«Ein Börsengang ist ein mögliches Szenario»

Sunrise-Chef Oliver Steil spricht über Preisdruck in der Telekommunikationsbranche, Kundenservice und den nötigen Netzausbau.

Verspricht besseren Kundenservice: Sunrise-Chef Oliver Steil. (23. August 2012)

Verspricht besseren Kundenservice: Sunrise-Chef Oliver Steil. (23. August 2012) Bild: Keystone

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Immer mehr Kunden und zugleich Klagen über den Service: Sunrise-Chef ­Oliver Steil will im kommenden Jahr verstärkt bei einem der zentralen Probleme des zweitgrössten Schweizer ­Telekomanbieters ansetzen. Der 40-jährige Deutsche steht seit Juni 2010 an der Spitze von Sunrise. Er war zuvor als Berater bei McKinsey tätig und lei­tete zweieinhalb Jahre das deutsche Telekom­unternehmen Debitel.

Herr Steil, wie viel lässt sich der Durchschnittskunde in der Schweiz Mobiltelefonie kosten?
Das hängt stark vom Anbieter ab. Das Gesamtmittel aller Anbieter liegt aber zwischen 40 und 50 Franken im Monat. Da dürfte der Branchenschnitt bei 60 bis 70 Franken liegen.

Ist dieser Wert in den vergangenen Jahren gestiegen oder gesunken?
Eher gesunken. Man sieht bei den einzelnen Anbietern allerdings Verschiebungen. Anbieter, die wie wir auf Kunden mit hohem Volumen setzen, haben zuletzt profitiert. Dort ist der Umsatz pro Kunde recht stabil, aber generell haben wir Preisdruck im Markt.

Das muss Ihnen Sorge bereiten…
Was uns Sorgen macht, ist, dass wir auf der einen Seite den Preisdruck spüren und auf der anderen Seite der Investitionsbedarf immer stärker steigt. Die Schwierigkeit ist, dass wir als Branche noch nicht den Hebel gefunden haben, dort mehr Umsatz zu machen, wo tatsächlich immer mehr Nutzung drauf ist.

Wie meinen Sie das konkret?
Wir haben zum Beispiel immer mehr Datennutzung, aber im Wesentlichen ist vieles davon in irgendeiner Flat­ Rate oder einem Datenvolumen inbegriffen. Das bedeutet, wir haben eine relativ stabile Nutzung auf der Sprachseite und zugleich dort einen Preis­verfall. Gleichzeitig explodiert das Datengeschäft, ohne dass wir diese Entwicklung zu Geld machen

Ihre Konkurrenz spürt diese Entwicklung doch auch. Swisscom-Chef Carsten Schloter ist zuversichtlich, dass die Sache gut ausgeht.
Es ist sicher eine Entwicklung, die alle Unternehmen durchlaufen. Die Swisscom wird ja derzeit nicht müde, den Segen der Flat Rate zu propagieren und betont, dass sie von variabler Abrechnung auf die Grundgebühr gewechselt ist. Fairerweise müsste man sagen, dass wir auf diese Idee schon vor drei Jahren gekommen sind. Trotzdem: Wenn Sie sehen, wie stark die Daten wachsen und wie stark man eine Grundgebühr erhöhen kann, dann stossen wir da natürlich an Grenzen. Aber ich glaube, dass ­Carsten Schloter schon recht hat, wenn er davon ausgeht, dass in den kommenden Jahren das Verhältnis zwischen Umsatz und Investitionen wieder gesünder wird. Aber das dauert noch etwas.

Die Swisscom hat im Sommer deutlich die Preise gesenkt. Sie haben kurze Zeit später nachgezogen: Hatten Sie da gar keine andere Wahl?
Wir hatten deshalb keine andere Wahl, weil wir vom Preis-Leistungs-Verhältnis das beste Angebot liefern wollen. Wenn man als Unternehmen so eine Ansage macht, muss man auch liefern.

