«Ein allfälliges Nein bedeutet nicht das Ende der Gripen-Entwicklung»

Am kommenden Sonntag schaut Marcus Wallenberg gebannt auf die Schweiz. Der Saab-Chef sagt, was eine Absage an den Gripen für den Konzern bedeuten würde.

Saab-Präsident Marcus Wallenberg: «Selbstverständlich respektieren wir die Verfassung der Schweiz.» Foto: Dominique Meienberg

Saab-Präsident Marcus Wallenberg: «Selbstverständlich respektieren wir die Verfassung der Schweiz.» Foto: Dominique Meienberg

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Am Sonntag stimmt die Schweiz über die Beschaffung des Gripen ab. Sind Sie bereits nervös?
Ich weiss nicht, ob nervös das richtige Wort ist. Aber natürlich verfolgen wir gespannt, wie die Abstimmung am Sonntag ausgehen wird. Wir haben seit langem sehr hart für dieses Projekt gearbeitet. Gleichzeitig haben wir immer gesagt, dass wir den politischen Prozess in der Schweiz respektieren.

Wie werden Sie die Abstimmung verfolgen?
Sehr eng (lacht). Ich werde am Sonntag unterwegs sein, aber nicht in der Schweiz.

Ist es reiner Zufall, dass Sie in dieser Woche in der Schweiz sind oder sind Sie in offizieller Mission unterwegs?
Ich bin am Dienstagmorgen angekommen und muss gleich nach unserem Gespräch zum Flughafen, um für eine Sitzung nach Schweden zurückzufliegen. Ich bin in die Schweiz gekommen, weil mich die schweizerisch-amerikanische Handelskammer bereits seit einiger Zeit für einen Vortrag angefragt hat.

Die Umfragen besagen, dass das Abstimmungsergebnis sehr knapp ausfallen wird. Was sind die Folgen für Saab, wenn die Schweizer ­den Flugzeugkauf ablehnen?
Es ist klar, dass wir ein solches Ergebnis sehr bedauern würden. Nichtsdestotrotz verfügen wir bereits über einen Auftrag der schwedischen Regierung für 60 Jets. Ausserdem hat sich auch die brasilianische Regierung für den Gripen entschieden. Die Entwicklung des Fliegers wird mit grosser Anstrengung vorangetrieben. Ein allfälliges Nein der Schweiz bedeutet nicht das Ende der Entwicklung des Gripen. Ich möchte aber auch betonen, dass wir sehr stolz sind, von der Schweiz ausgewählt worden zu sein.

Experten wie etwa Robert Dalsjö von der Schwedischen ­Akademie der Wissenschaften ­sagen, dass Ihr Land zu klein sei, um Kampfflugzeuge herzustellen. Was entgegnen Sie darauf?
Saab wurde 1937 gegründet. Wir haben seither über 5000 Kampfflugzeuge hergestellt. Daran erkennen Sie, dass Schweden in der Lage ist, die Industrie zu unterstützen und zu halten. Ich verstehe nicht, wie Robert Dalsjö zu dieser Aussage kommt.

Die Bedenken von Dalsjö gehen auf die Grösse von Saab zurück. Er und andere ­Experten sagen, dass Ihre Firma zu klein für dieses Geschäft sei, um mit grossen Herstellern wie EADS ­mithalten zu können.
Kleinere Unternehmen haben auch Vorteile. Der neue Gripen kann technisch gesehen mit anderen modernen Kampfjets mithalten. Während andere Hersteller die Preise für ihre neueren Flugzeuge erhöht haben, waren wir in der Lage, günstiger zu offerieren, obwohl das neue Gripen-Modell technisch gesehen zusätzliche Möglichkeiten bietet. Die Auffassung, wir seien zu klein, kann ich daher nicht nachvollziehen. Als massgeb­licher Aktionär stehen Investor AB und meine Familie auch voll hinter Saab.

