Ein Generalunternehmen wagt den Tabubruch

Allreal kooperiert im Kampf gegen Lohndumping mit der Gewerkschaft Unia – zum Ärger der Baumeister.

Kooperiert mit der Gewerkschaft Unia: Die Generalunternehmung Allreal.

Kooperiert mit der Gewerkschaft Unia: Die Generalunternehmung Allreal. Bild: Keystone

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Auf der grössten Baustelle der Stadt Zürich geht es an diesem Tag erstaunlich ruhig zu. Trotzdem werden auch heute mehrere Hundert Handwerker im ehemaligen Freilager in Zürich Albisrieden ihre Arbeit verrichten. Bis Ende nächsten Jahres werden für eine halbe Milliarde Franken 1000 Wohnungen – davon 200 für Studenten – gebaut. Unter der Bauherrschaft des ­Versicherungskonzerns AXA ist der General- und Totalunternehmer Allreal für die Realisierung verantwortlich.

Dass es so geordnet auf dem 70'500 Quadratmeter grossen Areal zugeht, ist nach Ansicht von Allreal-Sprecher Matthias Meier das Ergebnis der Anstrengungen zur Vermeidung von Lohndumping. «Die Zusammenarbeit mit der Fachstelle Risikoanalyse der Gewerkschaft Unia hilft uns, Lohndumping noch effizienter zu bekämpfen», sagt er. Dass ausgerechnet diese Hilfestellung zu einem Zerwürfnis zwischen den Baumeistern und der Gewerkschaft geführt hat, kann er nicht nachvollziehen: «Ich kann daran nichts Störendes erkennen.»

Emotionen gehen hoch

Ganz anders sieht Martin A. Senn, Geschäftsleitungsmitglied von Bauen Schweiz, die Sachlage: «Solange die Unia ihre Risikofachstelle aufrecht­erhält, verhandelt der Schweizerische Baumeisterverband nicht mit ihr», sagt er. Kontrollen und der Vollzug der Mindestbedingungen von Gesamtarbeitsverträgen und Landesmantelverträgen würden gemäss Vertrag von den Sozialpartnern «gemeinsam in sogenannten Paritätischen Kommissionen vorgenommen. Diese verfügten dafür über spezielle Untersuchungs- und Sank­tionskompetenzen, die den jeweils einzelnen Sozialpartnern alleine nicht zustehen würden.» Wenn die Unia auf eigene Faust für Generalunternehmer Untersuchungen durchführe, «dann ist das ähnlich wie ein Polizist, der in seiner Freizeit noch ein bisschen für private Auftraggeber Ermittlungen durchführt», sagt er.

Wie stark die Emotionen zwischen Baumeistern, Generalunternehmern und Gewerkschaften hochgehen, hat Meier am eigenen Leib erfahren. «Ein Unternehmer, der mich auf unsere Zusammenarbeit mit der Fachstelle Risikoanalyse ansprach, redete geschlagene fünf Minuten auf mich ein, ohne eine Pause einzulegen. Erst dann habe er ihm klarmachen können, dass Allreal mit Unia kein Joint Venture eingegangen sei und von ihr auch nicht die Ehren­mitgliedschaft erhalten habe.» Es gehe vielmehr darum, Verstösse gegen geltende Gesetze und Bestimmungen zu vermeiden. Allreal erkaufe sich auch nicht das Wohlwollen der Gewerkschaft. «Am Streiktag 2014 wurde unsere Grossbaustelle besetzt», sagt er.

Meier macht aber auch unmissverständlich klar, dass das Unternehmen mit seinen 380 Mitarbeitenden und einem durchschnittlichen jährlichen Projektvolumen von über 800 Millionen Franken weder Mitglied von Bauen Schweiz noch vom Verband für Generalunternehmen sei. «Wir sind in Verbandsquerelen ebenso wenig involviert wie in anstehende Verhandlungen für neue Gesamtarbeitsverträge.»

Firmen lassen sich röntgen

Allreal wolle nichts anderes, als «mit Unternehmen zusammenarbeiten, die sich an die geltenden Gesetze und Bestimmungen halten. Unser Ziel ist es, Haftungsrisiken zu minimieren und die Qualität der Arbeit sicherzustellen», hält Meier fest. Im Sommer 2012 seien im Kampf gegen Lohndumping bei der Solidarhaftung verschärfte Massnahmen in Kraft gesetzt worden. «Wir wollten nicht darauf warten, bis wir wegen einer Verfehlung gebüsst werden, sondern wollten proaktiv handeln», sagt er. Bei den Unternehmen, die Allreal vor der Vertragsvergabe durch die Fachstelle Risikoanalyse der Unia prüfen liessen, sei kein einziger Fall von Lohndumping festgestellt worden.

