Porträt

Erfahrener Erneuerer, der auch eine Airline leitet

Noch ein Investmentbanker, sagen Kritiker zur Wahl von Sergio Ermotti zum UBS-Chef. Doch der Tessiner hat bei der italienischen Unicredit vorgemacht, wie man faule Geschäfte runterfährt. Das Porträt.

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Als potenzieller Nachfolger von Oswald Grübel ist Sergio Ermotti (51) Anfang April zur UBS gestossen – nun hat er das Ruder viel schneller übernommen, als die Auguren nach seiner Ernennung zum Chef des Bereichs Europa, Naher Osten und Afrika vorausgesagt hatten. Als CEO ad interim muss er jenen Umbau der UBS weiterführen, den Grübel nach dem Beinahe-Kollaps der grössten Schweizer Bank eingeleitet hat. Je nach Sichtweise muss er jenen Umbau auch erst richtig einleiten: Für Skeptiker beweist der Milliardenverlust der UBS in London nämlich, dass sich die Risikokultur innerhalb der Bank nicht wirklich verändert habe.

Mit der Personalrochade werde sich nichts ändern, monieren nun dieselben Skeptiker, weil mit Ermotti ausgerechnet ein Investmentbanker an der Spitze der UBS stehe. Die ersten Statements des Tessiners scheinen diese Befürchtungen zu bestätigen. Zwar würden gewisse Geschäfte und das Kontrollwesen überprüft, aber eine Abspaltung oder gar Aufgabe der Investmentbank stehe nicht zur Debatte, sagte Ermotti gegenüber den Medien. «Wir müssen auch an den Mehrwert des Investmentbankings denken, das uns Synergien mit der Vermögensverwaltung bringt», hatte er Anfang Mai im «Corriere del Ticino» gesagt. Tatsächlich spielte das Investmentbanking in Ermottis bisheriger Karriere eine zentrale Rolle. Im amerikanischen Finanzkonzern Merrill Lynch hatte er es zur Nummer 2 in dieser Sparte gebracht, bevor er 2005 zur grössten italienischen Bank Unicredit wechselte – wo er gar die Leitung derselben Sparte übernahm.

Anderseits war Ermotti bei der Unicredit nicht nur Investmentbanker. Seine Abteilung umfasste auch das Corporate und das Private Banking. Nach seinen eigenen Angaben machte das Firmenkundengeschäft rund 70 Prozent des Umsatzes seines Bereichs aus. Zudem war Unicredit im risikoreichen US-Geschäft, wie es beispielsweise die UBS betrieb, kaum präsent. Zwar unternahm die Bank einige Versuche, in diesen Markt einzusteigen. Aber als die Subprimekrise ausbrach, fuhr Ermotti diese Positionen ohne grösseren Schaden herunter und richtete das Geschäft auf die Kernmärkte Italien, Deutschland, Österreich und Osteuropa aus. Bereits vor der Krise musste er zudem grosse Mengen fauler Kredite der Bayrischen Hypo- und Vereinsbank (HVB) abbauen. Unicredit hatte die HVB 2005 übernommen, kurz vor Ermottis Amtsantritt.

Als «Profumo-Boy» kaltgestellt

Zu Unicredit geholt hat ihn CEO Alessandro Profumo, mit dem er bereits bei Merrill Lynch zusammengearbeitet hatte. In der italienischen Bank verkörperte Ermotti jene internationale Ausrichtung, die ihr Profumo verordnet hatte. Genau das wurde ihm zum Verhängnis, als die regionalen italienischen Bankenstiftungen Profumo im Konzert mit unzufriedenen deutschen Aktionären wegputschten. Als Ausländer und «Profumo-Boy» hatte der Tessiner keinen Platz mehr in der Teppichetage von Unicredit. Nachdem er bei der Nachfolge Profumos übergangen worden war und die neue Leitung seinen Aufgabenbereich eingeschränkt hatte, zog er die Konsequenz und ging.