Welche unmittelbaren ­Konsequenzen hätte ein Nein der Schweiz zum Gripen?
Zurzeit ist dies eine hypothetische Frage. Aber natürlich würden wir die Folgen eines solchen Entscheids sorgfältig analysieren. Letztlich ist es ein Vertrag zwischen den Regierungen der Schweiz und Schwedens, die dann das weitere Vorgehen abstimmen müssten.

Der Abstimmungskampf wurde von vielen Nebengeräuschen begleitet. Was sagen Sie dazu, dass die ­Kommentare des schwedischen Botschafters in der Schweiz publik geworden sind?
Was in der Schweiz darüber geschrieben wurde, habe ich nicht gelesen. Soweit ich dies verstehe, geht es um interne, vertrauliche Dokumente aus Schweden. Deren Inhalt ist mir nicht bekannt, weshalb ich auch nichts dazu sagen kann. Wenn Sie ein Flugzeug kaufen, das während 30 bis 40 Jahren eingesetzt werden soll, müssen Sie alle Einzelheiten kennen. Bei diesem Geschäft verhandeln zwei Regierungen miteinander. Der höchste schwedische Vertreter in der Schweiz ist unser Botschafter. Mir ist nicht bekannt, was die beiden Seiten miteinander besprechen.

Die Ausgangslage in der Schweiz ist aufgrund der Volksabstimmung sicher speziell für Saab, aber auch für Sie selber.
Für uns war von Anfang an klar, dass gegen den Kauf das Referendum ergriffen werden kann. Der Entscheidungsprozess unterscheidet sich von Land zu Land. Selbstverständlich respektieren wir die Verfassung der Schweiz. Letztlich entscheidet die Stimmbevölkerung.

Die Familie Wallenberg streicht bei ihren zahlreichen Engagements ihr Verantwortungsbewusstsein heraus. Ist dabei eine Beteiligung an einem Rüstungskonzern nicht ein ­Widerspruch?
Mein Grossvater war einer der Gründer von Saab. Die Firma wurde ins Leben gerufen, weil die schwedische Regierung im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs zum Schluss gekommen war, dass das Land einen Hersteller von Militärflugzeugen benötige. Heute hat Schweden strenge Ausfuhrbestimmungen für Rüstungs­güter. Solange unsere Regierung nichts gegen den Verkauf unserer Flugzeuge an ein bestimmtes Land einzuwenden hat, handeln wir verantwortungsvoll.

Ihre Beteiligungsfirma Investor AB ist in weiteren Grosskonzernen engagiert. Es heisst, Ihre Familie kontrolliere 40 Prozent der schwedischen ­Industrie. Wie geht man mit so viel Verantwortung um?
Wir arbeiten hart (lacht).

So einfach ist es wohl kaum . . .
Ein Freund sagte einmal, es brauche 10 Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration, also Schweiss. Das Wichtigste ist, Leute zu finden, mit denen wir arbeiten können, die dieselben Wertvorstellungen teilen und gemeinsame Ziele verfolgen. Die Mitglieder unserer Familie können ja nicht selbst überall sein.

In der Industrie finden gerade auffällig viele Fusionen und ­Übernahmen statt oder sind in Verhandlung. Wie beurteilen Sie als Verwaltungsrat von Astra-Zeneca das Angebot von Pfizer?
Die Vorschriften im Zusammenhang mit Übernahmen sind in Grossbritannien äusserst restriktiv. Deshalb kann ich mich dazu nicht im Detail äussern. Nur so viel: Astra-Zeneca verfügt über starke wissenschaftliche Grundlagen, eine gute Pipeline und ist in der Lage, auch unabhängig erfolgreich zu bleiben.

