeiter aus der Privatwirtschaft an. Freilich: So wie die österreichische «Westbahn» fährt auch der tschechische «Leo Express» nur dort, wo der Staat moderne Infrastruktur bietet. Die maroden Regionalbahnen bleiben der Staatsbahn.

Tschechische Journalisten in Bussnang

Unternehmergeist und die notwendigen Mittel wurden Novotný in die Wiege gelegt. Sein Vater machte aus einer kleinen Konservenfabrik einen Lebensmittelkonzern, der seine Pasteten nach ganz Osteuropa exportierte. 2008 verkaufte er das florierende Unternehmen nach Island. Der Sohn holte sich für seinen Einstieg in die Welt der Bahn zusätzliche Finanzpartner und Kredite bei der Credit Suisse. Die Expertise zum Businessplan schrieb der ehemalige SBB-Personenverkehrschef Paul Blumenthal. Mitte Juli wird Novotný tschechische Journalisten nach Bussnang begleiten, um ihnen den ersten schwarz lackierten Wagenkasten zu präsentieren.

Sein Zug werde auf Europas Schienen neue Standards setzen, sagt er und verkündet bereits Expansionspläne, lange bevor sein erster Zug den Bahnhof verlässt. Ab 2013 soll der Leo Express auch von Prag nach Budweis und ein Jahr später von Ostrava nach Wien fahren. Derzeit holt Novotný Angebote für neue Züge ein. Stadler sei «wieder im Rennen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2011, 22:01 Uhr

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