Die wahren Gewinner im Patentstreit

Im Streit um Smartphone-Patente muss Samsung eine Milliarde Dollar an Apple bezahlen. Doch nicht nur diese beiden Konzerne sind vom Urteil betroffen. Wer vom Urteil profitiert und wer zu den Verlierern gehört.

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Wegen Patentrechtsverletzungen erhält Apple von Samsung 1,05 Milliarden Dollar an Wiedergutmachung: ein Sieg auf der ganzen Linie für Tim Cooks Konzern? Nicht ganz. Technologieanalysten rund um den Globus sehen eine ganze Reihe von Gewinnern und Verlierern aus dem Prozess hervorgehen – eine eigentliche Veränderung im IT-Machtgleichgewicht zeichnet sich ihnen zufolge ab. Tagesanzeiger.ch/Newsnet listet die wichtigsten Auswirkungen des grössten Informatikpatentstreits aller Zeiten auf.

Gewinner: Die Patenthalter

Vordergründig hat Apple vor dem kalifornischen Gericht einen grossen Sieg errungen. Doch der Kreis der Profiteure muss weiter gefasst werden: All jene Unternehmen, Fonds und Individuen im Besitz von IT-Patenten erhalten durch das Urteil eine Bestätigung. Die Verletzung von sechs Patenten kostet Samsung rund eine Milliarde Dollar, das sind über 150 Millionen pro Patent. Natürlich hat nicht jedes Urheberrecht denselben Wert. Doch gerade im Smartphone- und Tablet-Bereich dürften sich Unternehmen künftig doppelt und dreifach mit Patenten absichern wollen. Das steigert den Marktpreis dieser rechtlichen Absicherungen.

Gewinner und Verlierer: Apple

Gemessen an Apples letztem Quartalsumsatz von 35 Milliarden Dollar ist die Genugtuung, die Samsung bezahlen muss, ein schöner Zustupf – aber nicht mehr. Mit der Klage auf 2,5 Milliarden Dollar hatte sich das Unternehmen aus Cupertino ursprünglich mehr erhofft. Wichtiger als die Schadenssumme dürfte für Apple allerdings der Einschüchterungseffekt sein: Mit dem Urteil vom letzten Freitag im Rücken kann Apple der Konkurrenz glaubhaft mit weiteren Klagen drohen. Diese wird Anstrengungen unternehmen müssen, um nicht zu ähnliche Produkte wie Apple herzustellen.

Während Apple nun ein Verkaufsverbot für acht Smartphones von Samsung durchsetzen will, will Samsung das Urteil vor einem höheren Gericht anfechten. Auch künftig dürfte Apple juristisch keine Ruhe haben: Gewonnen ist die Schlacht, der Krieg hingegen noch nicht. Neben Prozesskosten droht dem Computerunternehmen ein Imageverlust. Gegenüber dem Handelsschluss vom Freitag legte Apple gestern an der Börse um 1,9 Prozent zu.

Verlierer und Gewinner: Samsung

Eine Milliarde Dollar – obwohl das gerade mal 1,5 Prozent von Samsungs jährlichem Umsatz sind, ist die Summe kein Pappenstiel. Zudem ist Samsung nun gebrandmarkt mit dem Stigma des Plagiators: Die mögliche Negativreaktion der Konsumenten auf diesen Imagewandel ist nicht zu unterschätzen. Auch auf Samsung werden weitere Prozesskosten zukommen, es droht ein Verkaufsstopp auf einige Modelle in den USA. Die Börse reagierte auf die Neuigkeiten mit einem Kursrückgang von 7,5 Prozent am Montag.

Auf der anderen Seite ist Samsung ein flexibler IT-Gigant mit grosser Kriegskasse und Produktpipeline. Der koreanische Konzern könnte wohl schnell mit neuen Modellen auf Verkaufsverbote reagieren. Die verringerte Gewinnmarge auf einige der Smartphones dürfte Samsung weniger hart treffen als andere Android-Hersteller – und auch gegen die Konkurrenz aus Cupertino hat Samsung notfalls ein grosses Druckmittel: Die Koreaner sind nämlich einer der grössten Zulieferer von Apple.

Gewinner: Microsoft

Das Unternehmen aus Redmond wird von Beobachtern als der grosse Sieger aus dem Patentstreit schlechthin gewertet. Kapital schlagen kann Microsoft aus der Tatsache, dass seine mobile Plattform weitgehend frei von Patentkonflikten ist. Microsoft gilt als Meister juristischer Auseinandersetzungen: Noch aus allen Gerichtsverfahren, die Apple wegen der Ähnlichkeit von Windows mit dem Mac-OS jemals angestrebt hatte, ging das von Steve Ballmer geleitete Unternehmen als Sieger hervor.

Zwar hat Microsoft mit seiner mobilen Windows-Version nur wenige Prozente Marktanteil. Wegen weiterer Patentrisiken in Bezug auf Android könnten Hardwarehersteller wie Samsung oder HTC allerdings versucht sein, künftig auf Windows zu setzen. Windows 8 ist ab Oktober erhältlich. Für Microsoft haben sich Geduld und Beharrlichkeit schon mehrmals ausgezahlt: Auch im gestrigen Handel legte das Unternehmen deshalb um 0,5 Prozent zu.

Gewinner: Nokia

Viele schüttelten den Kopf, als sich die Finnen für die Zusammenarbeit mit Microsoft entschieden. Nun könnte sich der Schachzug als Geniestreich herausstellen. Ausserhalb der Android- und Apple-Welt bleibt Nokia der grösste Player auf dem Smartphone-Markt. Das erste Lumia mit Windows 8 erscheint in Kürze: Aus Vorfreude bescherten die Anleger Nokia gestern schon mal einen Kurssprung von 12 Prozent. Der Erfolg steht allerdings auf wackligen Beinen, denn inzwischen hat das Papier bereits wieder an Wert verloren.

Verlierer: Google

Der Patentstreit zwischen Apple und Samsung wurde auch als Stellvertreterkrieg zwischen Apple und Google um die globale Vormachtstellung in der IT-Welt interpretiert. Während der Prozess von San José von geopolitischen Motiven überlagert wurde, rivalisieren mit Apple und Google zwei US-Firmen: Es scheint vor allem eine Frage des Zeitpunkts, bis die zwei Unternehmen einander selbst vor Gericht gegenüberstehen.

Mit dem schlagenden Argument der freien Erhältlichkeit setzte Google bislang auf das Zugpferd Android. Fallen künftig Lizenzgebühren an, so könnte das Betriebssystem seinen Reiz für Hardwarehersteller verlieren. Mit im Boot sitzen HTC, Motorola und andere Android-Hersteller. Viele von ihnen bezahlen bereits an Microsoft Gebühren. Im Handel des gestrigen Montags verlor die Google-Aktie 1,1 Prozent.

Verlierer: Konsumenten

Viele Kommentatoren im Web sind sich einig, dass die Konsumenten als Verlierer aus dem Patentstreit hervorgehen. Nicht nur werden die Gerichtskosten letzten Endes auf sie überwälzt: Es wird befürchtet, dass Firmen beim Lancieren neuer Produkte behutsamer vorgehen aus Angst vor weiteren Patentverletzungen und Klagen. Es heisst, der Smartphone- und Tablet-Markt könne noch unübersichtlicher werden als bisher, was sich letztlich in geringerer Innovationstätigkeit niederschlagen würde.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2012, 17:05 Uhr

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