Eine Stunde bis zur nächsten Post

Die Politik debattiert über strengere Regeln für die Erreichbarkeit von Postfilialen. Doch auch die neuen Vorschläge lassen Lücken im Versorgungsnetz zu.

Nicht jede Postfiliale wäre in 20 Minuten erreichbar. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Nicht jede Postfiliale wäre in 20 Minuten erreichbar. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Wie viel Freiraum soll die Post beim Schliessen von Filialen haben? Diese Frage debattiert heute der Ständerat. Aufgeschreckt von der Ankündigung der Post, sie wolle fast die Hälfte ihrer Standorte abbauen, schaut die Politik seit einem Jahr dem gelben Riesen genauer auf die Finger. Im Frühling fand dann der Nationalrat, dem Konzern müssten verschärfte Vorschriften für die Gestaltung des Filialnetzes gemacht werden.

Gegenwärtig verlangt die Verordnung, dass 90 Prozent der Schweizer Bevölkerung innerhalb von 20 Minuten zu Fuss oder mit dem ÖV eine Poststelle oder -agentur erreichen können. Gleichzeitig muss pro Raumplanungsregion mindestens eine Poststelle vorhanden sein. Diese Auflagen erlauben es aber, dass die Post bevölkerungsarme Randregionen nur schlecht versorgt und dies mit einem sehr dichten Netz in den Städten und Agglomerationen kompensiert. «Über die postalische Versorgung im Oberwallis, im Appenzellerland und im Berner Oberland sagen die Durchschnittswerte nichts aus», kritisierte letztes Jahr Hans Hollenstein, Präsident der Aufsichtsbehörde Postcom.

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Diesen Mangel wollen der Nationalrat und die vorberatende Kommission des Ständerats nun beseitigen. Mit dem Ja zur Motion von CVP-Nationalrätin Viola Amherd (VS) fordern sie, dass die Erreichbarkeitsvorschriften nicht nur auf nationalen Durchschnittswerten beruhen, sondern regionale Bedürfnisse berücksichtigen. Angedacht ist, dass nicht nur schweizweit 90 Prozent der Bevölkerung innert 20 Minuten eine Poststelle oder -agentur erreichen können müssen, sondern dass diese Regel auch in jeder einzelnen Raumplanungsregion gilt.

Schlechter Schutz für Grosse

Welche Folgen könnten die aktuellen Vorschriften überhaupt haben? Welche Regionen sind mit den geltenden Vorschriften bereits genügend geschützt? Und welche würde ein radikaler Kahlschlag der Post besonders hart treffen? Um diese Fragen zu beantworten, hat diese Zeitung die 128 Raumplanungsregionen der Schweiz analysiert.

Im Extremfall müsste die Post in entlegenen Raumplanungsregionen nur noch eine einzige Poststelle betreiben – und sonst gar nichts. Die Auswertung zeigt aber, dass dies selbst nach dem im vergangenen Jahr angekündigten Umbau des Postnetzes nirgendwo der Fall sein wird. Zwar gibt es dann Regionen, die nur noch eine echte Poststelle haben, das Val Müstair etwa oder das Calancatal. Allerdings unterhält die Post dort zusätzliche Agenturen oder bietet einen Hausservice an.

Zudem sind nicht wenige Randregionen in verhältnismässig kleine Raumplanungsregionen unterteilt. Die Region Val Müstair etwa besteht nur aus einer Gemeinde. Die rund 1500 Einwohner leben grösstenteils in den Dörfern Valchava, Santa Maria und Müstair. Weil diese Ortschaften maximal eine gut 10-minütige Busfahrt auseinanderliegen, würde die Post in dieser Region selbst mit dem regulatorischen Minimum von nur einer einzigen Filiale eine relativ gute Grundversorgung erreichen. In anderen entlegenen Gegenden sieht es ähnlich aus, etwa im solothurnischen Bezirk Thierstein und im waadtländischen Vallée rund um den Lac de Joux. Beides sind sehr kleine Raumplanungsregionen. In diesen kleinräumigen Regionen wären entlegene Dörfer sogar bei einem postalischen Kahlschlag noch einigermassen gut mit Postdienstleistungen versorgt.

Doch nicht alle Randregionen sind in kleine Raumplanungseinheiten unterteilt. Zu den flächenmässig grössten ­Regionen gehört etwa das Oberland-­Ost, das sich von Beatenberg bis Innertkirchen und von Oberried am Brienzersee bis Lauterbrunnen spannt. Theoretisch dürfte die Post hier ihr Angebot auf eine einzige Filiale in Interlaken reduzieren. Da in der Region nur knapp 0,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt, könnte der gelbe Riese diese schlechte Abdeckung mit einem guten Angebot in anderen Landesteilen problemlos kompensieren. Einwohner aus Guttannen oder Mürren müssten dann aber einen Weg von einer Stunde in Kauf nehmen, um zur Poststelle zu gelangen. Grossflächige Regionen wie das Oberland-Ost, aber beispielsweise auch die Surselva, das Urnerland, der Jura und das Sarganserland sind durch die aktuellen Erreichbarkeitskriterien nur ungenügend ­geschützt.

Nicht gewünschte Wirkung

Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass auch die politische Lösung, wie sie derzeit auf dem Tisch liegt, nicht überall die gewünschte Wirkung hätte. Zur Erinnerung: Vorgeschlagen ist, dass in jeder Region 90 Prozent der Bevölkerung in 20 Minuten bei einer Poststelle oder -agentur sind. Es gibt aber mehrere Raumplanungsregionen, in denen sehr abgelegene, bevölkerungsarme Gebiete mit verhältnismässig dicht besiedelten Gemeinden zusammengefasst wurden.

Was das zur Folge haben kann, zeigt das Beispiel der Region Brig-Östlich Raron: Sie umfasst Gemeinden wie Simplon, Gondo-Zwischbergen und Rieder­alp. Gleichzeitig gibt es mit Brig, Naters und Ried ein urbanes Zentrum, das allein knapp 90 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Es ist also denkbar, dass die Post in dieser Region mit nur einer einzigen Filiale in Brig die Mindestanforderungen erfüllen könnte. Obwohl die Einwohner aus Simplon und von der Bettmeralp rund eine Stunde benötigen würden, um diese zu erreichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 20:49 Uhr

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