Welche Diagnose stellen Sie der Pharmaindustrie generell?
Die Industrie blickt auf eine mehrjährige Phase zurück, in der die Produktivität der Forschung nachgelassen hat. Gleichzeitig haben kleine Biotechfirmen an Bedeutung gewonnen. An der Übernahme von Genentech durch Roche lässt sich zeigen, wie dadurch neue Therapie­formen entstehen können. Wir dringen in eine Ära vor, in der die Wissenschaft in wichtigen Anwendungsbereichen eine Vielzahl neuer Möglichkeiten schaffen wird. Gerade die Schweizer Pharmakonzerne haben bewiesen, dass solche Entwicklungen möglich sind.

Bei ABB ist Ihre Beteiligungsfirma mit 8 Prozent grösster Aktionär. Wie muss sich ABB im Übernahme­poker rund um Alstom positionieren?
Ich selbst sitze nicht im ABB-Verwaltungsrat. Aber als Aktionär interessiert mich natürlich alles, was im Zusammenhang mit ABB vorgeht. Nachhaltige Energietechnik in der Produktion und effiziente Energieverteilung sind Schlüsselbereiche für die Zukunft unserer Erde, um umweltfreundlich überleben zu können. Hier ist ABB hervorragend positioniert.

Bei mehreren geplanten Über­nahmen greifen Regierungen ein, so etwa in Frankreich im Zusammenhang mit der weiteren Zukunft von ­Alstom. Was halten Sie davon?
Es ist nicht an mir, einen Kommentar zum Verhalten von Regierungen abzugeben. Wir arbeiten in einer Marktwirtschaft, und die Marktkräfte sind ein wichtiger Faktor für unsere weitere Entwicklung. Als Investoren müssen wir dafür sorgen, dass unsere Unternehmen konkurrenzfähig und innovativ sind, damit sie ihre Leistung erbringen und uns erhalten bleiben.

Dennoch scheint es Mode zu sein, dass Regierungen vermehrt ­Industriepolitik betreiben. Es ist ja nicht nur Frankreich. Das müsste Sie doch beunruhigen.
Im Zuge der hohen Arbeitslosigkeit in vielen Ländern und dem Mangel an Wachstum sind die jeweiligen Landesregierungen viel stärker daran in­teressiert, was in der Wirtschaft passiert. Es ist offensichtlich, dass ein starker Dienstleistungs- und Industriesektor die höchste Bedeutung hat für die Entwicklung einer Volkswirtschaft. Es erstaunt mich deshalb nicht, dass Regierungen sich einmischen, Fragen stellen und ihre Interessen verfolgen, wenn solche Transaktionen anstehen. Das heisst ja nicht, dass die Länder gegeneinander vorgehen.

Wo ziehen Sie die Linie? Wann beginnt der Nationalismus?
Das muss man von Fall zu Fall anschauen. Überall auf der Welt, wo Politiker versuchen, Wohlstand für ihr Land zu schaffen, ist es entscheidend, dass sie ein gutes Investitionsklima und damit Arbeitsplätze schaffen können. Das ist von Nationalismus weit entfernt.

Hat Europa die Industrie ­vernachlässigt?
Mit den Lissaboner Verträgen, welche 2009 in Kraft getreten sind, wollte die EU nicht nur ihre Arbeitsweise verbessern, sondern auch die Wirtschaft stärken. Politiker, die damals dabei waren, würden heute kaum behaupten, dass die Ziele erreicht wurden. Die Spitzenpolitiker in Europa haben aber realisiert, wo der Schlüssel zum Wachstum ist. Damit investiert wird, auch in die Erhaltung der Umwelt und in die Nachhaltigkeit, braucht es starke Unternehmen. Wir können noch viel mehr tun, um in Europa die Industrie auf Touren zu bringen. Die nötigen Voraussetzungen bringen wir mit, wir verfügen über Fachleute, Kapital und Technologien. Letztlich brauchen wir also nur noch eine ­Vision, wohin es gehen soll und wie man dorthin kommt.

Erstellt: 14.05.2014, 23:37 Uhr

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