EU-Bonusgrenze

EU-Bonusgrenze nützt der Schweiz

Kein Bonus höher als ein Jahresgrundlohn: Europa will den Bankerlöhnen klare Limiten setzen. Die angestrebte Regel ist beispiellos – ihre Wirkung würde über die Unionsgrenzen hinausreichen.

So sieht es in der Schweizer Finanzindustrie aus: Totale Vergütung im Verhältnis zum Fixlohn.


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Experten bezeichnen es als «überraschend», «einschneidend», «massiv»: Die EU will ab 2014 eine Obergrenze für Bonuszahlungen in Banken einführen. Dies wurde in der Nacht auf heute bekannt. Die Regel wäre Teil eines Regulierungspakets, über welches EU-Parlament, Kommission und Mitgliedsstaaten in den vergangenen Wochen und Monaten verhandelt hatten. Bereits am Dienstag soll der gestern gefasste Kompromiss dem Finanzministerrat vorgelegt werden; laut EU-Kommissar Barnier ist dessen Annahme nur noch Formsache (siehe Box).

Vorgesehen ist ein Hebel im Verhältnis eins zu eins: Banker sollen maximal einen Bonus in der Höhe des Jahresgrundgehalts erhalten. Unter bestimmten Bedingungen könnten Aktionäre allerdings auch Vergütungen in doppelt so hohem Ausmass billigen. Von der Schalterhalle bis in die Teppichetage wären davon alle Angestellten betroffen – inklusive der Händler im Investmentbanking, bei denen eine Hebelung des Grundlohns um den Faktor 5 bis 10 keine Seltenheit ist. Obwohl vermutlich Spielräume bei der Definition von Fixlohn und Bonus vorhanden sind, wäre dies der krasseste Eingriff in die Lohnpolitik bei Banken seit langem.

Vorteil Schweiz

Entsprechend heftig fallen die Reaktionen von Experten aus. «Keine Bank wird einem Händler, der total 2 Millionen Euro verdiente, künftig 600'000 anstatt 200'000 Euro Grundgehalt bezahlen», sagt Jens Massmann, Bankenexperte bei Ernst & Young in Frankfurt. Massmann rechnet mit einer Dämpfung der Bankersaläre – allerdings weniger beim Topmanagement, wo Banken mit Fixlohnanpassungen reagieren könnten, sondern vor allem in den Spezialabteilungen des Investmentbanking. «Es wird zu Abwanderungen kommen», ist Massmann überzeugt. Primäres Migrationsziel unterbezahlter Banker wären die USA und der Raum Asien-Pazifik. Doch, so der Vergütungsspezialist: «Profitieren wird auch der Finanzplatz Zürich.»

In der Schweiz würde die ausgezogenen Banker eine «konkretere, aber weniger rigide» Vergütungsvorschrift erwarten, wie es Finanzprofessor Maurice Pedergnana von der Hochschule Luzern formuliert. Die Lohnregelung entstammt einem Rundschreiben der Finma aus dem Jahr 2009. Sie «beschränkt die Höhe der variablen Vergütungen nicht», wie es im dazugehörigen Medientext heisst. Stattdessen wird den Instituten auferlegt, Faktoren wie den «wirtschaftlichen Erfolg», die «Nachhaltigkeit dieses Erfolgs» sowie die «eingegangenen Risiken» im Bonus zu berücksichtigen. «Für die Schweiz ergibt sich dadurch ein Wettbewerbsvorteil», meint Finanzprofessor Maurice Pedergnana.

Flucht ins Schattenbankensystem

Die geplagte Schweizer Finanzindustrie hätte demnach Grund zur Freude. Denn hohe Boni gelten noch immer als bestes Argument im globalen Talentwettbewerb. «Wer wirklich gut ist, wird von Europa an andere Finanzplätze ausweichen», schätzt Maurice Pedergnana. Zu den Profiteuren der angestrebten Bonusregel zählt der Finanzprofessor auch das Schattenbankensystem – also den Sektor, in dem Finanzinstitute ohne Bankenlizenz operieren: Liesse sich dort mehr Geld verdienen, so würden sich unternehmerisch denkende Banker schnell von ihrer Firma verabschieden. Zur gefragten Destination für Hedgefonds oder Private-Equity-Unternehmer könnte so der Raum Zürich-Zug-Pfäffikon werden, als Standort für Handelsfirmen drängt sich das Genferseegebiet auf.

