Hintergrund

Einkaufstourismus: Jetzt wollen es Migros und Coop genau wissen

Die Ausgaben für Einkäufe im Ausland scheinen zu explodieren. Neuste Schätzungen gehen von bis zu acht Milliarden Franken aus. Für Verbandspräsident Bruno Frick «wirds langsam dramatisch».

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«Wir haben Indikatoren dafür, dass die bisher genannte Zahl von fünf Milliarden Franken, welche Herr und Frau Schweizer beim Einkauf im Ausland liegen lassen, deutlich zu tief liegt», sagt Martin Schläpfer. Der Schaffhauser ist Leiter Wirtschaftspolitik beim Migros-Genossenschaftsbund und steht gleichzeitig der Arbeitsgruppe Binnenmarkt bei der IG Detailhandel – in der sich die Platzhirsche Migros und Coop mit weiteren Mitgliedern organisiert haben – vor. Schläpfer weiss zum Beispiel, dass die Mehrwertsteuerrückerstattungen bei den Grenzübergängen Lörrach und Singen in diesem Jahr um rund 40 Prozent zugenommen haben.

Aufgrund von Daten der eidgenössischen Zollverwaltung, des deutschen Zolls, von global agierenden MwSt-Rückerstattern und den Erfahrungen der Detailhändler hat die IG Detailhandel eine Hochrechnung angestellt. Resultat: Herr und Frau Schweizer geben für ihre Einkäufe im Ausland zwischen sechs und acht Milliarden Franken aus. Bisher war die Rede von fünf Milliarden Franken, errechnet in einer Studie der Credit Suisse. Laut dem Schweizer Fleischfachverband sei allein für Fleischprodukte eine Milliarde im Ausland ausgegeben worden.

«Das Ganze wird langsam dramatisch», sagt Bruno Frick, Präsident des Branchenverbands Swiss Retail Federation. Zwischen 15'000 und 25'000 Jobs seien durch den Einkaufstourismus im Detailhandel gefährdet. Pro Arbeitsstelle rechne man mit 300'000 Franken Umsatz.

Marktforschungsinstitut beauftragt

Die neue Hochrechnung zum Einkaufstourismus sei allerdings mit Vorsicht zu geniessen, sagt Schläpfer. Darum will man nun Nägel mit Köpfen machen. Die IG Detailhandel hat beim Marktforschungsinstitut GFK eine Studie in Auftrag gegeben. Detailhandelsexperte Thomas Hochreutener wird die Untersuchungen leiten. «Wir wollen es jetzt ganz genau wissen», sagt Schläpfer. Man wolle detaillierte Angaben über verschiedene Sparten.

Mirjam Müller vom GFK bestätigt den Auftrag für die Marktstudie. «Wir sind jetzt in der Definitionsphase», sagt sie. Will heissen, man legt Art und Umfang der Recherchen fest. Vieles sei noch unklar, zum Beispiel ob man den Versandhandel aus Deutschland in die Schweiz auch mitzählen will. Bis Resultate vorliegen, wird es aber noch einige Monate dauern.

In Konstanz einkaufen bis 24 Uhr

Derweil sieht Schläpfer zu, wie die Branche im grenznahen Deutschland mit neuen Grossmärkten weiter aufrüstet, um die immer zahlreicher werdende Schweizer Kundschaft zu bedienen. Dabei sei das doch auch «ökologisch fragwürdig». Er ärgert sich vor allem über die ungleich langen Spiesse. Und die Rahmenbedingungen würden sich teilweise sogar noch zu ungunsten der Schweizer Branche verschlechtern. Als Beispiel nennt Schläpfer den Grosshändler Rewe, welcher seine Märkte nun in ganz Deutschland bis 24 Uhr öffnen will. «Da können wir mit unseren restriktiven Ladenöffnungszeiten nicht mehr mithalten.»

Was geschieht, wenn die Resultate der GFK-Studie vorliegen? Will man dann Kampagnen starten, wie das der Schweizerische Gewerbeverband diesen Frühling getan hat? Mit dem Slogan «Ja zur Schweiz – hier kaufe ich ein» auf einer Einkaufstasche mit Schweizer Kreuz wurde geworben. Das Echo war damals übrigens nicht nur positiv: «Peinliche Patrioten», lautete der Titel des Kommentars in der «Basler Zeitung» zum Beispiel. Der Verband selber zieht eine positive Zwischenbilanz (siehe Box links).

Keine Kampagnen

Schläpfer will nichts von Öffentlichkeitskampagnen wissen. Vielmehr sollen ihm die Zahlen Grundlagen für den politischen Kampf bieten. Und den führe man mit voller Kraft. Er nennt die Parallelimporte, die man durchgebracht habe, aber auch das Cassis-de-Dijon-Prinzip. Das reiche allerdings noch bei weitem nicht. Weiter ansetzen will er beim Kartellgesetz, beim Agrarfreihandel – wo es zwar gerade einen Rückschlag gab – aber auch bei der Lockerung des Ladenöffnungszeitenregimes.

Erstellt: 05.10.2012, 14:14 Uhr

Gewerbeverband: Positive Zwischenbilanz

Im April lancierte der Schweizerische Gewerbeverband eine Kampagne gegen den Einkaufstourismus: «Ja zur Schweiz – hier kaufe ich ein!» Henrique Schneider, verantwortlicher Ressortleiter, zieht eine positive Bilanz: 100'000 Unternehmen hätten mitgemacht (Taschen verteilt und Poster aufgehängt), 600'000 Tragtaschen seien verteilt worden und die teilnehmenden Geschäfte hätten höhere Umsätze verbucht. Wobei Letzteres nicht in Zahlen und Fakten vorliege. Für eine Schlussbilanz sei es noch zu früh, sagt Schneider. (cpm)

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