Ein Draufgänger verlässt die Bühne

Am Mittwoch hat Pierin Vincenz seinen letzten Arbeitstag als Chef der Raiffeisen. Er hinterlässt eine Bankengruppe mit vielen Baustellen – aber beachtlichen Möglichkeiten.

Dritte Kraft im Lande: Pierin Vincenz hat die Raiffeisen-Gruppe klar positioniert.

Dritte Kraft im Lande: Pierin Vincenz hat die Raiffeisen-Gruppe klar positioniert. Bild: Keystone

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Pierin Vincenz wird der Szene fehlen. Der Mann aus der Surselva hoch über dem Vorderrhein prägte den Schweizer Finanzplatz die letzten Jahre stärker als jeder andere Banken-Chef. Mit 59 Jahren, früher als die meisten, lässt Vincenz los. Am Mittwoch hat er seinen letzten Arbeits­tag bei der Raiffeisen Schweiz in St. Gallen, danach wird er Verwaltungsratspräsident der Helvetia-Versicherung.

Zum Abschied lässt sich der Bündner feiern: Vincenz auf seiner Jacht in der «Schweizer Illustrierten», Vincenz im Businessanzug vor Zügelkisten im «Blick», Vincenz staatsmännisch im getäfer­ten Büro auf «Cash online». Der Banker auf allen Kanälen, der einst bei den TV-Satirikern Giacobbo und Müller Lacher am Laufmeter provozierte, bleibt sich bis zuletzt treu. Dieser Mann geniesst den Auftritt. Und er beherrscht ihn auch. An seinen letzten Tagen tourt er durch die Schweiz. Am Donnerstag gings nach Lausanne an einen Kundenanlass der Bank, am Freitag nach Chur an einen Anlass der CVP. Am ­Samstag dann versammelten sich alle 10 000 Raiffeisen-Angestellten in Basel zur grossen Grundwertedebatte.

Das wirkt nach orchestrierter Königsverabschiedung. Davon will Vincenz im Vorfeld nichts wissen. Der Basler Anlass gehöre dem Präsidenten der Raiffeisen und seinem Nachfolger auf dem Chefposten, Patrik Gisel, sagt Vincenz. Er selbst spiele dort nur eine Nebenrolle. Offiziell mag das so sein. Doch Vincenz wäre nicht Vincenz, wenn er nicht auch da im Rampenlicht stehen würde. Und das zu Recht. Der einstige Investmentbanker, der in jungen Jahren seine Sporen beim Bankverein im Handel abverdient hatte, machte aus einer provinziellen Bauernbank eine führende Bankengruppe. Im zentralen Geschäft mit den ein­träglichen Hypothekarkrediten hat Vincenz die Raiffeisen gar ganz nach oben geführt.

Forsches Wachstum

2003 betrug der Marktanteil seiner Raiffeisen-Gruppe bei den Hypothekarkrediten weniger als 14 Prozent. Dann machte sich Vincenz ans Werk, und die früher verschlafene Truppe wuchs schneller als alle Gross- und Kantonalbanken. Heute hält die Raiffeisen 17 Prozent am Schweizer Hypothekenmarkt, in absoluten Zahlen hat Vincenz das ­Geschäftsvolumen in diesem Bereich ­sogar mehr als verdoppelt, von 74 auf 155 Milliarden Franken.

Vincenz, der einstige Händler, setzte alles auf Wachstum. Er liess sich selbst dann nicht vom Kurs abbringen, als es den Behörden mulmig wurde. In einem einmaligen Vorgang stellte die Nationalbank die Raiffeisen Mitte 2014 an den Pranger. Das immer grössere Hypothekenvolumen der Bank stelle ein «substanzielles» Risiko für das Land dar, ­hielten die Währungshüter in ihrem ­Stabilitätsbericht fest. Kurz darauf erklärten sie Vincenz und seine Raiffeisen als «too big to fail», zu gross für die Schweiz, um die Bankengruppe fallen zu lassen. Vincenz machte unbeirrt weiter – und behielt die Oberhand gegen die vermeintlich unschlagbaren Notenbanker, vor denen zuvor die beiden Grossbanken eingeknickt waren. In ihrem ­aktuellen Stabilitätsbericht wird die Raiffeisen nicht mehr als spezielles ­Risiko gebrandmarkt.

