Entlassene Kaderfrau will 2 Millionen Franken von Nestlé

Yasmine Motarjemi wirft ihrem ehemaligen Vorgesetzten vor, sie schikaniert, gedemütigt und ihre Karriere zerstört zu haben.

Yasmine Motarjemi soll von ihrem Vorgesetzten jahrelang herabgesetzt und diskreditiert worden sein. Foto: Nicolas Brodard pour Sept.info

Yasmine Motarjemi soll von ihrem Vorgesetzten jahrelang herabgesetzt und diskreditiert worden sein. Foto: Nicolas Brodard pour Sept.info

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Paul Bulcke, Chef des Waadtländer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, erlebt hektische Zeiten. Im Juni reiste er nach Indien, um sich in der Affäre um die angeblich mit Blei verseuchten Fertig­nudeln der Marke Maggi zu erklären. Am 30. Juni entschied ein Gericht in Bombay, dass Nestlé die in Indien produzierten Nudeln zwar nicht mehr im Inland verkaufen, aber nach wie vor exportieren darf.

Nun muss sich Paul Bulcke zusammen mit der erweiterten Nestlé-Spitze bereits auf den nächsten aussergewöhnlichen Gerichtstermin vorbereiten. Es geht um eine Mobbing-Klage, die Yasmine Motarjemi gegen die Nestlé-Tochter Nestec SA eingereicht hat, nachdem sie vom Konzern im Januar 2010 entlassen worden war. Die dem Bezirksgericht Lausanne angegliederte Kammer für vermögensrechtliche Angelegenheiten des Kantons Waadt teilte am 25. Juni dem Konzern mit, sie erwarte den CEO und weitere hohe Nestlé-Kader am 16. Dezember zu einer Anhörung. Nebst Bulcke verlangt das Gericht auch das Erscheinen von José López, Generaldirektor für Konzernoperationen, Jean-Marc Duvoisin, CEO von Nespresso und ehemaliger Nestlé-Personalchef, sowie von Francisco Castañer, bis 2010 Generaldirektor mit Verantwortung für Personal und Administration. Gerichtspräsidentin Katia Elkaim bestätigte Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Zeugenbefragung. Die Anhörung dürfte öffentlich sein, vorausgesetzt das Gericht rückt nicht von seinen Gepflogenheiten ab.

Nestlé wollte die Namen der als Zeugen vorgesehen Kader mit dem Verweis auf «das laufende Verfahren» nicht bestätigen. Man werde die eigenen Argumente beim zuständigen Gericht vorbringen, teilte der Konzern mit. Gegen die von der 60-jährigen Klägerin und ihrem Anwalt Bernard Katz beantragte Zeugenliste hatte Nestlé bis vor Kantonsgericht rekurriert, scheiterte aber. Die Mobbing-Vorwürfe weist Nestlé zurück. «Wir tolerieren kein Mobbing. Alle Behauptungen in diesem Bereich werden ernst genommen und untersucht», sagt Sprecherin Nina Caren Kruchten.

Streit wegen Babybiskuits

Die Anschuldigungen von Yasmine Motarjemi an die Adresse der Nestlé-Chefetage sind happig. Das zeigt die 115 Seiten lange Klageschrift. Im Jahr 2000 wurde die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgeworbene Spezialistin für Nahrungsmittelsicherheit konzernintern als «Expertin mit internationaler Reputation» präsentiert. Die im Iran geborene Frau hatte international Karriere gemacht: Dem Studium in Frankreich folgte ein Doktorat in Schweden. Später arbeitete sie in den USA und schliesslich bei der WHO in Genf. In der konzerneigenen Lebensmittelkontrollstelle, wo sie als Food-Safety-Manager tätig war, fehlte es nicht an Arbeit. 2001 warnte Motarjemi, dass Babynahrungsprodukte zu hohe Dosen der Vitamine A und D enthielten. 2002 standen Babybiskuits von Nestlé in Frankreich in Verdacht, bei Säuglingen Erstickungsanfälle auszulösen. Yasmine Motarjemi wollte die Produktion stoppen, um den Vorfällen auf den Grund zu gehen. Am Ende einigte man sich darauf, eine andere Mehlsorte zu benützen und das Mindestalter für den Konsum der Biskuits von 8 auf 15 Monate zu erhöhen. 2005 kam es zu einem weiteren Vorfall: Bei Nestlé-Babynahrungslösungen in Italien wurden Spuren der Tintenchemikalie ITX gefunden. Sie stammten von den Ver­packungen.

Bis Ende 2005 beurteilten die Vorgesetzten Yasmine Motarjemis Leistungen gemäss mehrerer Beweisstücke stets mit «weit über den Erwartungen», obwohl sie kein Pflichtenheft hatte, ihr Tätigkeitsfeld für die Nahrungsmittelsicherheit also nicht genau definiert war.

