Hintergrund

Die zweifelhaften Methoden der Galenica-Tochter Documed

Klagen von Pharmafirmen über das Unternehmen rufen die Wettbewerbskommission auf den Plan.

Bild: Felix Schaad

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Informationen zu Medikamenten sind für das Spitalpersonal, die Hausärzte oder die Apotheker in ihrem Arbeitsalltag von zentraler Bedeutung. So können sie sich über Wirkung und Nebenwirkung, Packungsgrössen, Preise, Dosierungen und vieles mehr informieren. Die Pharmafirmen sind gesetzlich verpflichtet, diese Informationen bereitzustellen und zu veröffentlichen. Die Heilmittelbehörde Swissmedic hat dabei der Galenica-Tochter Documed zu einem Monopol verholfen, indem sie die Hersteller verpflichtet hat, ihre Medikamenteninformationen zwingend bei Documed zu publizieren. Lange Zeit geschah dies in Form eines dicken Buchs, des Arzneimittelkompendiums, später auch über das Internet. Zwar hat Swissmedic seit 2008 auch die Seite Oddb.org der Softwarefirma Ywesee zugelassen. Dies tat aber der Vormachtstellung von Documed keinen Abbruch.

Gegen diese Pflicht hat sich ein Hersteller von homöopathischen Mitteln aus dem Kanton Freiburg vor Gericht gewehrt. Schliesslich hat das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil vom Juni 2011 entschieden, dass die Praxis der Swissmedic weder geeignet noch notwendig sei. Mit einem Schlag war die Firma Documed ihr Quasimonopol los.

Documed drohte unverhohlen

Doch Monopolisten geben ihre Vormachtstellung meist nicht kampflos auf, wie auch dieser Fall zeigt. Aktiv geworden ist nun auch die Wettbewerbskommission (Weko). Sie eröffnet eine Untersuchung gegen Documed und zwei weitere Galenica-Töchter namens E-Mediat und HCI Solutions, da diese Firmen im Verdacht stehen, ihre Marktstellung zu missbrauchen. Es mache den Anschein, dass die drei Firmen ihre Partner zwingen würden, die Geschäftsbeziehung mit ihnen weiterzuführen.

Der TA kennt die Details. So hat Documed Anfang Oktober den Pharmaunternehmen eine Offerte für einen neuen Vertrag für das nächste Jahr zugeschickt. Die hohen Rechnungsbeträge haben bei den betroffenen Firmen grossen Ärger ausgelöst. Er sei aus allen Wolken gefallen, als er die Offerte erhalten habe, sagt ein Geschäftsleitungsmitglied einer Pharmafirma, das anonym bleiben will. Durch das Wegfallen des Monopols haben sich die Unternehmen weit günstigere Verträge mit Documed erhofft. Während kleine Firmen Offerten mit hohen fünfstelligen Beträgen erhielten, sahen sich die grossen Player mit Rechnungen von 500'000 Franken und mehr konfrontiert.

Mehr Geld für Stammdaten

Documed verlangt nun nicht mehr Geld für die Veröffentlichung der Medikamenteninformationen, sondern für die sogenannten Stammdaten. Dies sind mit Zahlen und Daten unterlegte Informationen zu Medikamenten, mit denen die Spitäler, Ärzte und Apotheker arbeiten. Dank dem Einsatz dieser Daten und einer Software können sie Medikamente elektronisch bestellen und verschreiben, ihre Lager bewirtschaften oder die Abrechnung mit den Krankenkassen abwickeln. Fehlen in dieser Datenbank Medikamente eines Herstellers, so ist das für diesen fatal.

Diese Datenbanken werden ebenfalls von einer Galenica-Tochter verwaltet, der Firma E-Mediat. Und auch hier gibt es bisher keine alternativen Anbieter. Diese Abhängigkeit der Pharmaunternehmen hat sich Documed zunutze gemacht. Die Firma hat insbesondere mittleren und kleineren Unternehmen unverhohlen gedroht, ihre Medikamente aus den Datenbanken zu entfernen, falls sie nicht auf die Offerte eingingen. Diese Aussage hat etwa Peter Höchner, damals Leiter Marketing und Verkauf und inzwischen Chef sowohl von Documed als auch E-Mediat, an einer firmeneigenen Veranstaltung im September in Zürich gemacht. Später ergingen diese Drohungen auch per E-Mails, welche dem TA vorliegen. Gewisse Firmenvertreter sprechen gar schlicht von Erpressung.

Pharmafirmen wehren sich

Angesichts der happigen Rechnungen entschloss sich eine Gruppe von 16 grossen, aber auch kleinen Pharmafirmen, nicht einfach die Hände in den Schoss zu legen. Sie gingen auf eine Offerte der Firma Just-medical, eines Anbieters von medizinischen Informationen, und des Softwareanbieters Ywesee ein. Die beiden Unternehmen boten an, eine Plattform aufzubauen, auf der die Medikamenteninformationen mitsamt den Stammdaten ebenfalls abrufbar sein werden. Gemäss den Firmeninhabern Zeno Davatz und Matthijs Ouwerkerk haben die Pharmaunternehmen zusammen 158'600 Franken für den Aufbau der Plattform bezahlt.

Damit gelang es den Pharmafirmen, die Drohung von Documed ins Leere laufen zu lassen. Als sie der Galenica-Tochter die Unterschrift unter den Vertrag versagten, reagierte diese mit tieferen Offerten, die vielen Unternehmen jedoch immer noch zu hoch waren. Schliesslich bot Documed gewissen Firmen üppige Rabatte von bis zu 80 Prozent an, falls sie einen Vertrag über zwei oder vier Jahre abschliessen. «Damit will Documed die Pharmafirmen einmal mehr möglichst lange an sich binden und alternative Plattformen ausbremsen», sagen Davatz und Ouwerkerk.

Documed hofft auf Klärung

Wie viele Firmen letztlich den Vertrag mit Documed unterschreiben werden, wird sich bis Ende Jahr zeigen. Die beiden grossen Pharmakonzerne Roche und Novartis sowie einzelne grosse ausländische Firmen haben bisher nicht unterschrieben und werden dies gemäss Informationen des TA auch bis Ende Jahr nicht tun.

Schliesslich ist Documed – vermutlich auch unter dem Eindruck der Weko-Untersuchung – von der Drohung, Medikamente aus den Datenbanken der E-Mediat zu streichen, abgerückt. In einem Schreiben, das noch einen Tag vor der Weko-Mitteilung an die Pharmafirmen verschickt wurde, hält die Galenica-Tochter fest, in den kommenden Monaten die Medikamenteninformationen weiterhin vollständig bereitzustellen. Sie spricht dabei von einem «Zeichen unserer Kooperationsbereitschaft».

Angesprochen auf die Vorwürfe, entgegnet Galenica, dass ihre Tochterfirmen über die gesetzliche Publikationspflicht hinaus Dienstleistungen anböten. Kein Unternehmen könne es sich leisten, gratis Dienste für Dritte anzubieten. Galenica begrüsst zudem die Untersuchung der Weko. Der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts habe für viel Verunsicherung bei den Pharmafirmen und den Nutzern der Daten gesorgt. Die Firma hofft, dass die Weko bald eine klärende Stellungnahme abgibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2012, 08:10 Uhr

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