Er ist das Amt – das Amt ist er

Wer ist Thomas Jordan? Der Präsident der Nationalbank bewegt die Welt und bleibt selbst kühl, sehr kühl.

Auf Boulevard spezialisierte Medien verzweifeln an Thomas Jordan: nirgends Schmutz, kaum erkennbares Privat­leben.

Auf Boulevard spezialisierte Medien verzweifeln an Thomas Jordan: nirgends Schmutz, kaum erkennbares Privat­leben. Bild: Keystone

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In Thomas Jakob Ulrich Jordan, so der Taufname, lebt der Gedanke von repräsentativer Öffentlichkeit fort. Jordan ist eine Institution, ohne Insignien und dabei ganz und gar schweizerisch. Ihre Zeichen sind Weglassungen. Jordan lebt im Bewusstsein, dass jedes Zwinkern, jedes Lächeln, jeder Kratzfuss Einfluss auf die Märkte hat. Deshalb: keine grossen Gesten, kein Theater. Das Auftreten ist geprägt von der Aufgabe gepaart mit Selbstaufgabe. Die Botschaft: Ich bin nicht ich, ich bin die Schweizerische Nationalbank.

Jordan könnte in seinem weissen Hemd, dem dunklen Anzug mit Krawatte, der teilumrahmten Herrenbrille und den unmodisch plafonierten Schuhen auch in der Basellandschaftlichen Kantonalbank den Schalterdienst versehen. Er würde nicht auffallen. Er sei ein freundlicher Schalterbeamter, würde vielleicht eine Kundin sagen, schnell im Kopf, stets gut rasiert.

Chinesische Mauer

Als Jordan letzte Woche bekannt gab, dass die Schweizerische Nationalbank den sogenannten Mindestkurs aufgibt, war er wie immer: kontrollierte Stimme, kontrollierte Miene. Kein Zucken. Eine wandelnde Chinesische Mauer, die ausnahmsweise etwas nach aussen dringen lassen musste, daher vielleicht ein leiser Anflug von Leiden: «Die Schweizerische Nationalbank hat beschlossen, den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro per sofort aufzuheben und ihn nicht mehr mit Devisenkäufen durchzusetzen.»

Die Rede ab Blatt löste «Schock­wellen» und «Erdbeben» aus, wie die Zeitungen schrieben – das Epizentrum war der Stoiker selbst, der behäbig wirkende Berner Thomas Jordan.

Die Welt spekulierte, was der Entscheid bedeuten möge. «Es kann ein heroischer Moment sein oder ein tragischer», urteilte Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann im Blick. Alles hänge davon ab, ob sich der Euro auf einem für die Schweizer Wirtschaft annehmbaren Niveau stabilisiere. Noch müssen wir also auf die Geschichte warten. Zeit, um sich dem Mensch Jordan zuzuwenden.

Eine Bilderbuchkarriere

Gemeinsam mit zwei Brüdern wuchs Jordan im Bieler Beaumontquartier auf, ging ins Gymi Alpenstrasse und studierte später Wirschaftswissenschaften in Bern. Seine Doktorarbeit schrieb er über die Europäische Währungs­union bei Ernst Baltensperger, jenem Mann, der bis heute als Jordans Mentor gilt. Die Karriere lief wie geschmiert: Harvard, Privatdozent in Bern, Titularprofessor, seit 1997 Nationalbank. 2012 Präsident des Direktoriums.

Auf Boulevard spezialisierte Medien verzweifeln an Jordan: nirgends Schmutz, kaum erkennbares Privat­leben. Er ist verheiratet mit einer Frau, die er noch als Teenager kennenlernte, und die heute an einer Fachhochschule als Englischdozentin arbeitet. Zusammen haben sie zwei Söhne und leben in Küsnacht (ZH). Alles ist normal, unaufgeregt; alles andere würde sich der Präsident der Nationalbank auch verbieten. Er möge Hodler und klassische Musik, heisst es – das mögen viele.

