«Eine Nation von Ladendieben»

Während Migros und Coop mit den Do-it-yourself-Kassen erst experimentieren, ist man im Ausland schon weiter: In Grossbritannien verbannen die ersten Shops das Self-Scanning wieder.

Jeder Fünfte klaut auch mal: Ein Mann beim Einscannen seiner Einkäufe in einer Tochterfiliale der Ladenkette Tesco in Kalifornien.

Jeder Fünfte klaut auch mal: Ein Mann beim Einscannen seiner Einkäufe in einer Tochterfiliale der Ladenkette Tesco in Kalifornien. Bild: Reuters

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Die Schweizer Detailhändler machen vorwärts beim Ausbau der Self-Scanning-Kassen: Bei Coop kann man heute an 60 Standorten seine Einkäufe selber einscannen, im Juni waren es noch elf. Bei der Migros sind heute 170 Filialen entsprechend ausgerüstet, ein Drittel mehr als vor sechs Monaten. Nächstes Jahr sollen nochmals etwa 40 Filialen dazukommen. Das Scan-it-yourself-Prinzip scheint einen unaufhaltsamen Siegeszug angetreten zu haben – während in anderen Ländern die Kritik zunimmt.

Die Briten gelten als Vorreiter in Sachen Self-Scanning. Die Technologie wurde in Grossbritannien bereits 1996 eingeführt, und in keinem andern europäischen Land ist sie heute so verbreitet wie dort. In grossen Supermärkten sind bis zu zwei von drei Kassen mittlerweile nicht mehr mit Personal besetzt. Auf der Insel offenbart sich aber gleichzeitig das grösste Problem der neuen Systeme: Mit der Zahl der Benutzer steigt auch die Zahl der Diebstähle, wie eine Umfrage unter Konsumenten zeigte.

«Self-Scanner» warten länger

Einer von fünf Befragten gab zu, beim Self-Scanning auch mal zu schummeln und Artikel mitgehen zu lassen, ohne sie einzuscannen. Den britischen Detailhändlern entgehen laut der Studie so Einnahmen in der Höhe von 1,6 Milliarden Pfund (2,4 Milliarden Franken) pro Jahr. Bei vielen stecke aber nicht böse Absicht dahinter, sondern pure Frustration: Sie klauen, weil das System nicht richtig funktioniert und sie nicht den Nerv haben, auf einen Angestellten zu warten, der ihnen hilft. «Die Maschinen haben Grossbritannien in eine Nation von Ladendieben verwandelt», titelte die britische Zeitung «The Guardian». Das Problem ist auch den Australiern bekannt: Experten schätzen, dass die Detailhändler deswegen 1 bis 3 Prozent weniger Umsatz machen. Stellt sich die Frage, ob die Ziele des Self-Scanning so überhaupt erreicht werden können: das Einsparen von Kosten und Zeit.

Gerade Letzteres scheint bei der Waitrose-Filiale im britischen Milton Keynes nicht der Fall gewesen zu sein: Die sechstgrösste Supermarktkette des Landes hat beschlossen, die Bezahlautomaten dort wieder durch Mitarbeiter zu ersetzen, «um die Wartezeit für die Kunden zu verringern». Waitrose schliesst nicht aus, dass es bei anderen Filialen ebenfalls zu einer Abrüstung kommen könnte. Ähnliches tut sich in den USA: Ikea hat bereits vor zwei Jahren alle «Self-Check-outs» in den amerikanischen Filialen entfernt. «Wir haben gemerkt, dass die Wartezeit beim Self-Check-out länger war als bei bemannten Kassen», begründete der Ikea-Sprecher Joseph Roth die Entscheidung. Amerikanische Studien bestätigten diesen Befund.

Die Schweizer Detailhändler wollen das Self-Scanning trotzdem noch weiter ausbauen. Bei der Migros glaubt man nach wie vor, dass der Kunde am Schluss profitiert: «Die Schlangen vor den Kassen werden vor allem zu Stosszeiten kürzer», sagt Pressesprecherin Martina Bosshard gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Wie viel Zeit ein Kunde spare, sei schwer zu sagen, «relevant ist für uns seine Zufriedenheit. Und die steigt bei vielen, weil sie nicht mehr vor der Kasse herumstehen müssen, sondern selber aktiv werden können.» Auch die Diebstähle haben bei der Migros seit Einführung des Systems nicht zugenommen. Kontrolliert wird mit zufälligen Stichproben (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

«Das System eliminiert mit Sicherheit Jobs»

Bleibt der zweite kritische Punkt: Das Einsparen von Kosten – ein ohnehin umstrittenes Thema. Gewerkschafter befürchten nämlich, dass die Detailhändler auf Self-Scanning setzen, um auf lange Sicht Personal abbauen zu können. Experten teilen diese Sorge: Jeder Detailhändler wisse zu rechnen, sagt Marketingprofessor Manfred Bruhn gegenüber dem Schweizer Radio SRF. «Er spart Personal und erhebliche Kosten ein.» Nur so lohne sich die Einführung der Geräte. Andere sprechen von einem «schleichenden Prozess», bei dem frei werdende Stellen nicht mehr ersetzt würden. Auch diesen Einwand will Martina Bosshard nicht gelten lassen. Die Mitarbeitenden blieben wichtig und könnten als Berater in der Filiale oder bei den Zahlstationen eingesetzt werden.

Im Ausland wird das Thema ebenso kontrovers diskutiert. Das System eliminiere mit Sicherheit Jobs, «die Frage ist bloss, wie viele», sagt Frank Levy, Wirtschaftsprofessor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), gegenüber dem Technikportal Computerworld.com. US-Experten halten es aber für möglich, dass die Arbeitnehmer unter dem Strich von der Entwicklung profitieren – wenn die Unternehmen ihre Verantwortung ernst nehmen. Sie müssten dafür sorgen, dass ihre Angestellten die entsprechende Weiterbildung und Schulung erhalten, um neue, inhaltlich anspruchsvollere Jobs zu übernehmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.12.2014, 09:51 Uhr

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