Endlose Jagd auf die Fälscher

In Biel kämpft ein kleines Team des Schweizerischen Uhrenverbandes gegen die globale Fälschungsindustrie. Diese lässt sich jedoch immer neue Tricks einfallen.

Dutzende Millionen gefälschte Schweizer Uhren werden jedes Jahr verkauft.

Dutzende Millionen gefälschte Schweizer Uhren werden jedes Jahr verkauft. Bild: Nick Baylis/Alamy

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Es gibt wieder einiges zu tun. Kleine Flaggen der USA, der Niederlande, Brasiliens und anderer Länder erscheinen auf dem Bildschirm von Carole Aubert, dahinter immer eine Internetadresse. Sie klickt darauf und gelangt auf einen Shop für Luxusuhren. Der Rechtsanwältin reichen ein, zwei Blicke auf die Seite, und der Befund ist klar: Ihr ist ein weiterer Fälschungs-Verkäufer ins Netz gegangen.

Die Internetläden mit den gefälschten Schweizer Uhren zu finden, ist der weniger schwierigere Teil von Carole Auberts Aufgabe. Den Shop stillzulegen, ist der zweite Teil. Denn anders als einen physisch greifbaren Laden kann man ihn im Internet nicht einfach räumen und versiegeln lassen. Eine Website kann innert Minuten auf einen neuen Server in einem anderen Land gezügelt werden, und Auberts Arbeit beginnt von Neuem – denn die Fälscherbranche ist eine tausendköpfige Hydra.

Professionell ausgestattete Werkstätten

Aubert leitet beim Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie die Internet Unit, die Abteilung zur Fälschungsbekämpfung im Internet. Das Team in Biel besteht aus drei Personen, die sich zwei Stellen teilen. Ihnen stehen Hunderte, wenn nicht Tausende von Websitebetreibern gegenüber. Wo diese zu Hause sind, wissen Aubert und ihre beiden Mitarbeiter nicht. Sie wissen nur, wo die Server der Fälschungs-Shops stehen: dort, wo die Rechtslage für diese günstig ist. So führen die Spuren der Websites oft in die USA, in die Niederlande oder nach Schweden.

Der Uhrenverband weiss auch, dass die allermeisten der gefälschten Uhren aus China kommen. Dort stellen die ­Fälscher in professionell ausgestatteten Werkstätten Kopien diverser Schweizer Uhrmarken her. Ganz oben auf der Liste der populären Fälschungen steht Rolex – die Genfer Marke ist ein Synonym für Schweizer Luxusuhren. Kaum fehlen dürfen in den Internetshops auch Omega, eine Marke der Swatch-Gruppe, Breitling aus Grenchen und Hublot, eine Schweizer Tochter des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH.

Der Uhrenverband schätzt, dass jährlich «Dutzende Millionen» gefälschte Schweizer Uhren verkauft werden und dass damit ein Gewinn von einer Milliarde Franken erzielt wird.

Die Internetläden machen den Kunden nichts vor: Sie bezeichnen ihre Uhren selbst als «Fake» oder eleganter als «Replica». Dass diese Kopien Marken- und Patentrechte verletzen, ist nirgends zu lesen. Ein deutschsprachiger Shop macht jedoch keinen Hehl daraus, dass er jüngst aus juristischen Gründen seine Internetadresse wechseln musste: «Diese wurde nach einem langjährigem Gerichtsverfahren mit den Schweizer Uhrenherstellern abgeschaltet. Wir sind jedoch darauf vorbereitet gewesen und haben die Domain einfach umgeschaltet.»

Software verschickt Mahnungen

Die ausgeklügelte Software des Uhrenverbands sucht das Internet permanent nach verdächtigen Websites ab. Der Verband hat sie mit der Berner Fachhochschule entwickelt. Ist sich das Programm sicher, dass es sich um einen Verkäufer von Fälschungen handelt, schickt es dem Betreiber des Servers automatisch ein E-Mail mit der Aufforderung, die betreffende Internetsite zu schliessen. Ist sich das Programm nicht sicher, wirft Aubert einen Blick darauf und entscheidet, ob ein Mahnschreiben verschickt wird.

Wenn der Betreiber des Servers den Fälschungs-Shop von seinem Rechner verbannt, verschwindet der Laden von der Bildfläche. Das gilt auch für die Fälle, in denen die Internetadresse eines Shops beschlagnahmt wird. Doch der Shop selbst wird bald darauf auf einem neuen Server oder unter einer anderen Internetadresse wieder auftauchen.

Carole Auberts Gegenspieler verstecken sich in der Anonymität. Wenn ihre Abteilung bei Fälschern Testbestellungen aufgibt, treffen die Pakete aus Asien und aus Europa ein. Von einem Polizisten in Deutschland hat der Uhrenverband erfahren, dass junge Deutsche gefälschte Uhren aus Asien im Dutzend bestellen und mit einer stolzen Gewinnmarge über ihren Internetshop weiterverkaufen.

Weil per Kreditkarte oder über das Online-Überweisungssystem Paypal bezahlt wird, sind von den Verkäufern keine Kontoangaben bekannt. Der Uhrenverband hofft, den Fälschern das Wasser auf zwei andere Arten abzugraben:

  • Versand: Mitarbeiter des Verbands schulen Zöllner in diversen Ländern, sodass sie verdächtige Pakete, etwa solche aus China, genauer unter die Lupe nehmen können. Das ist nicht immer einfach, denn die Versender sind einfallsreich: Sie verpacken die Uhren in einen kleinen, billigen Lautsprecher und deklarieren auf dem Zollformular nur diesen. Fälschungen wurden auch schon in defekten CD-Laufwerken oder in Plastikspielzeugen gefunden.
  • Geldströme: Wenn Käufer nicht mehr übers Internet bezahlen könnten, würde das viele Geschäfte verhindern. Mastercard und Visa selbst können dem Uhrenverband jedoch nicht direkt helfen, denn die Kreditkartenkäufe im Internet werden über Intermediäre abgewickelt. Der Uhrenverband möchte erreichen, dass Intermediäre, die mit Fälschern zusammenarbeiten, von den Kredit­kartenfirmen gesperrt werden.

Aubert klickt einen Fälschungs-Shop an, der mit der «hohen Qualität» seiner Rolex-Imitate wirbt. Sie wird versuchen, auch diese Site vorübergehend vom Internet zu drängen. Ist das frustrierend? «Es ist eine Arbeit ohne Ende», sagt sie.

Erstellt: 24.03.2014, 22:55 Uhr

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