Erdogans Leitzins-Hass lässt Währung abstürzen

Die türkische Lira verliert an Wert. Investoren drängen Politiker und Finanzakteure, sich gegen den Präsidenten aufzulehnen.

Türkischer Präsident Erdogan: Erklärter Feind der Leitzinsen.

Türkischer Präsident Erdogan: Erklärter Feind der Leitzinsen. Bild: EMRAH GUREL/Keystone

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Die türkische Lira fällt von einem Rekordtief ins nächste. Innerhalb eines Monats hat die Währung 14,64 Prozent ihres Werts eingebüsst. Zeitweise lag der Kurs am Mittwoch bei fast 5 Lira pro Dollar. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren es noch 3,56 Lira. Grund für den jüngsten Absturz der Währung von vergangener Nacht war eine Warnung der Ratingagentur Fitch. Die Politik von Präsident Erdogan, so Fitch in einer Mitteilung vom Dienstag, werde zunehmend zum Problem. Es sei möglich, dass die Unabhängigkeit der Zentralbank des Landes nach den Wahlen am 24. Juni nicht mehr gegeben sei.

Grund für die Warnung von Fitch: Der Präsident hält Leitzinsen für die «Mutter alles Bösen», wie er kürzlich an einer Konferenz in Ankara ausrief. Und das ist ein Problem, denn die Notenbank könnte mit einer Erhöhung den Absturz der Währung eindämmen. Zuletzt hatte die Zentralbank das im April getan und so den Zorn Erdogans auf sich gezogen. Der Druck auf die Währung hatte allerdings zumindest zeitweise etwas abgenommen.

Erdogan wittert Verschwörung aus dem Ausland

Eine Erhöhung der Leitzinsen kommt für Erdogan künftig aber nicht mehr infrage, im Gegenteil: Nach den Neuwahlen am 24. Juni werde sein Land «siegreich aus dem Kampf gegen die Leitzinsen hervorgehen» und diese sogar weiter senken. Und genau diese Aussagen bereiten den Fitch-Analysten Sorgen. Die Aussagen Erdogans seien eine «explizite Drohung zur Einschränkung der Unabhängigkeit der Zentralbank». Auch die Ratingagentur S&P erklärte am Dienstag, es sei möglich, dass sie ihr Rating, das mit BB- ohnehin schon auf Ramschniveau liegt, noch weiter nach unten anpassen könnte.

Erdogan selbst gibt auf das Wort von Fitch, S&P und Co. wenig. Die Ratingagenturen seien von ausländischen Regierungen instrumentalisiert worden, um die Türkei zu schwächen, so seine Überzeugung. Und eine Umfrage der unabhängigen Agentur Metropoll im Land zeigt: 42 Prozent der Türken glauben ebenfalls, dass man sich im Ausland gegen die Türkei verschworen hat.

Investoren fordern nun die anderen türkischen Politiker zum Handeln auf. Es sei Zeit für Offizielle wie den Finanzminister Naci Agbal und Zentralbankchef Murat Cetinkaya, ihren Job aufs Spiel zu setzen und Erdogan zu sagen, dass er einen Fehler macht, so Tim Ash auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Ash ist bei Bluebay Asset Management für Schwellenländer zuständig.

Nordzypern erwägt andere Währung

Besorgt über den Verfall der Lira ist auch der Premierminister von Nordzypern. Nur von der Türkei wird Nordzypern als Staat anerkannt. Dort zahlt man daher ebenfalls mit türkischen Lira – noch. Premier Tufan Erhürman erwägt nämlich, im schlimmsten Fall auf eine andere Währung zu wechseln. «Wenn wir gewisse Probleme mit der türkischen Lira erleben, die ausserhalb unserer Kontrolle liegen, dann müssen wir das offen mit der Türkei diskutieren», so Erhürman. Die Gespräche hätten bereits begonnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2018, 17:50 Uhr

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