Sie sind vor Kurzem zitiert worden, dass Sunrise jede Preissenkung bislang durch Kundenwachstum überkompensiert hat. Wie lange geht das gut?
Noch funktioniert das. Der Markt sättigt sich beim Kundenwachstum aber immer mehr. Die Smartphone-Nachfrage wird irgendwann abflachen. Natürlich haben immer mehr Kunden mehrere Geräte, etwa durch die Tab­lets. Zugleich profitieren wir auch von der Zuwanderung und versuchen weitere Marktanteile zu gewinnen. Grundsätzlich müssen wir uns aber alle darauf einstellen, dass grosse Verschiebungen im Markt sehr schwierig werden.

Steht der angekündigte Abbau von 140 Stellen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Preisdruck?
Die Profitabilität in der Branche ist unter Druck. Wenn man in unserem Markt mit Preisverfall und zugleich hohen Investitionen über die Zeit einen vernünftigen Gewinn erwirtschaften will, muss man seine Kosten über die Zeit senken. Dabei mussten wir auch überprüfen, wo wir zu viele Stellen haben. Im Ausland müssen das Unternehmen jedes Jahr machen. Man hat gesehen, dass es nun auch in der Schweiz nötig ist. Swisscom hat ebenfalls gestrichen und auch Orange wird sich noch Überlegungen machen müssen.

Folgen in Ihrem Unternehmen noch weitere Einschnitte?
Nein. Wir haben unsere Strategie überprüft und wollen als Alternative zur Swisscom das gesamte Sortiment von Mobilfunk bis Festnetz und Internet anbieten.

Generell hat sich Sunrise mit Ihnen an der Spitze in der Auseinandersetzung mit Swisscom und dem Bund als Hauptaktionär und Regulator stark zurückgenommen. Ist das eine Frage des Typs?
Das ist sicher auch eine Sache des Typs. Vorrangig hat das aber damit zu tun, dass wir zuerst vor unserer eigenen Haustüre kehren und unsere eigenen Aufgaben angehen. Einen Strategiewechsel gab es beim Glas­faserausbau, wo wir jetzt mit im Boot sind. Womöglich werden wir beim Thema Revision des Fernmeldegesetzes auch wieder etwas aktiver. Gerade bei dieser Gesetzesrevision sehen wir, dass es nicht wirklich vorangeht, wenn man das Thema sachlich und ruhig behandelt.

Kritik mussten Sie in der Vergangenheit mehrfach für Ihren Kundenservice einstecken. Sie haben selbst auch schon Probleme eingeräumt.
Wir haben seit Mitte des Jahres dort unter neuer Führung ein grosses ­Verbesserungsprogramm aufgelegt. Dazu gehört es beispielsweise, dem Agenten mehr Zeit und mehr finan­zielle Flexibilität zu geben, um auf das Anliegen des Kunden eingehen zu können. Das läuft. Aber in diesem ­Bereich sind viele Menschen involviert und deshalb brauchen Veränderungen dort Zeit. Sie haben recht, ich habe mich auch schon selbst­kritisch geäussert. Wir müssen dort vieles verändern.

Wie viel geben Sie für das Verbesserungsprogramm aus?
Das beziffern wir nicht, aber wir haben dort in den vergangenen Jahren über 20 Prozent Personal aufgebaut, was deutlich mehr ist als unser Kundenwachstum in dieser Zeit. Und das geht noch weiter.

In Ihren heutigen Zahlen kündigen Sie steigende Investitionen in das Netz an. Seit September haben Sie für den Netzausbau einen neuen Partner. In welchem Umfang bauen Sie auf?
Im Moment läuft das grösste Programm, das Sunrise je gemacht hat. Wir tauschen jeden Monat Hunderte von Antennen aus. Bis Mitte nächsten Jahres wollen wir mit der ersten Phase dieses Programms im UMTS-Bereich durch sein. Dadurch können dann 96 Prozent der Bevölkerung auch in ländlichen Regionen mit Geschwindigkeiten von bis zu 42 MBit/s mobil surfen. Dazu kommt natürlich das noch schnellere LTE-Netz, wo wir den Pilotbetrieb an mehreren Standorten noch in diesem Jahr starten.

