Die wahren Gründe für Peter Wufflis Abgang bei der UBS

Entscheidend für den Rauswurf des Konzernchefs im Jahr 2007 waren dessen Führungsfehler beim hauseigenen Hedge-Fund Dillon Read. Von den verhängnisvollen Subprime-Verlusten wusste Wuffli bis zuletzt nichts.

Erst geriet er in Verzug, dann handelte er überstürzt: Der erfolglose UBS-Konzernchef Peter Wuffli.

Erst geriet er in Verzug, dann handelte er überstürzt: Der erfolglose UBS-Konzernchef Peter Wuffli. Bild: Keystone

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Peter Wuffli galt als Star. Internationale Wirtschaftsjournalisten hatten ihn zum «European Banker of the Year 2005» gewählt. Und dann dies: Am 6. Juli 2007 stellte der UBS-Verwaltungsrat den damals 49-Jährigen überraschend kalt. Wuffli habe auf die Nachfolge von VR-Präsident Marcel Ospel gedrängt, hiess es, doch dafür sei er nicht der geeignete Mann. Der erst 42-jährige Marcel Rohner wurde neuer Konzernchef, und Ospel blieb vorderhand Präsident.

Was sich Ende Juni 2007 im Luxushotel Las Arenas in Valencia an der spanischen Costa Blanca abspielte, gilt als letztes Rätsel im Drama um den Niedergang der Schweizer Traditionsbank. Während UBS-Verwaltungsrat Ernesto Bertarelli draussen mit der Alinghi um den America's Cup segelte und gewann, endete drinnen Wufflis Karriere abrupt. Kaum jemand schenkte anschliessend der offiziellen UBS-Version über die Gründe der Kaltstellung Glauben. Im Nachhinein dachten viele, Wuffli sei über Bord gegangen, weil sich in jenen Monaten das katastrophale Ausmass der Verluste mit verbrieften US-Hypotheken intern abzuzeichnen begann.

Managementfehler wurden ihm zum Verhängnis

Nun zeigen Recherchen, dass der Topbanker nicht wie vermutet über die Subprime-Verluste gestolpert ist – deren Ausmass zeigte sich erst später. Es ging auch nicht um seinen Anspruch auf die Nachfolge Ospels als VR-Präsident. Zum Verhängnis wurden ihm vielmehr Managementfehler bei der Lancierung und Auflösung des hauseigenen Hedge-Fund Dillon Read Capital Management (DRCM). Dies lasse sich einem geheimen Bericht des internen Inspektorats entnehmen, sagt ein Dillon-Read-Manager, der vom Inhalt Kenntnis hat.

Verfasst wurde das Papier von Markus Ronner. Als Mitglied der erweiterten Führungscrew der UBS und Chef des Inspektorats rapportierte er direkt an UBS-Präsident Ospel. «Der Bericht über Dillon Read war streng vertraulich und wurde dem Verwaltungsrat in Valencia vorgelegt», sagt der TA-Informant. Im Dokument seien «alle Aktionen beschrieben, von der Gründung über den operativen Betrieb bis hin zur Schliessung». Im Zentrum hätte nicht das Ausmass der Verluste gestanden, sondern «die Frage, wie Konzernchef Wuffli den Hedge-Fund aufgesetzt und kontrolliert hatte». Das Vehikel war installiert worden, um Risiken aus der aufgeblähten Bilanz der UBS auszulagern und zugleich neue Investoren anzuziehen.

Wuffli liess über seinen Anwalt ausrichten, er möchte sich zu den Vorgängen nicht äussern. Auch die UBS wollte keine Stellungnahme abgeben.