Sein früherer Boss traut Ermotti zu, den schwierigen Job bei der UBS erfolgreich zu gestalten. «Er kennt das Investmentbanking sehr gut», sagte Profumo gegenüber Bloomberg, und helfen würden ihm auch seine breiten Kenntnisse der Märkte. Breite Kenntnisse der UBS konnte sich Ermotti in seinen bisherigen sechs Monaten aneignen. Als Leiter Europa, Naher Osten und Afrika hatte er einen klassischen Querschnittsjob – nicht nur geografisch weit gefächert, sondern auch, was das Zusammenspiel von Vermögensverwaltung und Investmentbanking angeht. Zudem konnte er sich ausführlich mit der Bankenregulierung befassen, die derzeit in praktisch allen Ländern verschärft wird.

Er sei sehr stolz auf das Vertrauen, das ihm der UBS-Verwaltungsrat entgegenbringe, sagte Ermotti den Medien. Dass er die Bank interimistisch leitet, erachtet er nicht als Misstrauensvotum, sondern als normalen Vorgang in einem Unternehmen, das sich neu positioniere. Am Investorentag im November will Ermotti seine Pläne für die UBS bekannt geben – vor allem im Bezug auf eine allfällige Redimensionierung des Investmentbankings.

Hotels und Fluggesellschaften

Sergio Ermotti hat das Bankgeschäft von der Pike auf gelernt. Nach einer Lehre bei der Corner Bank in Lugano wechselte er zur Citigroup in Zürich und anschliessend zu Merrill Lynch. Er gilt als unabhängiger Denker, als fairer und fordernder Vorgesetzter. Nach einer beachtlichen Karriere im Ausland steht er nun erstmals im Schaufenster seines Heimatlandes, wo er bisher weitgehend unbekannt geblieben war.

Ermotti ist verheiratet und Vater von zwei Jungen im Teenageralter. Er gilt als Familienmensch, der sein Wochenende wenn immer möglich im Tessin verbringt. Dort engagiert er sich auch ausserhalb des Finanzsektors. Er ist Verwaltungsratspräsident der Regionalfluggesellschaft Darwin Airline und zudem an Luxushotels beteiligt. Bis zum Eintritt in die UBS sass Ermotti im Verwaltungsrat von Tito Tettamantis Treuhandgesellschaft Fidinam. Auch der Tessiner Financier traut dem neuen UBS-Chef zu, die Aufgabe meistern zu können. Wer dem amerikanischen Investmentbanking gewachsen sei, verfüge über viel Durchsetzungsvermögen, sagte Tettamanti der «SonntagsZeitung». Zudem bezeichnete er Ermotti als «Kapitalisten mit dem Herzen am richtigen Fleck». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2011, 10:10 Uhr

Kommentar von Arthur Rutishauser

Schwache UBS-Führung

Was sich der Verwaltungsrat der UBS leistet, ist unverständlich. Nachdem es Kaspar Villiger und seinen Kollegen nach eigener Darstellung nicht gelungen ist, Oswald Grübel als Konzernchef zu halten – andere sprechen vom fehlenden Vertrauensbeweis –, folgt schon wieder ein personeller Fehlentscheid. Gemeint ist nicht die Ernennung von Sergio Ermotti zum neuen Chef. Gemeint ist, dass er nur zum CEO «ad interim» gewählt wurde.

Wenn man schon einen Generationenwechsel an der Spitze durchführt und wenn man schon sagt, der neue Kapitän müsse durch schwierige Wasser steuern: Warum denn eine Interimslösung? Warum gibt man Ermotti nicht eine definitive Chance?