Grosser Verlierer der EU-Bonusregelung wäre die Londoner City. Ihr drohe ein eigentlicher Personalexodus, schreibt heute die «Financial Times» (FT). Obwohl sich Grossbritanniens Diplomatie mit Händen und Füssen dagegen wehrt, glaubt selbst das Finanzblatt aus London nicht mehr an die Abwendung des Regelwerks. Theoretisch könne England eine Revolte im Finanzministerrat auslösen, so die FT – aber das sei unwahrscheinlich: Sollte Schatzkanzler George Osbourne auf einer Abstimmung beharren, so wäre die Überstimmung Grossbritanniens in einem für das Land vitalen Bereich die wahrscheinliche Folge. Auch das wäre ein Novum für die EU.

USA im Hintertreffen

Auch den deutschen Banken war die Absicht der EU ursprünglich zu weit gegangen. Dass die Bonusdeckelung bei den EU-Mitgliedsstaaten trotzdem eine Mehrheit fand, hat laut Bankenexperte Rolf Wietlisbach mit dem Entgegenkommen der EU in einem anderen Bereich zu tun. «Bei der Adressierung von systemischen Risiken wurde den Mitgliedsländern eine gewisse Flexibilität gelassen», sagt der Berater bei PricewaterhouseCoopers. Hintergrund der aktuellen Beratungen ist, dass unter Europas Banken nach wie vor grosse Heterogenität bezüglich Kapital und Liquidität besteht. In den USA verläuft die Umsetzung der Basel-III-Richtlinien derweil schleppend. Mit der Einführung ähnlicher Bonusrichtlinien wie in der EU rechnet keiner der Experten.

Rolf Wietlisbach relativiert die Möglichkeit, dass Banken bald die Massenflucht aus Europa antreten könnten. «Auch die USA, Singapur oder Hongkong sind keine rechtsfreien Zonen», sagt er. Man solle diese Finanzplätze nicht als Oasen der Regulierung betrachten; Ostasien etwa gehe proaktiv vor. Auch dass die Schweiz künftig zur Wunschdestination der Topverdiener wird, mag der Bankenexperte nicht recht glauben. Viel eher dürften hiesige Institute selbst über die Grenze schielen und sich ein Stück weit den Markttendenzen anpassen. «Der Schweizer Finanzplatz wird in Europa nicht als Bonus-Eldorado gelten wollen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.02.2013, 18:58 Uhr

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Kein Bonus höher als ein Jahresgrundlohn: Europa will den Bankerlöhnen klare Limiten setzen. Auch ein Modell für die Schweiz?




Konkrete, aber nicht rigide Regeln: Banken am Zürcher Paradeplatz. (Bild: Keystone )

Bonusdeckelung in der EU

Das sind die Eckwerte des Kompromisses, den EU-Parlament, Kommission und Regierungsvertreter gestern gefasst haben:


  • Bonus und Jahresgehalt sollen im Verhältnis eins zu eins stehen. Eine Ausnahme ist vorgesehen, wenn mindestens 75 Prozent der Aktionäre sich dafür aussprechen.

  • Unter den geltenden Regeln können Banker ein Vielfaches des Grundlohns als Bonus verdienen. Man schätzt, dass Banken unter Ausnutzung aller Buchhaltungstricks mit dem neuen Regime den Bonus auf höchstens das Dreifache des Grundgehalts schrauben können.

  • Die EU-Regel soll ab 2014 gelten. Ab demselben Zeitpunkt müssen Banken zudem ein Minimum von 8 Prozent an Tier-1-Kapital halten.

  • Ab 2015 sollen Banken ausserdem verpflichtet werden, ihre Gewinne und Steuereinnahmen separat nach Land auszuweisen.

  • Um in Kraft zu treten, müssen die EU-Finanzminister dem nur eine A4-Seite langen Werk nächste Woche mit qualifiziertem Mehr zustimmen. Das heisst insbesondere, dass ein Veto Grossbritanniens nicht möglich ist. Im April muss zudem das EU-Parlament seinen Segen zum Gesetz geben.

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