Der Mut des Pierin Vincenz machte sich bezahlt. Einmal mehr. Schon Anfang 2012, als er die Bank Wegelin, das älteste Geldinstitut der Schweiz, vor dem Zugriff der amerikanischen Behörden rettete, ging Vincenz das Risiko ein. Innert 14 Tagen kaufte er den Grossteil des Instituts für über eine halbe Milliarde – und gewann.

Es ist dieser Mut, die Lust am Wagnis, die Vincenz aus der Masse der grauen Bankenchefs herausragen lässt. «Riskantes kann schief herauskommen, aber ohne geht es nicht», sagt der scheidende Raiffeisen-Chef lapidar. Im Fall der Bank Wegelin, die heute Notenstein Privatbank heisst und noch lang kein Gold­esel ist, denkt Vincenz über den Tag hinaus. Die Raiffeisen stünde dank der Trans­aktion «bereit für weitere Zukäufe». Davon, so ist Vincenz überzeugt, würde es bald viele geben, nun, da für immer mehr Banken der Steuerstreit mit den USA vom Tisch sei.

Bei der Konkurrenz führte Vincenz’ forsches Vorgehen zu einer Mischung aus Kritik und Respekt. Der Draufgänger würde stets gleich vorgehen, sagt ein Vertrauter: erst den Nagel einschlagen, danach schauen, was sich daran aufhängen liesse. Das Bild passt. Effektiv hängte Vincenz an die Notenstein schon bald grosse Teile des Asset-Managements der damaligen Basler Bank ­Sarasin sowie eine Beteiligung an der ­aufstrebenden Derivatefirma Leonteq. Anfänglich war keine klare Linie erkennbar, kein strategischer Kit. Viel Flickwerk, lauter Baustellen – so klang die Kritik vom Zürcher Bankenplatz. Vielleicht war es das auch. Doch ob mit oder ohne Plan: Am Ende ist es Pierin Vincenz gelungen, seine ­Errungenschaften unter dem Dach der Raiffeisen zusammenzuführen – und ­damit seine Gruppe als klare dritte Kraft im Land zu positionieren.

Unfreundliche Trennung

Das ist sein grosses Verdienst. Einfach war der Weg nicht. Vincenz erlitt Niederlagen. Insbesondere die Zürcher Privatbank Vontobel liess ihn auflaufen. «Klar, Vontobel hätte ich gern gehabt», sagt Vincenz im Abschiedsgespräch. Schliesslich habe man sich getrennt, weil die Vorstellungen nicht mehr zusammenpassten. Und weil er weiss, dass viel von feind­lichen Absichten die Rede war, ­betont er: «Mit persönlichen Befindlichkeiten hatte das nichts zu tun.» Bei ihm vielleicht nicht. Bei Vontobel aber wurde Vincenz zum gefürchteten Belagerer. Zwar ist ihn die Privatbank los, dafür steht sie jetzt allein da, während Vincenz mit neuen Partnern weitermarschiert.

Der Vergleich zwischen dem Traditionsinstitut und der forschen Raiffeisen kann das Phänomen Vincenz anschaulich erklären. Vor lauter Vorsicht riskiert Vontobel den Anschluss zu verpassen. Nicht so Vincenz, der nach verlorener Schlacht einfach unbekümmert zum nächsten Abenteuer aufbricht. Er kann nicht anders, es ist sein Naturell. Er habe eben «kein Elefantenhirn», sagte er in der «Schweizer Illustrierten». Wichtig sei, dass man Falsches «nicht ewig mit sich herumträgt».

Oder anders gesagt: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Damit hätte Vincenz auch als Politiker gute Chancen gehabt. Tatsächlich mischte er sich – als Ausnahme unter den Bankern – in Debatten ein. So etwa beim Bank­geheimnis, das er als erster Finanz­platzvertreter für beendet erklärte. «Politiker», so Vincenz, «wäre ich auch gern geworden. Aber als Chef der Raiffeisen war ich das ja ein bisschen.» Man komme im Verbund der 300 regionalen Banken «nicht weit, wenn man nicht auch politisch agiert». Nun verlässt Vincenz die grosse Bühne. Wenigstens für den Moment.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2015, 19:21 Uhr

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