Über Extravaganzen ist im bescheidenen Leben des Thomas Jordan nichts bekannt. Mit einer Ausnahme, auf die er nicht gerne angesprochen werde, wie ein Finanzexperte meint. «Er hat ein riesiges amerikanisches Auto, ein Benzinschlucker Sondergleichen.» Der Mann vermutet, dass Jordan streng erzogen worden sei und mit seinem Cadillac Escalade nun Passionen fröne, die ihm stets verwehrt waren. Er komme ihm in dieser Hinsicht wie ein «spätpubertärer Töfflibueb» vor, so die Interpretation des Bekannten.

Während sein Vorgänger Philipp Hildebrand in der Schweizer Schwimm-­Nationalmannschaft brillierte, kämpfte Jordan in seiner Jugend mit anderen Männern im Wasser.

Tritte unter Wasser

Wasserball, die Sportart gilt als äusserst hart und aggressiv: Unter dem Wasserspiegel setzt es Tritte und Püffe ab. Die Hosen müssen eng sein, weil die Gegenspieler ständig daran herumzerren. Heute macht der 1.90-Meter-­Kasten noch ein bisschen Fitness und Krafttraining, wie er selber sagt.

Während sein Vorgänger Hildebrand ein wortgewandter, mondäner Typ war, der den öffentlichen Auftritt liebte, ist Jordan zurückhaltend, «kein Showman», wie ein Kenner der Nationalbank meint. Wenn es hart auf hart kam, habe Hildebrand aber trotzdem Jordan vorgeschickt, «so war es auch Jordan, der in der Too-big-to-fail-Kommission war, obwohl da eigentlich Hildebrand hätte sein müssen».

In einem Interview beschrieb Thomas Jordan seine Aufgabe als Allroundjob: «Man ist rund um die Uhr jeden Tag Zentralbanker – auch am Wochenende und in den Ferien.» Alt-Bundesrat Christoph Blocher würdigt dieses Engagement, das Jordan idealtypisch verkörpert, auf seine Weise: «Jordan ist eine graue Maus, aber alle guten Notenbanker sind graue Mäuse.»

«Hochprofessionell» nennt ihn ein Wirtschaftsjournalist, der Jordan schon seit vielen Jahren kennt. Was Jordan darstelle, das sei er auch. Ob die Kamera laufe oder nicht, er sei stets derselbe – Zurückhaltung weiche nicht plötzlich einer Gelöstheit, geschweige denn Vertraulichkeit. Zwar könne es sein, dass er gelegentlich einen Witz mache. Dieser sei aber meist nicht witzig. «Witze», sagt der Informant, seien ohnehin «nicht Jordans Stärke».

Ausweichen als Aufgabe

Letzten Samstag führte die NZZ ein Interview mit Jordan, man hätte es auf wenige Sätze zusammenstreichen können: «Sind Sie überrascht von der Heftigkeit der Reaktionen der Märkte?» – «Uns war bewusst, dass wir einen sehr weitreichenden Entscheid treffen (...).» «Sie erhoffen sich also, dass sich der Franken wieder abschwächt.» – «Was wir jetzt beobachten, ist ein massives Überschiessen.» Sehr oft sagt er: «Uns ist bewusst.» Sehr wenig sagt er: «Ja» oder «Nein». Gerne sagt er: «Es ist zu früh», oder «Das kommt darauf an.» Seine Aufgabe ist auch auszuweichen.

Es scheint, dass Jordan weitgehend das darstellt, was er auch ist. Zwei Fragen zum Schluss: Wer ist Thomas Jordan also? Thomas Jordan ist die Schweizerische Nationalbank. Gibt es einen Menschen Thomas Jordan? Vielleicht. Wenn, dann aber erst nach seiner Zeit bei der Nationalbank. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.01.2015, 11:19 Uhr

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