Ein Stachel in der Fleischbranche

Ettore Weilenmann, Präsident von Carna Grischa, wollte mit einem anderen Investor ein Fleischhandelsimperium aufbauen. Nun distanzieren sich alle Geschäftspartner aus Angst vor einem toxischen Effekt.

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Mit dem Unternehmen mögen sich die Partnerfirmen optisch nicht mehr assoziieren. Innerhalb nur eines Tages sind die 16 Firmen, die das Bündner Fleischunternehmen Carna Grischa noch am Montag stolz als Geschäftsfreunde aufgeführt hat, verschwunden. Von Bell über Malbuner, Rapelli, Grischuna und Suttero bis hin zu Carna Gallo – sie alle drängten auf eine Löschung ihres ­Namens. Denn Carna Grischa steht für Falschdeklarationen im grossen Stil, eine womöglich ansteckende Gefahr für Lieferanten und Kunden.

Für den toxischen Effekt hat Ettore Weilenmann gesorgt. Der 55-Jährige ist Verwaltungsratspräsident der Carna Grischa. Falschdeklarationen seien in der Fleischbranche verbreitet, andere Konkurrenten seien noch schlimmer, wurde er im «SonntagsBlick» wiedergegeben. Obwohl Weilenmann tags darauf in Abrede stellte, so etwas gesagt zu ­haben, hängt der Verdacht weiterhin in der Luft.

«Ein starker Marktplayer»

Weilenmann ist ein «Fleischfremder», ein Neuling im Business. Zusammen mit Michel Stopnicer erwarb er 2009 die zehn Jahre zuvor gegründete Carna Grischa in Landquart. Die beiden halten den Fleischhändler über die in Rotkreuz ansässige Carnaworld Holding AG, Weilen­mann ist Präsident, Stopnicer Verwaltungsrat.

An ehrgeizigen Plänen fehlt es nicht. So liest man auf der Website von Carnaworld, dass man «mit weiteren Über­nahme­kandidaten im Gespräch» stehe. «Mit der Zusammenführung und der Übernahme ausgewählter Unternehmen der Fleischbranche soll ein starker, unabhängiger Schweizer Marktplayer entstehen», heisst es weiter. Die beiden Herren empfehlen sich als langjährige Unternehmensberater mit Fokus Restrukturierungen, Fundraising und ­Merger & Acquisitions (Weilenmann) und strategischer Beratung und Erfahrungen mit IPO (Stopnicer).

Aus den Wachstumsplänen dürfte angesichts der jüngsten Entwicklung nichts werden. Im Gegenteil: In der Fleischbranche werweisst man seit ­Montag, ob Carna Grischa die image­schädigenden Vorwürfe, die nun von der Lebensmittelkontrolle sowie Polizei und Staatsanwaltschaft Chur untersucht werden, überstehen werde. Betriebs- und Schulkantinen, Restaurants, Hotels und andere Käufer haben in grösserer Zahl ihre Fleischbestellungen sistiert.

Nicht seine erste Niederlage

Für Weilenmann wäre es nicht die erste Niederlage. Auf der langen Liste von Verwaltungsratsmandaten, die er in den letzten bald zwanzig Jahren laut Moneyhouse bekleidete, sticht Miracle hervor. Das Langenthaler Softwarehaus war an der Börse für ganz kurze Zeit ein milliardenschwerer Highflyer, bevor der Laden 2000 in die helvetischen Annalen der spektakulärsten Pleiten einging. Auch bei anderen, weniger bekannten Firmen prangt der Zusatz «in Liquidation». Zu den aktuellsten Engagements zählt neben Carna Grischa die Firma Quevita, die Apps für Sport und Ernährung anbietet sowie das Start-up ShoeSize.Me, das Online-Shoppern helfen soll, die richtige Schuhgrösse zu finden.

Mit dabei ist hier Geschäftspartner Michel Stopnicer. Auch seine Liste der Firmen, bei denen er einst arbeitete oder VR-Mandate innehielt oder noch immer wahrnimmt, ist lang und reicht vom früheren Warenhaus ABM über den Globi-Verlag bis hin zu Finanz- und Immobilienfirmen.

Wie viel wussten die Chefs?

Ob die beiden Männer wussten, was in den Kühlräumen und im grossen Raum in Landquart möglicherweise passierte, wo die Angestellten Fleisch angeliefert bekamen und versandten, werden erst die Untersuchungen zeigen. Weilenmann und Stopnicer sind in der Branche wenig bekannt und laut Insidern wurden sie eher selten in Landquart ­gesichtet.

Bis 2013 dirigierte Erich Rutschmann, seit 1999 Präsident und ab 2010 Delegierter, die Tagesgeschäfte. 2013 schied er aus dem Unternehmen aus, das er, wie ehemalige Angestellte sagen, mit harter Hand geführt habe. Seither amtete ein Deutscher als Geschäftsführer.

Die meisten Angestellten hätten gewusst, dass immer mal wieder ausländisches Fleisch in inländisches umetikettiert, Pferdefleisch anstelle von Rindfleisch verwendet oder Tiefgefrorenes als Frischfleisch deklariert worden sei. In der Produktionshalle arbeite man in Hör- und Sichtweite, sagen In­sider. Die Verfehlungen sollen bis 2004 zurückreichen.

Erstellt: 25.11.2014, 23:37 Uhr

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