Hintergrund

«Eine Bankrotterklärung der Bahn»

Noch dieses Jahr wird ein SBB-Bus von Zürich nach München rollen – zusätzlich zum bestehenden Zugangebot. Zudem bedienen bereits zwei private Busanbieter die Strecke. Kannibalisiert sich die Bahn selber?

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Steht die Abkürzung «SBB» nun für «Schweizerischer Bundesbus»? Könnte man meinen, nachdem bekannt wurde, dass die SBB zusammen mit der Deutschen Bahn (DB) einen Busservice zwischen Zürich und München aufgleist. Offenbar ist der Bedarf gegeben: Zum einen befindet sich die Bahnstrecke Zürich–München auf dem Abstellgleis. Der Streckenabschnitt Lindau–München ist noch immer nicht elektrifiziert, weshalb die Züge ab dort von einer antiquierten Diesellokomotive gezogen werden. Zudem schleicht der Zug über weite Strecken träge durch die Gegend. Für die gut 300 Kilometer von Zürich nach München werden rund 4 Stunden und 15 Minuten benötigt, während die fast doppelt so lange Strecke Zürich–Paris in knapp derselben Zeit zurückgelegt wird.

Zum anderen herrscht eine hohe Nachfrage nach München-Reisen ab Zürich, was sich zwei Busanbieter zunutze gemacht haben. Im September 2012 startete das Berliner Unternehmen Mein Fernbus auf dieser Route eine Busverbindung, die zeitlich gleich lange dauert wie die Reise per Zug, aber bis zu 70 Prozent günstiger ist. Billette sind ab 18 Franken pro Weg erhältlich. Seit März 2013 betreibt auch das Münchner Unternehmen Flixbus diese Strecke zu ähnlichen Preisen; dies mit Halt in St. Gallen und in Kooperation mit dem Allgäu Airport Express.

Ergänzung statt Kannibalisierung

So drängen nun auch SBB und DB in den Fernbusmarkt zwischen Zürich und München. Ungefähr ab Spätherbst 2013 soll der sogenannte Intercity-Bus auf dieser Strecke rollen, wie Sprecherin Lea Meyer auf Anfrage sagt. «Ein genaues Datum steht noch nicht fest. Voraussetzung ist die Vertragsunterzeichnung mit der DB.» Der Busservice soll allerdings nur bis zur lange ersehnten Elektrifizierung und Beschleunigung des Abschnitts Lindau–München angeboten werden – nach momentanen Angaben im Jahr 2020.

Kannibalisieren SBB und DB nicht ihr eigenes Zugsangebot? Bei den SBB sieht man den geplanten Busservice nicht als Konkurrenz zur Bahn, sondern als Ergänzung, mit denen man die heutigen Taktlücken füllen könne. «Somit wird es alle zwei Stunden eine Verbindung zwischen Zürich und München geben, also vier Züge und vier Busse pro Tag», erklärt Meyer. Braucht es überhaupt noch ein Busangebot neben den bereits bestehenden? «Das entscheiden letztlich die Kunden durch deren Nachfrage», so die SBB-Sprecherin.

Wie hoch die Billettpreise sein werden, sei noch nicht abschliessend bestimmt. Beim Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) befürchtet man jedoch, dass der Kostendeckungsgrad bei den SBB durch den günstigeren Busservice sinken könnte. «Das müssten dann die Steuerzahler oder die ÖV-Nutzer direkt oder indirekt ausgleichen», so Sprecher Roger Baumann gegenüber dem «Landboten». Laut Meyer ist diese Aussage korrekt. «Gerade deshalb ist für uns der Ausbau der Strecke Zürich–München prioritär.» Weitere Intercity-Busstrecken ab der Schweiz seien jedoch nicht geplant.

Wettbewerbsverzerrung wegen Dumpingpreisen?

Beim Anbieter Mein Fernbus erachtet man das geplante Angebot der SBB und der DB als nicht sinnvoll. «Staatliche oder Eisenbahnunternehmen mit Staatsbeteiligung sollten sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren», sagt der stellvertretende Sprecher Florian Rabe gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Sie sollten das bestehende Angebot verbessern und nicht möglicherweise mit Dumpingpreisen den Wettbewerb verzerren, der bereits zwischen privaten Unternehmen besteht.» Man befürchte eine Verdrängungsstrategie von privaten Firmen seitens der Bahn. Dass diese plötzlich selber in den Busmarkt einsteigen will, verwundert Rabe: «Bis vor kurzem argumentierte die Deutsche Bahn, dass Fernbusse ‹den öffentlichen Verkehrsinteressen, der Umwelt und der Sicherheit› schaden.»

Auch den Kunden drohen laut dem Mein-Fernbus-Sprecher Nachteile: «Die Bahn kannibalisiert sich selber durch den Busbetrieb parallel zu bestehenden eigenen Bahnverbindungen.» Auf der Verbindung Freiburg–München sei dies bereits der Fall: Hier betreibe die Deutsche Bahn sowohl Bus- als auch Bahnverbindungen, zudem bewerbe und verkaufe sie an den eigenen Bahnschaltern Tickets für den Bus.

Hingegen sieht der Anbieter Flixbus der baldigen neuen Konkurrenz gelassen entgegen, wie Sprecherin Bettina Engert auf Anfrage sagt. «Es gibt einen Markt für alle Anbieter, denn der Bedarf nach Verbindungen auf dieser Strecke ist hoch.» Vom Wettbewerb profitiere auch der Kunde. Als weitere Schweizer Destination kann man sich bei Flixbus Bern vorstellen. Zwar bestehen laut Engert noch keine konkreten Pläne, doch von Kundenseite sei klar eine Nachfrage gegeben.

«Elektrifizierung wohl am St. Nimmerleinstag»

Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der ÖV-Kunden, ist «über das neuste Vorhaben von SBB und DB sehr befremdet», wie Präsident Kurt Schreiber in einer Mitteilung schreibt. Das sei «eine Bankrotterklärung der Bahn». «Wir befürchten, dass die Bahnstrecke Zürich–München zur Bedeutungslosigkeit verkommen wird.» Bei Pro Bahn bezweifelt man, dass das geplante Busangebot nur bis zur Elektrifizierung der Strecke Lindau–München im Jahre 2020 existieren werde. Bei den SBB hingegen heisst es: «Oberstes Ziel bleibt der rasche Streckenausbau und die Elektrifizierung der Linie Zürich–München.»

Schon seit Jahrzehnten forderten Kunden und die Politik eine Elektrifizierung und Beschleunigung des Streckenabschnitts Lindau–München, so Schreiber. Der Elektrifizierungstermin werde immer wieder hinausgeschoben, neuerdings bis 2020, definitiv wohl bis zum St. Nimmerleinstag. «Dafür sollen nun Busse in die Lücke springen, weil private deutsche Busunternehmen mit Tiefstpreisen die Strassen verstopfen, die Luft verpesten und die umweltfreundliche Bahn konkurrenzieren dürfen», ärgert sich der Pro-Bahn-Präsident. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.07.2013, 17:37 Uhr

SBB-Bus: Wie soll das funktionieren?

Der Verkauf von Intercity-Bustickets würde über die Buchungssysteme der SBB und der Deutschen Bahn (DB) erfolgen, wie SBB-Sprecherin Lea Meyer erklärt. Auch Kombinationen von Zug und Bus wären möglich, sowohl für die Hin- und Rückfahrt als auch für Anschlüsse. Beispielsweise könnte man eine Busfahrt nach München buchen und dort auf einen Anschlusszug nach Passau umsteigen.

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