Zu schnell gefahren

Dass das Geheimpapier existiert, legt auch eine Sammelklage von UBS-Aktionären nahe: Der Auftrag für die Untersuchung sei am 29. März 2007 ergangen und habe «in einem Bericht von April 2007 kulminiert», heisst es dort. Ihre Aktionäre informierte die UBS erst ein Jahr später, aber nur verklausuliert: Wuffli sei an der Gründung von Dillon Read im Juni 2005 «unmittelbar beteiligt» gewesen und habe als Konzernchef die oberste operative Verantwortung für den Hedge-Fund getragen. Die Gründungsarbeiten hätten sich in die Länge gezogen, während die Wahl der Dillon-Read-Spitzenleute sehr spät erfolgt sei: «Als Konsequenz wurden der DRCM-Businesscase und interne Verpflichtungen und Abmachungen (...) zuletzt mit grossem Tempo ausgeführt.» Es habe «weniger Gelegenheit für interne Überprüfungen» gegeben, als dies «sonst der Fall gewesen» wäre, hiess es. Im Klartext: Zuerst geriet Wuffli in Verzug; dann handelte er überstürzt und vernachlässigte die Kontrolle.

Was aber geschah konkret in den entscheidenden Wochen, die zum Ende des Hedge-Fund führten?

Anfang 2007 hatten die Manager von Dillon Read erkannt, dass ein Crash der Konstrukte mit minderwertigen US-Hypothekenpapieren (Subprime) kurz bevorstand und grosse Verluste drohten. Am Freitag, 9. März, «testete» die Nummer zwei von Dillon Read, Michael Hutchins, den Marktwert der kriselnden Produkte – mit ernüchterndem Ergebnis: Laut Angaben eines Händlers liessen sie sich nur noch für die Hälfte des ursprünglichen Werts verkaufen.

UBS verletzte «gültige Buchhaltungsregeln»

Noch am selben Abend informierte Dillon Read die Verantwortlichen in der UBS-Zentrale in Zürich, Risikochef Walter Stürzinger und den Leiter des Assetmanagements, John Fraser. Zunächst war nur von Verlusten in Höhe von 40 Millionen Dollar die Rede. Diese erhöhten sich indes bis Ende März sukzessive.

Statt ihr gesamtes mit Subprime-Papieren verseuchtes Portefeuille von 100 Milliarden Dollar massiv abzuwerten, hätten Hutchins & Co. die Wertberichtigungen lediglich bei einer 4-Milliarden-Tranche vorgenommen; damit habe die UBS «gültige Buchhaltungsregeln» verletzt, behauptet die Pensionskasse der Polizei und Feuerwehr von Pontiac bei Detroit (Michigan). Die Kasse gehört zu den zahlreichen Zivilklägern, die von der UBS mittels der eingangs erwähnten Sammelklage Schadenersatz fordern.

Man habe Risiken im Griff

Zwölf Tage nach der Verlustwarnung aus dem Dillon-Read-Nervenzentrum in Manhattan verbreiteten UBS-Konzernchef Wuffli und VR-Präsident Ospel gleichwohl Zuversicht. Es gebe zwar «gewisse Risiken», doch habe man sie im Griff. Wenige Wochen später war das Bekenntnis Makulatur und Dillon Read, die bedeutendste Geschäftsinitiative von Konzernchef Peter Wuffli, Geschichte. Am 3. Mai 2007 beschloss die UBS, den Hedge-Fund zu schliessen und die gesamten Vermögenswerte von 100 Milliarden Dollar in die eigene Investmentbank zurückzuverschieben.

Ganz anders ging Goldman Sachs mit dem Problem um. Die Topshots der berühmten Wallstreet-Investmentbank hatten zur gleichen Zeit wie Dillon Read den Zusammenbruch des Subprime-Marktes kommen sehen. In der Folge wetteten sie versteckt auf fallende Kurse der Ramschpapiere – also gegen ihre eigenen Kunden – und verdienten damit letztlich Milliarden. Dieses zweifelhafte Geschäftsgebaren hat der Bank eine Untersuchung der US-Wertschriftenaufsicht und eine Reihe von Schadenersatzklagen eingetragen.

