Interview

«Ein Werk zu schliessen, ist teurer, als ein neues zu bauen»

Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt Automobilpapst Ferdinand Dudenhöffer, weshalb Peugeot und Opel zusammenarbeiten wollen. Und wo die Welt nach Neuwagen geradezu hungert.

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Herr Dudenhöffer, was bringt die Kooperation zwischen der Opel-Mutter General Motors (GM) und dem Konzern PSA Peugeot-Citroën?
VW oder andere Konzerne bauen heutzutage bis zu 9 Millionen Fahrzeuge pro Jahr. Peugeot produziert 3,5 Millionen Fahrzeuge, da ist es schwer zu konkurrieren. Die VW-Fahrzeuge haben Komponenten, die sich vom Aufbau her sehr ähneln. Gleiche Teile für unterschiedliche Fahrzeuge bringen grosse Synergieeffekte in der Produktion. Das können GM und Peugeot nutzen. Sonst bleiben nur zwei Möglichkeiten, Verluste in den Griff zu bekommen: Entweder werden die Kapazitäten durch Werksschliessungen oder Jobabbau reduziert. Oder die Kapazitätsauslastung wird gesteigert, indem General Motors die Marke Chevrolet in Europa produzieren lässt.

Warum passiert das nicht?
Weil GM ein antiquiertes Produktionssystem hat. Die Herstellung ist streng regionalisiert. Die Standorte in Europa sind genauso für sich selbst verantwortlich wie jene in Korea. Jetzt hat die Konkurrenz die korrespondierenden Produktionssysteme ausgebaut, das müsste General Motors auch einführen.

Opel hat noch grössere Probleme als Peugeot. Warum will man mit einem seit Jahren derart angeschlagenen Unternehmen kooperieren?
Durch die Kooperation können Opel und Peugeot mit ihren Produktionen kostenseitig auf Augenhöhe gegen VW antreten. Peugeot ist ein Konzern, der sehr viel Erfahrung mit derartigen Kooperationen hat, insbesondere bei Diesel-Motoren. Und um diese geht es. Peugeot ist immerhin der grösste Dieselmotor-Hersteller der Welt. Das Diesel-Portfolio von General Motors ist vergleichsweise klein. Überkapazitätsprobleme werden damit aber nicht gelöst.

Sie sagen es. Wer soll all die Autos kaufen?
Die Nachfrage gibt es, nur nicht so sehr in Europa. Im vergangenen Jahr wurden 63 Millionen PW weltweit verkauft. Im Jahr 2000 waren es 48 Millionen. 2020 werden es 90 Millionen pro Jahr sein. Die Welt ist hungrig nach Autos. Nur ist der Hunger nicht bei uns in Europa, sondern in Bric-Staaten wie Brasilien, Indien, China. In der Schweiz und Deutschland ist der Markt gesättigt. Heute hat jede Grossmutter und jedes Neugeborene statistisch gesehen ein Auto. Diesen Kundengruppen ein weiteres Auto zu verkaufen, könnte schwierig werden.

Wie kann das Geschäft in Europa profitabel gemacht werden?
Der Ersatzbedarf in Europa wird auf rund 15 Millionen Wagen pro Jahr geschätzt. VW, BMW oder Daimler sind bereits in der Lage, profitabel zu produzieren. Bei Opel ist das Problem, dass ein unflexibles Produktionssystem dem Unternehmen seit zehn Jahren Verluste beschert. Mangelnde Kapazitätsauslastung ist der Hauptgrund für Verluste in der Automobilindustrie. Die gute Marge von BMW hängt damit zusammen, dass die Werke eine Auslastung von 100 Prozent haben.

Wäre eine optimale Auslastung nicht einfach zu erreichen, indem man ein Werk schliesst?
Ja, aber im Falle von Opel gibt es langfristige Verträge. Die daraus resultierenden Kosten würden bis 2015 weiterlaufen. Es gibt Schliessungskosten, Rentenverpflichtungen und Abfindungskosten, die im Schnitt bei bis zu 150'000 Euro pro Mitarbeiter liegen. Ein Werk zu schliessen, ist teurer, als eines aufzumachen. Ein Opel-Werk in Antwerpen ist bereits geschlossen worden, aber wie man gemerkt hat, hat auch die innerdeutsche politische Diskussion zu grossem Widerstand seitens der Regierung geführt. Also fährt man die Auslastung in mehreren Werken parallel herunter, damit die mangelnde Auslastung in einem einzelnen Werk nicht so auffällt. Das ist aber die teurere Alternative.

Stärkt die Kooperation GM-Peugeot die Einkaufsmacht gegenüber den Zulieferern?
Die Probleme sind dieselben, die die Zulieferer schon jetzt mit VW oder Toyota haben. Das Geld wird von den Herstellern aber nicht vorwiegend bei den Zulieferern geholt, sondern die Kooperationspartner müssen denselben Motor nicht mehr zweimal entwickeln und herstellen. Darin liegen die Synergieeffekte. Ein Beispiel: Der Redakteur einer Tageszeitung schreibt dieselbe Geschichte für zwei Zeitungen im eigenen Verlag für ein unterschiedliches Zielpublikum. Die Druckmaschine wird durch beide Print-Produkte voll ausgelastet und der Papierhersteller liefert unverändert dieselbe Menge Zeitungspapier.

Welche Auswirkungen hat die Kooperation auf die Schweiz?
Die Schweiz ist mehr Dienstleistungs- als Produktionsland. Auf die Schweizer Volkswirtschaft insgesamt hat das keinen Effekt. Auf die Zulieferer in der Schweiz wirkt sich das allenfalls in drei, vier Jahren aus. Aber auch die Schweizer Zulieferer können sich auf ihrer Ebene der Produktion Kooperationen überlegen.

Erstellt: 02.03.2012, 06:41 Uhr

Zur Person

Ferdinand Dudenhöffer (61) ist Professor an der Universität Duisburg-Essen. In der Branche wird der Professor gerne als «Autopapst» bezeichnet. In den Jahren 1985 bis 1987 arbeitete er bei der Adam Opel AG, in den Jahren 1987 bis 1990 leitete er die Abteilung Marktforschung und Marketingstrategie bei Porsche. Seit 2008 leitet er das universitäre Fachgebiet Automobilwirtschaft.

Peugeot-Aktie taucht

Nach der Bekanntgabe der Allianz mit dem Opel-Mutterkonzern General Motors hat die Aktie des französischen Autobauers PSA Peugeot Citroën deutlich verloren. Um mehr als vier Prozent ging der Wert an der Börse in Paris am Morgen auf 14,39 Euro zurück. Die Aktie hatte nach Berichten über den Einstieg von GM bei PSA zunächst zulegen können, rutschte dann aber ins Minus. Auswirkungen auf den Kurswert dürften auch die jüngsten Zahlen zu einem Einbruch bei den Auto-Neuzulassungen in Frankreich im Februar gehabt haben. GM und PSA Peugeot Citroën hatten am Mittwoch ihre Allianz bekanntgegeben. Demnach steigt der US-Autobauer mit sieben Prozent bei dem französischen Unternehmen ein. Geplant sind unter anderem ein gemeinsamer Einkauf und die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugplattformen. Unklar ist noch, was die Allianz für die chronisch defizitäre GM-Tochter Opel bedeutet. GM und PSA Peugeot Citroën wollen durch die Kooperation ihre Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit verbessern. (sda/red)

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