Eine ungewöhnliche Karriere

Jeannine Pilloud ist seit Anfang April Chefin Personenverkehr bei den SBB. Auf diesen Posten gelangte sie über bemerkenswerte Umwege.

Via Deutschland nach Bern: Jeannine Pilloud passierte auf ihrem Weg zum Top-Job bei den SBB einige ungewöhnliche Stationen.

Via Deutschland nach Bern: Jeannine Pilloud passierte auf ihrem Weg zum Top-Job bei den SBB einige ungewöhnliche Stationen. Bild: Reuters

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Am Montagabend letzter Woche wurde es spät. Jeannine Pilloud schaffte es erst auf den Halb-zehn-Uhr-Zug von Bern nach Zürich. Sie war müde. Hatte Halsweh. Fand einen Platz und installierte sich. Heimfahren. Abschalten. Bis eine Frau mittleren Alters auftauchte, die sie erkannte. «Seit zwei Wochen schreib ich an einem E-Mail an Sie», begann die Frau ganz erfreut das Gespräch. «Jetzt haben Sie ja Gelegenheit, mir das alles ganz direkt zu sagen», antwortete Pilloud, obwohl sie sich eigentlich nach etwas Ruhe sehnte. «Nein, nein. Sie sind sicher müde. Ich lasse Sie. Das Mail kommt in den nächsten Tagen.»

Die Chefin Personenverkehr bei den SBB wird immer öfter erkannt. Nach und nach erscheinen in Zeitungen und Zeitschriften Porträts über sie. Und da sie täglich zwischen Zollikon am Zürichsee und Bern pendelt, verbringt sie genügend Zeit in Zügen, um genügend Kundinnen und Kunden zu begegnen.

Ja keinen Fehlgriff mehr

Eine Erfahrung, die ihrem Vorgänger vorenthalten blieb. Jürg Schmid, einst Chef von Schweiz Tourismus und heute wieder Chef von Schweiz Tourismus, war zwischenzeitlich der oberste Verantwortliche für den SBB-Personenverkehr. Nach sechswöchiger Einarbeitungszeit trat er im Frühjahr 2010 seinen Job an – und legte ihn zehn Tage später nieder.

Da hatten die SBB ein Problem. Der wichtigste Posten hinter CEO Andreas Meyer war unbesetzt. Die Wahl misslungen. Ein neuerlicher Fehlgriff musste unter allen Umständen vermieden werden. Das bekam auch Jeannine Pilloud zu spüren.

«Dass man nicht auch noch einen Bluttest von mir verlangte, grenzt fast an ein Wunder», sagt sie. Und lacht dabei. Die Quereinsteigerin aus der IT-Branche wurde auf Herz und Nieren geprüft. Referenzen wurden eingeholt. «Du hättest ja ein gutes Wort für mich einlegen können», habe sie zu Philipp Hildebrand, dem Chef der Schweizerischen Nationalbank, gesagt. Die Antwort sei prompt gekommen: «Wie hätte ich! Du bist ja immer hinter mir geschwommen.»

Post-Chefin als Freundin

Ein kleiner Scherz unter Sportkollegen. Auf einem der Regale in ihrem Büro an der Wylerstrasse 121 in Bern steht ein Schwimmkalender. Der Sport ihrer Wahl. Einen Eisenbahnkalender sucht man vergebens. Oder das Modell einer Lok. Dafür über dem Sitzungstisch ein Metallschild, wie man es als Ortsschild an SBB-Bahnhöfen findet. Rot und Blau. Statt eines Ortsnamens steht «Danke» drauf. Und die Unterschriften der ehemaligen Kollegen bei T-System, des letzten Arbeitgebers vor den SBB.

Wer im Job Ödland hinterlässt, wird nicht so verabschiedet. Hinter ihrem Schreibtisch leuchtet ein sehr buntes Stadtbild in kräftigen Farben. Extremes Querformat. Amsterdam? Irgendwo in Deutschland? Dort arbeitete Jeannine Pilloud acht Jahre. T-System ist ein Tochterunternehmen der deutschen Telekom. Zuvor war sie bei IBM Schweiz eine Kollegin von Susanne Ruoff. «Dass sie zur Post-Chefin ernannt wurde, hat mich sehr gefreut. Sie ist eine gute Freundin», sagt Jeannine Pilloud. Zwei Frauen in Top-Jobs der ehemaligen Regiebetriebe.

Eine ungewöhnliche Vita

Dass die in Dübendorf aufgewachsene Pilloud einmal so weit kommen würde, hatte sich nicht abgezeichnet. Dass sie bei den Bundesbahnen landen würde, erst recht nicht. Am Anfang stand ein Phil-I-Studium in Zürich: Germanistik, Geschichte und Publizistik. Parallel dazu besuchte Pilloud, damals 20, die Ringier-Journalistenschule und landete in der Redaktion des «Blicks», unter den Fittichen des legendären Peter Uebersax. «Mir gefiel der Beruf. Aber ich hatte noch zu wenig Lebenserfahrung. Suchte meine Themen und wurde nicht fündig», sagt sie im Rückblick auf diese Zeit. Sie hängte ein zweites Studium an: Architektur an der ETH. Sie fand in dem Bereich nicht auf Anhieb einen Job und landete so 2001 bei IBM und in der IT-Branche.

