Analyse

Eine aktionärsdemokratische Premiere

An der Generalversammlung von Julius Bär wurde der Vergütungsbericht abgelehnt. Das Ergebnis zeigt: Die Macht von Stimmrechtsvertretern wächst, intransparente Unternehmen werden abgestraft.

Mit der Minder-Initiative werden diese Abstimmungen bindend: Ja-Stimmenanteile zu Vergütungsberichten des Jahres 2011.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

64 Prozent Neinstimmen vereinigte der Vergütungsbericht von Julius Bär in einer konsultativen Abstimmung an der heutigen Generalversammlung auf sich. Das ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht für die Bankmanager um CEO Boris Collardi und Verwaltungsratspräsident Daniel Sauter, sondern auch ein Novum für die Schweizer Aktionärsdemokratie. Dass die Aktionäre eines SMI-Unternehmens das Wort gegen die Lohnpläne der Unternehmensführung erheben, gab es in der Schweiz noch nie.

Auch bei kleineren, nicht im SMI-Index vertretenen Firmen kam dies erst einmal vor: An der GV 2012 stimmten 55 Prozent der Aktionäre von Weatherford International Nein zum Vergütungsbericht des kurz zuvor in die Schweiz gezogenen Erdölzulieferbetriebs. Unter den SMI-Titeln hatte bis dahin die Actelion den Rekord an ablehnenden Stimmen erhalten. Nur 55 Prozent der Aktionäre hatten an der Generalversammlung 2012 die Art und Weise gutgeheissen, wie das Pharmaunternehmen sein Management entlöhnt. In Erinnerung blieb auch das Ausrufezeichen, das die UBS-Aktionäre 2012 mit 40 Prozent Nein an der GV setzten.

Gewichtige US-Investoren

Nun überwiegt also bei der Bank Bär erstmals der Neinanteil. Laut Ethos-Direktor Dominique Biedermann hat dies nicht nur mit der umstrittenen Sonderprämie für die Integration des Merrill-Lynch-Geschäfts, sondern mit der generell «sehr schlechten Qualität» des Berichts zu tun: Mängel seien erstens bei der Transparenz, zweitens bei der Mechanik des Systems und drittens bei der überrissenen Höhe des Gesamtlohns für den CEO vorhanden. «Das Papier geht 180 Grad in die falsche Richtung», sagt Biedermann. Beispielsweise, weil es lohnrelevante Leistungsindikatoren zurück in die Gegenwart verschiebt – statt, einem generellen Trend folgend, den Lohn stärker von der langfristigen Unternehmensentwicklung abhängig macht.

Oder, weil es Bankchef Boris Collardi für ein Jahr, in dem der Aktienkurs der Bank über neun Prozent verlor, ein totales Salär über 6,7 Millionen Franken zuspricht. Mit der Kritik daran war Ethos nicht alleine. Eine einflussreiche Stimme, die den Compensation Report von Julius Bär zur Ablehnung empfahl, war die Unternehmung ISS. Die Firma beschäftigt weltweit über 500 Analysten, besonders US-Investoren verlassen sich auf ihre Empfehlungen. Und von diesen Investoren gibt es bei der Bank Bär nicht wenige: Als grösster Einzelaktionär vereinigt etwa der Vermögensverwalter MFS Investment Management über 10 Prozent Stimmenanteil.

UBS und CS sind vorgewarnt

Weitere US-Investoren von Julius Bär sind Davis Selected Advisers (8,5 Prozent), Thornburg Investment Management (5,1 Prozent), Blackrock (5,0 Prozent), Harris Associates (4 Prozent), Bank of America (3,8 Prozent) und Wellington Management (3,0 Prozent). Sieht man von leichten Verschiebungen ab, die sich seit der letzten Meldung ergeben haben mögen, so vereinigen alleine diese Investitionshäuser knapp 40 Prozent der Stimmen bei Julius Bär. Die Zusammenstellung macht deutlich: Hält ein Unternehmen die gemeinhin anerkannten Corporate-Governance-Standards nicht ein, so sagen auch die hierzulande verrufenen US-Investoren Nein zu exorbitanten Salären.

Peinlich für die Bank Bär ist, dass das Unternehmen dieses Jahr zum ersten Mal konsultativ über die Löhne abstimmen liess. Neben der Swatch Group war das Zürcher Finanzinstitut bis ins letzte Jahr das einzige SMI-Unternehmen, das eine solche Abstimmung noch immer verweigerte. «Wir wünschen uns seit Jahren eine bessere Gesprächskultur bei Julius Bär», sagt Ethos-Direktor Dominique Biedermann. Nach der heutigen GV müsse nicht nur Boris Collardi – der wohl genau wusste, was ihn heute erwartet – über die Bücher, meint er. «Für die Unternehmen ist dies ein Signal, dass Pensionskassen und andere Investoren solche Abstimmungen ernst nehmen.»

Auch Gregor Greber, Partner beim Zuger Vermögensverwalter zCapital, sieht in der Tatsache, dass heute das Management eines Grossunternehmens durch die Aktionäre überstimmt wurde, einen Meilenstein für die Aktionärsdemokratie. «Aktionäre sehen nun, dass es sich lohnt, effektiv abzustimmen», sagt er. Registriert haben werden das Ergebnis auch die beiden Schweizer Grossbanken. Ihre Generalversammlungen finden am 26. April und am 2. Mai statt. Investorendienstleister wie zCapital empfehlen auch dort ein Nein zu den Vergütungsberichten, die Beschlüsse von Ethos und Actares stehen noch aus. Nach zweimal Nein in den letzten beiden Jahren erhält zumindest die Credit Suisse von der gewichtigen ISS diese Jahr jedoch die Zustimmung.

Erstellt: 10.04.2013, 16:06 Uhr

Kampfzone Mangervergütung: Foto während der UBS-GV 2010. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Nein zu Bär-Managerlöhnen – «Das hat Signalwirkung für die UBS-GV»

Reaktionen Die Aktionäre des Vermögensverwalters Julius Bär proben den Aufstand und sagen Nein zu Lohn und Boni für das Management. Für Aktionärsschützer Hans-Jacob Heitz kommt jetzt «etwas ins Rollen». Mehr...

4 von 5 Aktionären für hohe Boni

Novartis-GV An der letzten GV von Daniel Vasella ging alles glatt. Trotzdem wurde der scheidende Novartis-Präsident noch einmal mit Kritik eingedeckt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Klares Signal an den Clariant-VR

Fast 30 Prozent der Aktionäre lehnen den Vergütungsbericht ab. Verschiedene Investoren hatten zuvor ihre Opposition angekündgt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...