Eine Kunstsammlung rettet Detroit

Die Stadt übersteht den Konkurs mithilfe von Rentenkürzungen – und Van Gogh.

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Gerald Rosen stand mit der Kaffeetasse in der Hand vor den Kirchgängern und schilderte, wie es einer Handvoll engagierter Bürger gelang, die Stadt vor dem Kollaps zu retten. «Ich glaube, das Geld hätte noch etwa acht Wochen gereicht. Ich war ziemlich sicher, dass der finanzielle Ruin kommen würde.» Rosen hatte sich seit dem Sommer 2013 als Vermittler im grössten Konkursverfahren einer amerikanischen Stadt engagiert. Ende letzter Woche bewilligte ein Richter den von Rosen ausgehandelten Sanierungsplan, womit Detroit ein Neustart ermöglicht wird.

Die ungewöhnliche Schlüsselrolle für den Abschluss des Konkursverfahrens spielte die städtische Kunstsammlung. Sie ist 140 Jahre alt und wurde während des Booms der Autoindustrie auf über 60'000 Kunstwerke erweitert. Das waren die Träume der 60er-Jahre: Detroit sollte eine Kunstsammlung von Weltformat haben, um der Rolle einer Weltstadt zu genügen. Wertvoll sind heute rund ein Dutzend Einzelwerke, darunter Arbeiten von Matisse, Breughel und Van Gogh. Der Gesamtwert wurde kürzlich auf bis zu 4,6 Milliarden Dollar veranschlagt, doch gemäss dem Auktionshaus Christie’s würde die Sammlung kaum mehr als 800 Millionen bringen.

Ford-Familie ging voran

Dennoch war der Druck gross, die Sammlung zu versteigern. Die Obligationäre der Stadt und deren Versicherungen versuchten auf diese Weise, ihre spekulativen Käufe von städtischen Schuldscheinen zu retten. Doch Gerald Rosen gelang es, rund ein Dutzend private Stiftungen zu finden und sie zu überzeugen, die Sammlung für die Nachwelt und eine hoffentlich bessere Zukunft der Stadt aufzubewahren, wie er an diesem Sonntag in der episkopalen Christ Church in Grosse Points Farms, einem schicken Vorort von Detroit, ausführte. «Ich fiel fast von meinem Stuhl», sagte er. «Zum ersten Mal dachte ich, dass die Sache gelingen könnte.» Rosen meinte die Ford-Familienstiftung, die sich in den letzten Jahren auf internationale Projekte konzentriert hatte. Die Stiftung besann sich nun auf ihre Heimatstadt zurück und stellte einen Check von 125 Millionen Dollar für die Kunstsammlung aus.

Dies war die grösste Gabe der Stiftung in ihrer Geschichte; und sie brach den Damm. Rund ein Dutzend Stiftungen zogen nach und brachten 366 Millionen zusammen. Das Detroit Institute of Art selber sammelte 100 Millionen; und der Bundesstaat Michigan steuerte 200 Millionen bei. Damit waren genügend Mittel vorhanden, um die Kunstsammlung aus der Konkursmasse zu lösen und einer Non-Profit-Stiftung zu übergeben. Der Rest des Sanierungsplans kam danach wie ein Puzzle zusammen: Die ausstehenden Schulden von 18 Milliarden Dollar wurden in monatelangen Verhandlungen um 7 Milliarden reduziert. Alle Gläubiger mussten Konzessionen machen. Die spekulativen Obligationenkäufer bluteten am meisten. Ihre Schuldscheine werden nur noch zu 14 Prozent zurückbezahlt, doch die Stadt sicherte ihnen Immobiliendeals zu, die potenziell mehr einbringen als die nun erlittenen Verluste.

Stark gekürzt werden auch die Krankenkassenleistungen der Pensionierten. Hingegen werden die Rentenzahlungen für die gewerkschaftlich starken Polizisten und Feuerwehrleute fast ganz garantiert. Ins Gewicht fällt aber, dass der Konkursrichter die übrigen Renten nicht mehr als sakrosankt betrachtet. Sie sollen nicht mehr der Teuerung angepasst werden, womit die Pensionierten mit Verlusten von bis 20 Prozent rechnen müssen. «Dies war ein Bankrott; und es war verzweifelt», fasste Rosen vor den Kirchgängern zusammen, die seine Ausführungen mit stehenden Ovationen begleiteten. Die Opfer der Pensionierten seien nicht zu vermeiden gewesen. Ohne Sanierung wäre die Lage hoffnungslos geworden. «Ich will nicht sagen, wo ihr heute wärt», so Rosen, «weil es zu schrecklich wäre, es zu sagen.»

Detroit als Paradebeispiel

Detroit gilt als Musterfall für ungelöste Konkurse: In Stockton entschied der Konkursrichter letzte Woche, dass die politisch einflussreiche Pensionskasse der öffentlichen Angestellten nicht mehr davon ausgehen könne, vor Kürzungsforderungen immun zu sein.

Damit könnten auch in Kalifornien Rentenzahlungen gekürzt werden, um die Sanierung einer Stadt voranzubringen. Stockton kam zwar noch um Kürzungen herum, da der Richter die bisherigen Lohnkonzessionen der Angestellten als ausreichend betrachtete. Gerettet ist die Stadt nicht. Die Pensionskasse könnte bereits in vier Jahren wieder zahlungsunfähig sein. Anders als in Detroit wäre damit ein zermürbendes und teures Konkursverfahren eine verlorene Übung gewesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 22:57 Uhr

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