Stecker kurzerhand herausgezogen

Dafür, dass Wuffli Dillon Read kurzerhand den Stecker herauszog, zahlte die UBS einen hohen Preis. Aus ursprünglich 150 Millionen Franken Handelsverlusten wurde innert Wochen mehr als eine halbe Milliarde. Dazu trugen hohe Boni bei, die den Dillon-Read-Managern ausbezahlt wurden, obwohl ihr Hedge-Fund in Schieflage geraten war. Wufflis Versuch, Dillon Read als unrühmliche, wenig gravierende Episode still ad acta zu legen, scheiterte.

Bei der internen Untersuchung rückten die Mängel bei der Aufgleisung des Geschäfts in den Fokus. Dabei traten grundsätzliche Schwächen zutage. So musste das Management von Dillon Read der UBS-Einheit Asset Management rapportieren, während die operativen Gewinne und Verluste bei einer andern Sparte anfielen, dem UBS-Investmentbanking. «Diese zusätzliche Organisationsebene erhöhte die Komplexität», hiess es ein Jahr später kritisch im UBS-Aktionärsbericht. Offenbar herrschte ein heilloses Durcheinander bezüglich Überwachung des Hedge-Fund – und dies ausgerechnet bei einer der wichtigsten strategischen Initiativen von Konzernchef Wuffli. Es habe an einem «verständlichen Businesscase/-plan» gemangelt, heisst es im Bericht. Erhellend ist der Vermerk, wonach es keine Hinweise gebe, dass «die DRCM-Verluste auf Missachtung interner Weisungen oder Richtlinien zurückzuführen» seien. Daraus folgt, dass nicht die Dillon-Read-Manager die Grenzen überschritten, sondern die Topmanager in Zürich bei der Kontrolle versagten.

Schlummernde Risiken

Interessant ist aber auch, dass in Valencia weder der Verwaltungsrat noch die Konzernleitung wussten, wie schwer der Subprime-Tsunami die UBS letztlich treffen würde. Unbemerkt von der Führungsspitze und parallel zum neu gegründeten Hedge-Fund Dillon Read, hatten Manager der Investmentbank nämlich von Anfang 2006 bis Herbst 2007 einen eigenen Subprime-Berg von über 50 Milliarden Dollar aufgetürmt, sodass die UBS insgesamt auf US-Hypothekenrisiken von über 100 Milliarden Franken sass. Unter dem Strich verlor sie auf dieser Position 53 Milliarden Dollar – so viel wie keine andere Bank. Wuffli und Ospel hatten es verpasst, den Konzern rechtzeitig und umfassend auf die Subprime-Risiken abzuklopfen.

Erst am Montag, 6. August 2007, einen Monat nach Wufflis Abgang, merkten Marktteilnehmer, dass die Schweizer offenbar ein gravierendes Problem hatten. Die UBS-Investmentbanker deckten sich en masse mit sogenannten Credit Default Swaps (CDS) ein, einer Art Versicherung auf Subprime-Konstrukte. Wie der US-Autor Michael Lewis in seinem neuen Buch «The Big Short» enthüllt, bezahlten sie dafür regelrechte Fantasiepreise. Sie versuchten in grösster Panik, die drohenden Milliardenverluste zu begrenzen.

«Im Rückblick kann ich kaum glauben, dass wir uns nicht einfach umdrehten und die UBS-Aktien shorteten», sagt ein Händler der US-Finanzboutique Cornwall Capital. Hätte sie von den gigantischen Verlustrisiken der UBS gewusst, hätten die Händler in grossem Stil UBS-Aktien «leer» verkauft, um sich nach dem absehbaren Kurssturz mit riesigem Gewinn zu viel tieferen Preisen wieder damit einzudecken.

So funktioniert das moderne Banking. In diesem Business ist Mitleid ein Fremdwort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2010, 10:09 Uhr

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