Die Auktion im Frühjahr dieses Jahres, bei der auch die Freqenzen für das Hochgeschwindigkeits-Netz LTE versteigert wurden, lief nicht optimal für Sie, oder?
Wir wussten von Anfang an, welche Frequenzen wir ersteigern wollten. Das war auch für die anderen Bieter klar. Kritisch sehen wir, dass die anderen Unternehmen durch das Auk­tionsverfahren den Preis in die Höhe treiben konnten, und von daher haben wir dann tatsächlich auch viel ­bezahlt für unsere Frequenzen. Allerdings schaffen die Ausgaben ja auch Sicherheit bis ins Jahr 2028. Wir haben die wertvollen tiefen Frequenzen bekommen, die wir haben wollten, und können dadurch auf lange Sicht auch finanziell profitieren, da wir weniger Antennen bauen müssen.

Ihre Investitionspolitik stimmen Sie mit der CVC Capital Partners als Besitzer von Sunrise ab. Wie ruhig können Sie arbeiten?
Mit einem Private-Equity-Unternehmen als Aktionär ist es so, dass man hohe Ziele hat und nicht ruhig, sondern intensiv daran arbeitet, ein Unternehmen in relativ kurzer Zeit deutlich nach vorne zu bringen. CVC ist ein sehr guter Eigentümer für Sunrise, weil der volle Fokus und auch die Investitionsbereitschaft da ist. Und die Zeitachse ist ausgedehnt, also mehrere Jahre, sodass wir vernünftig ein gemeinsames Geschäft aufbauen können.

Eine Investition war ja auch die in Sunrise TV, das im Februar mit grossem Werbeaufwand lanciert wurde.
Derzeit ernten wir die Früchte dieser Kampagnen. Erste Zahlen zu Sunrise TV legen wir zum Jahresende vor. Im Moment haben wir dort mehrere Zehntausend Kunden. Die Zahl der Bestellungen und Aktivierungen nimmt kontinuierlich zu. Der Oktober war der stärkste Monat seit Lancierung von Sunrise TV.

Was sind Ihre kommenden Ziele? Von einem Börsengang in zwei, drei Jahren ist die Rede?
Wir verfolgen da keinen offiziellen Plan, aber ein Börsengang in diesem Zeitraum ist ein mögliches Szenario. Und wir glauben, dass wir als Unternehmen in der Schweiz eine ganz gute Ausgangslage haben.

Und näher liegende Ziele – im kommenden Jahr?
2013 wird stark im Zeichen des Netzausbaus und der Verbesserung des Kundenservices stehen wird. Wir werden auch bei unseren Angeboten noch einmal Veränderungen sehen, sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk.

Das bedeutet weiter sinkende Preise für die Kunden? Ja. Und auch neue Technologien, beispielsweise im Bereich Glasfaser.

Erstellt: 23.11.2012, 14:19 Uhr

Sunrise steigert Umsatz im dritten Quartal

Sunrise hat im dritten Quartal beim Umsatz um 5,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Franken zugelegt, wie der Telekomanbieter gestern mitteilte. Beim operativen Ergebnis (Ebitda) verzeichnete das Unternehmen ein Plus von 5,1 Prozent auf 489 Millionen Franken. Die Zahl der Abokunden sei in den ersten neun Monaten des Jahres um 96 500 (+9 Prozent) gewachsen. Im dritten Quartal kamen demnach 21 000 Abokunden hinzu.

Nach dem Wechsel des Technologiepartners im September seien die Investitionen in den weiteren Netzwerkausbau hochgefahren worden. Im kommenden Jahr will Sunrise über 200 Millionen Franken für Handy- und Festnetzinfrastruktur ausgeben. Erste Pilotnetze für das mobile Hoch­geschwindigkeitsnetz bei Datenver­bindungen, LTE, sollen in den nächsten Wochen und Monaten in Betrieb genommen werden, unter anderem in fünf Wintersport­stationen. (pg)

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