Kopf des Tages

Er verkaufte an Google

Der Zürcher Softwareentwickler Christian Reiter hat erfolgreich an Google verkauft. Seine Firma, nicht sich selber.

Bezeichnet sich selber als Entrepreneur und Computer Scientist: Christian Reiter.

Bezeichnet sich selber als Entrepreneur und Computer Scientist: Christian Reiter. Bild: PD

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Sie waren vier ETH-Studenten mit einer Idee. Die Idee war so gut, dass sich bald Google dafür interessierte. Drei von ihnen arbeiten nun für den IT-Giganten. Geblieben ist Christian Reiter, 24, Informatiker, Mitgründer der Firma Bitspin, Mitentwickler der App Timely, einer «übertrieben eleganten Applikation», wie das «Wall Street Journal» schreibt. Anfang Woche wurde bekannt, dass Google Bitspin kauft – und drei ihrer vier Entwickler gleich mit. Über den Deal darf auch Reiter nicht sprechen. Aber sonst über alles.

Wenn Christian Reiter die Geschichte des Start-ups erzählt, dauert sie nicht lange. Sie handelt von einem kleinen Unternehmen, für das Erfolg gleichzeitig das Aus bedeutet. Bitspin wurde im Oktober des vergangenen Jahres ins Handelsregister eingetragen – und wird dort wohl bald als inaktiv geführt. Die vier haben alles korrekt eingeschätzt – ausser das Ende der Firma. Dass sie gemeinsam gut funktionieren, war spätestens nach einem Programmierwettbewerb in Pennsylvania klar. Selim Cinek, Jorim Jaggi, Adrian Roos und Christian Reiter reisten vor knapp einem Jahr für ein Wochenende in die USA.

40 Stunden Zeit

Sie hatten 40 Stunden Zeit, um eine Applikation zu entwickeln. Sie litten von der ersten Stunde an unter dem Jetlag und präsentierten zum Schluss ein Progrämmchen, das die Jury mit dem zweiten Platz und 2500 Dollar Preisgeld auszeichnete. Ihre Applikation erlaubte es, mit dem Smartphone einen beliebigen Gegenstand einzuscannen. Beim Betrachten, so die Idee, musste sich ein 3-D-Erlebnis einstellen – ohne das Handy zu bewegen. Über die Kamera wurde die Bewegung des Betrachters erfasst, entsprechend drehte sich das Objekt auf dem Bildschirm. «Es ging um das Benutzererlebnis», sagt Reiter. Ein Wort, dass er oft verwendet.

Ihr nächstes Projekt gingen sie mit gut schweizerischer Gründlichkeit an. Sie mieteten eine Neubauwohnung in Seebach, gründeten eine WG und eine GmbH, analysierten den Markt. Der Plan: eine App entwickeln, die mindestens so viel Geld bringt, dass sie während ein bis zwei Jahren an einer grossen Idee arbeiten können. Das Wohnzimmer wurde zum Labor, sie entwickelten eine Weckerapplikation für Androidgeräte. Nicht spektakulär, aber erfolgreich. Innerhalb der ersten 30 Stunden wurde Timely auf mehr als 100'000 Geräten installiert. Eine einfache Variante des Weckers war gratis, die Vollversion kostete 4 Franken. Die Nutzer lobten das Design und die Funktionalität – und das Benutzererlebnis. Glaubt man dem «Wall Street Journal», dürfen Cinek, Jaggi, Roos und Reiter für sich in Anspruch nehmen, die Uhrmachertradition der Schweiz in die Zukunft gerettet zu haben. Die Downloadzahlen hielten sich konstant hoch. Das blieb bei Google nicht unbemerkt.

Christian Reiter hat als Einziger der Versuchung widerstanden, sich von Google anstellen zu lassen. Selber formuliert er es vorsichtiger: Er sei zu jung, um seine Unabhängigkeit aufzugeben. Seine Berufsbezeichnung auf Linkedin: Entrepreneur und Computer Scientist. Er will seinen Ideen nachgehen, seine eigenen Gedanken weiterentwickeln. Und derer sind viele. Reiter sagt, es falle ihm schwer, nicht an das Programmieren zu denken. Er arbeitet bereits an einem neuen Prototyp. Findet er neben der Arbeit Zeit, programmiert er an einem Spiel. Er nennt das Freizeit.

Erstellt: 09.01.2014, 08:51 Uhr

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