Ein Gefühl von Straflosigkeit

UBS-Mitarbeiter haben den Devisen- und Edelmetallhandel sieben Jahre lang manipuliert und Kunden getäuscht. Laut Finma genügen Bussen nicht mehr: Die Bank müsse ihre Kultur ändern.

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Die Verfehlungen der UBS sind enorm. Der gestern publizierte Untersuchungsbericht der Finanzmarktaufsicht gibt ein beredtes Zeugnis über die Kultur im Investmentbanking der Grossbank: «Wiederholt schwere organisatorische Mängel», «ungenügende Überwachung des Handels», «Verstoss gegen Verbot manipulativen Verhaltens», «Verstoss gegen die Pflicht zur Wahrung des Kundeninteresses», «keine angemessene Risiko­beurteilung», «unzulängliche Kontroll­instrumente» und «schwere Verletzung des Gewährserfordernisses».

Im Zentrum der einjährigen Untersuchung stand die Handelsabteilung für Devisen und Edelmetalle in Opfikon ZH mit 170 Personen. 105 von ihnen wurden untersucht. Gegen elf läuft ein aufsichtsrechtliches Verfahren, das mit einem Berufsverbot enden könnte. Die Bankenaufsicht verfügte den Einzug von 134 Millionen Franken Gewinn, der mit Manipulationen erzielt wurde. Eine Busse darf sie laut Gesetz nicht verhängen. Weder die Schwere der Verfehlungen noch die Wiederholung (Libor) noch das Verschulden sind berücksichtigt.

Der Chatgruppe verpflichtet

Die Absprachen unter ausländischen und Schweizer Banken begannen 2007 und endeten, als Medien im Sommer 2013 darüber berichteten. Eine Gruppe Händler unbekannter Grösse tauschte in Chatprogrammen Kurse, Angebote und Kaufabsichten aus und erzielte so finan­zielle Vorteile. Die Finma nennt sechs Vorgänge: Front Running (im Voraus gewinnbringend handeln), Jamming (provozierte Ausführung von Kundenaufträgen gewinnbringend ausnützen), Partial Fills (Gewinn der Bank statt dem Kunden zugeschrieben), Verrat von Kundennamen, treuwidriges Verhalten Dritter und Täuschungshandlungen. Aus den Chatprotokollen geht hervor, dass die Händler damit prahlten. Über die Gesinnung der Händler steht im Bericht: Sie «fühlten sich der Chatgruppe oft stärker verpflichtet als dem eigenen Arbeitgeber oder Kunden».

Geschädigte sind Broker, Hedgefonds, Fondsmanager, Pensionskassen, Firmen- und grosse Privatkunden in unbekannter Zahl. Viele dürften sich der Täuschung bis heute nicht bewusst sein, weil die betroffenen Transaktionen unter Verschluss sind. Die Finma sagte auf Anfrage, dass sie keine Transaktions­daten bekannt geben werde.

Der oberste Bankenaufseher, Mark Branson, sprach gestern vor Journalisten immerhin Klartext: «Die Manipulationen sind in einer noch nie da gewesenen Dimension aufgetreten. Das ist ganz klar ein Problem der Finanzindustrie.» Er sagte, dass die UBS zwar aus den 2012 entdeckten Libor-Manipulationen Konsequenzen gezogen habe, damit Zins­indizes nicht mehr manipuliert werden könnten. Aber diese Änderungen seien isoliert in einem Bereich erfolgt und hätten «nicht eine Änderung der Kultur des Unternehmens bewirkt». Milliardenhohe Strafzahlungen ausländischer Behörden hätten offenbar nicht zu einem Umdenken geführt. Als Strafe verfügte die Finma daher auch organisatorische Massnahmen: Der Handel muss weit­gehend automatisiert werden, um den «menschlichen Faktor» auszuschalten, und die Boni der Händler werden begrenzt auf das Zweifache des Festlohns, um Fehlanreize zu verhindern. Bisher waren sie laut Branson bis siebenfach.

Die Finma weiss auch von «mutmasslichem Mitwissen bis auf höhere Managementstufen des Devisen- und Edelmetallhandels». Der TA konnte die Männer eruieren, die bei der UBS dafür verantwortlich waren. Es sind dies die UBS-Investmentbanker George Athanasopoulos und Chris Vogelsang. Sie wurden im November versetzt. Athanasopoulos ist allerdings im Investmentbanking aufgestiegen und steht nur eine Stufe unter CEO Andrea Orcel, während Vogelsang wohl suspendiert worden ist.

Bankfachleute fordern ein radikales Umdenken bei der UBS. Hans Geiger, emeritierter Bankenprofessor der Uni Zürich, sagt, dass höhere Bussen nicht zu einer Verhaltensänderung führen werden. Die Versuchung eines Bankiers, sich am Vermögen des Kunden zu vergreifen, bleibe gross. Die Banker tickten nach dem Prinzip «Heute gebüsst, morgen bezahlt, übermorgen vergessen». «Nur wenn fehlbare Banker ins Gefängnis kommen, wird das eine Verhaltensänderung bewirken.» Das Geringste sei, dass Fehlbare fristlos entlassen würden. Die Finma müsste konsequent Berufsverbote aussprechen, um sie zu ächten. Und die Bank müsste klarmachen, dass sie «bei jeder Verfehlung eine strafrechtliche Anzeige erstattet». So wäre es an Gerichten, zu entscheiden, ob jemand bestraft wird, und nicht an der Bank.

Boni-Regeln abschaffen

Ähnlich argumentiert die Luzerner Bankenprofessorin Monica Roth. «Massgeb­lich sind unzweideutige Äusserungen hinsichtlich einer Nulltoleranz bei Verstössen, und zwar ohne Ansehen von Rang und Namen.» Boni-Regeln, wie sie die Händler hatten, seien abzuschaffen.

Der Zürcher Geschädigtenvertreter und Anwalt Daniel Fischer sähe eine echte Änderung der Kultur nur, «wenn die Bank von sich aus geschädigte Kunden und Gegenparteien darüber orientierten würde». Dies mache sie heute nicht, im Gegenteil: «Bei jedem potenziellen Betrugsfall mauert sie.»

Der Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney geht weiter. Für ihn ist es «nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Skandal in einer systemischen Bank aufgedeckt» werde. Er fordert daher die Auflösung der Grossbanken. «Die fehlbaren Händler agierten in einem Gefühl von Straflosigkeit, weil sie bei einer Grossbank arbeiten, die zu gross ist, um unterzugehen. Ihnen und dem Management war offensichtlich egal, das Kundenvertrauen zu beschädigen. Eine effiziente Lösung wäre, Grossbanken wie die UBS zu zerschlagen, damit kleine Einheiten entstehen, die nicht systemisch sind, das heisst, die Bankrott machen können, wenn sie ihre Kunden betrügen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 22:29 Uhr

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