Diese ungewöhnliche Vita, mit Studentenjobs als Servicemitarbeiterin im Hotel Dolder oder Mitarbeiterin bei SF DRS – vor allem am Telefon bei Sendungen, bei denen man anrufen konnte –, kommt ihr heute zugute. «Ich liebe Menschen und fühle mich im Umgang mit ihnen wohl», sagt sie. Und als Architektin hat sie gleichzeitig auch technisches Flair. Steht nicht gleich auf dem Abstellgleis, wenn beispielsweise Lokführer von ihrem Job berichten. «Weshalb gewisse Leute Manager werden, wenn sie den Umgang mit Menschen hassen, verstehe ich nicht», sagt sie. «Weshalb tun sie sich das an?»

Transparenz und Offenheit

Im Büro verbringe sie jedenfalls nicht viel Zeit, so Jeannine Pilloud. Sie sei in dem modernen Betongebäude an der Wylerstrasse, wo die Leitung von SBB-Personenverkehr daheim ist, oft unterwegs. An Sitzungen mit Kaderleuten. Mit Mitarbeitern. Mit Besuchern. Ihr Büro ist erstaunlich klein, gemessen an der Bedeutung, die ihre Stelle im Unternehmen hat. Im Personenverkehr arbeiten 13 000 Menschen. Täglich werden 960 000 Reisende transportiert. Pilloud steht mehreren weiteren Verantwortungsträgern vor: der Chefin Regionalverkehr, dem Chef Fernverkehr, dem Chef Operating …

Ihr Refugium ist erstaunlich durchsichtig: grosse Fensterfront nach aussen, grosse Fensterfront nach innen. Transparenz und Offenheit. Das sind zwei der Qualitäten der neuen Chefin hier. In den bisher erschienenen Porträts werden ihr weitere Attribute zugeschrieben: Direkt? – «Ja, das bin ich», sagt sie nach kurzem Zögern. «Aber nicht verletzend.» Unzimperlich? – «Nein, das bin ich nicht.» Durchsetzungsfähig? – «Ja!» Standhaft? – «Ja.» Dreisprachig? – «Eigentlich vier. Und versierter als in Italienisch bin ich im Englischen.»

«Da habe ich bisweilen geschauspielert»

Wenig verwunderlich. Jeannine Pilloud ist mit einem gebürtigen Amerikaner verheiratet, der nun den Schweizer Pass hat. Sie haben zwei Kinder. Während sie arbeitet, kümmert sich ihr Mann vor allem um die Tochter und den Sohn und betreibt nebenbei, selbstständig erwerbend, eine Schwimmschule.

Sie sei gerne aus Deutschland in die Schweiz zurückgekommen, sagt die 47-Jährige. «Das Betriebsklima ist anders dort. Wer in Sitzungen länger als 15 Sekunden braucht, um zu argumentieren, wird übergangen.» Zum Teil, so sagt sie, habe sie sich härter und zupackender gegeben, als sie sei. «Da habe ich bisweilen etwas geschauspielert.»

Zupacken kann sie beim Personenverkehr der SBB da und dort. Dank der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist ist die Zahl der Bahnfahrer seit 2004 massiv gestiegen; stärker, als man bei den SBB erwartet hatte. Ausgerechnet in dieser Boomphase blieb der Chefposten nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Paul Blumenthal als langjährigem Chef 2009 unbesetzt beziehungsweise interimistisch besetzt. «Es gab ein gewisses Vakuum», sagt Jeannine Pilloud.

Mit Frauenaugen

Sie bringt den Vorteil mit, als Neuling auch neue Perspektiven zu erkennen. Statt immer neue Bauwerke, wie Brücken oder Tunnels, die nochmals eine Minute da, drei Minuten dort an Fahrzeit einsparen, hat sie einen anderen Fokus: «Ich will die ganze Reise im Auge behalten. Das heisst, auch unsere Zubringer und die Situation in den Bahnhöfen gehören für mich dazu. Und als Frau muss ich sagen: Wenn es irgendwie geht, benutze ich im Zug kein WC.» Logisch: Frauen setzen sich beim Pinkeln und davor grauts den meisten. Deshalb brauche es in den Bahnhöfen saubere, öffentlich zugängliche WCs.

Als Anwältin der Reisenden sieht sie sich. Nicht als abgehobene Managerin in einem Chefbüro. Ein erfrischender Ansatz, der den SBB gut tut. Das Schlagwort «Unterwegs zu Hause» taucht in diesem Zusammenhang auf. Pilloud erhebt ihre eigene, kleine Statistik, wie sie verrät: «Ich setze mich nie auf denselben Sitz im Zug. Manchmal fahre ich 1. Klasse, manchmal 2. Klasse. Manchmal setze ich mich ins Bistro.» Sie wechsle auch ganz bewusst zwischen Sitzen unten und oben in den Doppelstockwagen. «Und dabei erstelle ich, fixen Kriterien folgend, eine kleine Testreihe.» Pilloud nennt nicht alle Kriterien, die sie erfasst, hebt aber drei hervor: Das Klima in den Wagen – «oft zu heiss oder zu kalt!» –, die Funktionalität der Klapptische und die Sauberkeit.

Was daraus am Schluss wird? Sicher der Erfahrungsbericht einer täglichen Bahnreisenden. Vielleicht die Basis, um der Kundin vom Montagabend, von der bald ein langes E-Mail eingehen wird, kompetent Antwort zu geben. Und damit auch die Basis, um im Gespräch Paroli bieten zu können. «Wissen Sie, es geht mir an Partys oft wie Ärzten oder Zahnärzten. Wenn die Gesprächspartner merken, mit wem sie sprechen, haben alle Fragen oder erwarten Erklärungen.» Und da ist Jeannine Pilloud wichtig, zu wissen, wovon sie spricht.

Erstellt: 29.11.2011, 13:31 Uhr

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