Seit Einführung der Fachstelle im März 2014 wurden in neun Monaten von Allreal 255 Risikoanalysen bestellt. «Wir holen vorgängig bei den betroffenen Unternehmen deren Einverständnis und die dafür benötigten Vollmachten ein», sagt Meier. Die Unternehmen erteilen darin der Unia Zürich-Schaffhausen das Recht, «für die Durchführung einer Risikoanalyse die notwendigen Informationen betreffend Einhaltung der Ar­beitsbedingungen und der Sozialversicherungsgesetze einzuholen und zu speichern.»

Gleichzeitig verpflichtet sich das Unternehmen, die entsprechenden Auskunftsstellen gegenüber der Fachstelle ausdrücklich von einem allfälligen Amts- oder Geschäfts­geheimnis zu entbinden. Der Auftrag zur Erteilung gelangt nicht nur an das betroffene Unternehmen, sondern schliesst auch Betreibungs- und Konkursämter, die kontenführende Ausgleichskasse, die Pensionskasse und die Schweizerische Unfallversicherung ein.

«Bis Ende Jahr wurden 25 Firmen mit Rot beurteilt»

Mit an Bord sind auch die Paritätische Berufskommission und deren Mitglieder, Kontrollorgane, paritätische Kassen und Fonds, die tripartite Kommission des Sitzkantons der Firma sowie die kantonalen Arbeitsmarkt­kontrollbehörden und alle vergleich­baren ausländischen Behörden und Institutionen.

Die Fachstelle informiert Allreal über das Resultat ihrer Erkundigungen nach dem Ampelprinzip. Rot bedeutet, dass der Fachstelle mehrmalige Verstösse bekannt sind. Bei Gelb wird Allreal darüber informiert, dass «ein mittleres Risiko für Verstösse besteht». Grün gilt als unbedenklich und Weiss sagt aus, dass die Fachstelle über zu wenige Informationen verfügt, um ein Urteil abgeben zu können. «Bis Ende Jahr wurden 25 Firmen mit Rot beurteilt», bestätigt Meier. 37 seien gelb gewesen und elf grün. In 181 Fällen habe sich die Fachstelle für Weiss entschieden. Das Ende der Weisheit sei das Ampelsystem aber nicht, sagt Meier. «Wir haben rasch festgestellt, dass es zu wenig konkret ist.»

Wichtig für ein Generalunternehmen sei es zu wissen, in welchem Bereich Verstösse begangen worden seien, ob es sich um leichtere oder schwerere Vergehen handle. Wenn ein Unternehmen immer mal wieder mit Firmen zusammenarbeite, die sich nicht an die Gesetze hielten, sei dies ungleich schwerwiegender, als wenn einmal eine Buchhalterin krank gewesen sei und deshalb die Löhne mit einigen Tagen Verspätung bei den Angestellten eingetroffen seien. Aus diesem Grund wurde die «Risikoanalyse Lohndumping» neu mit einer Begründungsspalte versehen. «Diese Kommentare sind für eine faire Beurteilung wichtig», sagt Meier.

Reputation steht im Vordergrund

Lorenz Keller von der Unia Zürich-Schaffhausen zieht eine äusserst positive Bilanz. Lohndumping könne dadurch präventiv ein Riegel geschoben werden, gleichzeitig werde die Qualität auf dem Bau gesteigert. Anders als von Bauen Schweiz behauptet, «stellt die Unia weder Gesamtarbeitsverträge noch den paritätischen Vollzug infrage». Im Gegenteil: Man leiste einen Beitrag, «um die Einhaltung der Gesamtarbeitsverträge zu verbessern». Dass einzelne Arbeitgeberverbände schon fast erpresserisch versuchen würden, die Fachstelle zum Verstummen zu bringen, sei daher sehr befremdlich. «Offenbar haben nicht alle in der Baubranche ein aufrichtiges Interesse, Lohndumping zu verhindern», so Keller.

2014 habe es mehr als 300 Analysen in 19 Branchen von Bau-Haupt- und -Nebengewerbe gegeben. «Bisher konnten keine Lohndumpingfälle auf den betreffenden Baustellen fest­gestellt werden», zeigt sich Keller erfreut. Klar ist angesichts dieser ­Zahlen auch, dass neben Allreal auch andere Firmen die Dienste der Fachstelle beanspruchen.