Das Zerwürfnis mit Nestlé begann 2006, als die Abteilung Qualitätsmanagement in der Konzernzentrale in Vevey VD und damit auch Yasmine Motarjemi einen neuen Chef bekam. R. S. kam als Qualitätsmanager von Nestlé Frankreich nach Vevey. Die beiden waren in der Affäre um die Kinderbiskuits bereits einmal wegen Meinungsverschiedenheiten aneinandergeraten. In diesem Stil ging es weiter. In der ersten Leistungsbeurteilung stellte R. S. seiner Untergebenen ein miserables Zeugnis aus. In der Klageschrift heisst es, R. S. habe für staatliche Lebensmittelkontrolleure, aber auch internationale Organisationen wie die WHO wenig Respekt gehabt. R. S. soll Yasmine Motarjemis Vorschlag zur Verbesserung der Sicherheit eines Produktes in einem Schulungsvideo mit den Worten «Quack Quack der WHO» bezeichnet haben.

Gemäss Aussagen der Klägerin habe R. S. sie gegenüber Mitarbeitern ständig herabgesetzt, diskreditiert, ihr kontinuierlich Verantwortung entzogen, Aufgaben an ihr Unterstellte delegiert und am Ende ihr siebenköpfiges Team aufgelöst. Während Untersuchungen in Fällen von melaminverseuchtem Weizengluten aus China und E.-coli-Bakterien in Nestlé-Keks-Teigen in den USA in den Jahren 2007 und 2008 versuchte Yasmine Motarjemi zwar noch ihr Wissen einzu­bringen es schien aber nicht mehr gefragt zu sein.

Nestlé soll 2,1 Millionen zahlen

Zwar wehrte sich Yasmine Motarjemi während Monaten gegen ihre Diskreditierung. Doch ohne ihr Wissen wirkte R. S. offenbar schon lang auf ihre Versetzung hin. Als sie 2008 via R. S.’ Assistentin ein Mobiltelefon der Marke Blackberry beantragte, um die Kommunikation in Krisenfällen lesen zu können, schrieb R. S. zurück: «Kein Blackberry nötig angesichts ihres Transfers.» Gemäss der Klägerin soll die Assistentin auch ihre E-Mails gelesen und so erfahren haben, dass sie sich einer Operation unterziehen musste.

Schliesslich stellte sich heraus, dass die ahnungslose Yasmine Motarjemi in einem Forschungszentrum einen neuen Arbeitsplatz bekommen sollte, was sie nach Bekanntwerden nicht akzeptieren wollte. Stattdessen schaltete sie wegen des Konflikts mit ihrem Vorgesetzten die Personalabteilung ein und wandte sich schliesslich an eine externe Beratungsfirma, die Nestlé-Angestellte bei Konflikten kontaktieren können. Doch bei der externen Firma verwies man am Ende wieder auf die Personalabteilung. Dort bedeutete man Yasmine Motarjemi: Bei Nestlé sei es nicht opportun, Vorgesetzte infrage zu stellen.

Am Ende informierte sie Nestlé-CEO Paul Bulcke und ihr Dossier gelangte gar auf das Pult von VR-Präsident Peter Brabeck-Letmathe. Doch ihr Wunsch nach einer Administrativuntersuchung zur Validierung ihrer Arbeit blieb unerfüllt. Auch der Vorschlag, eine Akademie für Nahrungsmittelsicherheit zu gründen, um weltweit Tausende Nestlé-Angestellte und Zulieferer auszubilden, wurde abgelehnt. Gemäss Yasmine Motarjemi sorgte R. S. sogar dafür, dass sie an internationalen Konferenzen Nestlé nicht mehr als Expertin für Nahrungsmittelsicherheit vertreten durfte, obwohl sie vor allem wegen persönlicher Beziehungen eingeladen worden war. In der Klageschrift heisst es zu diesem Punkt: «Das Ziel dieses Manövers war, die Klägerin beruflich zu eliminieren, um sie hin zu einer Kündigung zu drängen, in den Krankenstatus oder gar in den Suizid.»

Nestlé kündigte Yasmine Motarjemi im Januar 2010 und bot ihr 300'000 Franken Abgangsentschädigung an. Sie lehnte ab. Zwar publizierte sie danach eine Enzyklopädie für Nahrungsmittelsicherheit, gab in den USA einen preisgekrönten Führer für die Sicherheit in der Nahrungsmittelindustrie heraus, schreibt Artikel für wissenschaftliche Zeitschriften und tritt bei UNO-Organisationen und an Anlässen des Europarats regelmässig als Expertin auf, doch die ehemalige Kaderfrau fühlte sich von Nestlé gedemütigt, wirkt bis heute erschöpft und kämpft mit psychischen Problemen. Dafür macht sie Nestlé verantwortlich und verlangt vom Konzern eine moralische Wiedergutmachung von einem symbolischen Franken. Darüber hinaus soll Nestlé 2 Millionen Franken für verlorene Gehälter bis zur ordentlichen Pensionierung im Jahr 2019 und 100'000 Franken Kostenentschädigung für medizinische Behandlungen zahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2015, 08:11 Uhr

Paul Bulcke

Konzernleiter Nestlé

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