Strenge Zutrittskontrollen

Allreal setzt im Kampf gegen Lohndumping aber nicht nur auf gewerkschaftliche Hilfe. Die Zutrittskontrollen zur Freilager-Baustelle sind hoch. Das ganze Areal wird von einer externen Sicherheitsfirma rund um die Uhr überwacht. Jeder Beschäftigte muss vorgängig seinen rechten Zeigefinger scannen lassen und wird fotografiert. Jedes Mal, wenn er die Baustelle betritt, wird überprüft, ob es sich tatsächlich um den registrierten Beschäftigten handelt. An­­schliessend geht es in den jeweiligen Sektoren der Grossbaustellen durch Drehkreuze an den Arbeitsplatz.

In Spitzenzeiten, wenn bis zu 1200 Personen von rund 60 verschiedenen Firmen auf dem Bauplatz eintreffen, ein anspruchsvolles Prozedere, das zu Wartezeiten führen kann. Auch für Lastwagen, die Material anliefern, gelten engmaschige Kontrollen. Sie müssen vor Verkehrsschranken warten. Die Chauffeure haben sich auszuweisen, die Art des angelieferten Materials wird überprüft.

Über die zusätzlichen Kosten für mehr Lohngerechtigkeit und Sicherheit auf der Grossbaustelle schweigt sich Meier aus. Generalunternehmer Allreal schrecken aber nicht in erster Linie die zusätzlichen Sicherheitskosten. «Bauherren wollen zu keinem Zeitpunkt mit Lohndumping in Verbindung gebracht werden», sagt Meier. Ein entsprechender Fall könnte sich negativ auf deren Image auswirken.

Erstellt: 29.01.2015, 10:15 Uhr

Schwierige Verhandlungen im Baugewerbe

Dieses Jahr stehen Neuverhandlungen um den Landesmantelvertrag (LMV) im Bauhauptgewerbe an. Davon auszugehen, dass sie leicht werden, wäre falsch. «Mit seiner respektlosen Haltung, den Bauarbeitern trotz Bauboom und härtester Arbeit mit fadenscheinigen Gründen eine angemessene Lohnerhöhung zu verweigern, hat sich der Baumeisterverband einen Bärendienst erwiesen», sagt Lorenz Keller von der Unia Zürich-Schaffhausen. Die Bauarbeiter seien wütend und würden umso entschiedener Verbesserungen einfordern. «Neben anständigen Löhnen braucht es dringend einen verbesserten Schutz der Gesundheit der Bauarbeiter bei Schlechtwetter», sagt Keller.

«Der LMV Bauhauptgewerbe ist der arbeitnehmerfreundlichste GAV der Schweiz im handwerklichen Bereich», kontert Martin A. Senn, Vize-Direktor von Bauen Schweiz, der Dachorganisation der Schweizer Bauwirtschaft mit rund 70 Berufs- und Fachverbänden. 4500 Franken für Ungelernte und 5500 Franken für gelernte Maurer seien die höchsten Mindestlöhne für Handwerker in der Schweiz. 4800 Franken und 6000 Franken entsprächen den höchsten Durchschnittslöhnen. Hinzu komme eine vorzeitige Pensionierung mit 60 Jahren. Es liege nun an der Unia zu entscheiden, ob sie dies weiterhin wolle oder nicht. Solange sie ihre Risikofachstelle aber aufrechterhalte, verhandle der Schweizerische Baumeisterverband nicht mit ihr, sagt Senn.

Aber nicht nur wegen der Fachstelle Risikoanalyse ist die Stimmung zwischen Arbeitgebern und -nehmern zu Jahresbeginn schlecht. «Es gibt eine ganze Reihe von Vorfällen und Problemen. Zusammengefasst kann man sagen, dass sich die Unia gegenüber dem Baumeisterverband nicht wie ein echter Sozialpartner verhält», wettert Senn. Er bestätigt, dass gerichtliche Verfahren hängig sind. Diese betreffen Unia-Aktionen auf Baustellen in der Vergangenheit. Wegen Verletzung der Friedenspflicht als Folge neuer Aktionen ziehen die Baumeister überdies eine neue Klage in Betracht.

Unia-Sprecher Keller lässt es offen, wie lange die Fachstelle weiterbestehen wird. Klar sei, dass sie die Einhaltung der Gesamtarbeitsverträge (GAV) verbessere und einem Bedürfnis entspreche. Die Baumeister müssten jetzt Farbe bekennen und beweisen, dass sie bereit seien, faire Arbeitsbedingungen zu garantieren. «Wir sind daher überzeugt, dass ein neuer, verbesserter GAV abgeschlossen wird», sagt er.

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