Ermottis Job ist schon schwierig genug. Er muss innert nützlicher Frist die Investmentbank herunterfahren. Das bedingt einen schmerzhaften Jobabbau, wenn wirklich ernsthaft eine neue Strategie gewählt wird. Das bedingt auch, dass die Bilanz heruntergefahren werden muss, auch das ist keine einfache Sache, es geht um Milliardenbeträge. Nicht zuletzt muss Ermotti die Kultur innerhalb der Grossbank ändern. Die «New York Times» titelte letzte Woche, bei der UBS sei nicht nur ein Händler betrügerisch, sondern die ganze Bank, und listet all die Sünden der letzten Jahre auf, die in gerichtlichen Feststellungen von inakzeptablem Verhalten von Angestellten der UBS mündeten. Wenn das die wichtigste Zeitung der USA schreibt, müssten eigentlich alle Alarmglocken läuten.

Verschlimmert wird die Situation in der UBS-Führungsetage dadurch, dass mit Kaspar Villiger ein Präsident an der Spitze steht, der ebenfalls erklärtermassen eine Übergangsfigur ist und dies noch fast zwei Jahre bleiben will. Villigers Defizit fachlicher Natur kommt hinzu. Das hat sich am Wochenende erneut manifestiert. Villiger erklärte am Samstag am Konferenztelefon und am Sonntag im Interview, er habe bis vor einem Jahr nicht bemerkt, dass in der Finanzindustrie nach der Finanzkrise von 2008 ein Paradigmawechsel stattgefunden habe. Ein vorzeitiger Rücktritt sei trotzdem kein Thema. Hoffnung macht in dieser Beziehung eigentlich nur, dass Villiger auch sagte, einen Rücktritt müsse man bis zum Schluss dementieren, selbst wenn man sich insgeheim bereits dazu entschlossen habe.

Kommentar von Arthur Rutishauser

Schwache UBS-Führung

Was sich der Verwaltungsrat der UBS leistet, ist unverständlich. Nachdem es Kaspar Villiger und seinen Kollegen nach eigener Darstellung nicht gelungen ist, Oswald Grübel als Konzernchef zu halten – andere sprechen vom fehlenden Vertrauensbeweis –, folgt schon wieder ein personeller Fehlentscheid. Gemeint ist nicht die Ernennung von Sergio Ermotti zum neuen Chef. Gemeint ist, dass er nur zum CEO «ad interim» gewählt wurde.

Wenn man schon einen Generationenwechsel an der Spitze durchführt und wenn man schon sagt, der neue Kapitän müsse durch schwierige Wasser steuern: Warum denn eine Interimslösung? Warum gibt man Ermotti nicht eine definitive Chance?

Ermottis Job ist schon schwierig genug. Er muss innert nützlicher Frist die Investmentbank herunterfahren. Das bedingt einen schmerzhaften Jobabbau, wenn wirklich ernsthaft eine neue Strategie gewählt wird. Das bedingt auch, dass die Bilanz heruntergefahren werden muss, auch das ist keine einfache Sache, es geht um Milliardenbeträge. Nicht zuletzt muss Ermotti die Kultur innerhalb der Grossbank ändern. Die «New York Times» titelte letzte Woche, bei der UBS sei nicht nur ein Händler betrügerisch, sondern die ganze Bank, und listet all die Sünden der letzten Jahre auf, die in gerichtlichen Feststellungen von inakzeptablem Verhalten von Angestellten der UBS mündeten. Wenn das die wichtigste Zeitung der USA schreibt, müssten eigentlich alle Alarmglocken läuten.

Verschlimmert wird die Situation in der UBS-Führungsetage dadurch, dass mit Kaspar Villiger ein Präsident an der Spitze steht, der ebenfalls erklärtermassen eine Übergangsfigur ist und dies noch fast zwei Jahre bleiben will. Villigers Defizit fachlicher Natur kommt hinzu. Das hat sich am Wochenende erneut manifestiert. Villiger erklärte am Samstag am Konferenztelefon und am Sonntag im Interview, er habe bis vor einem Jahr nicht bemerkt, dass in der Finanzindustrie nach der Finanzkrise von 2008 ein Paradigmawechsel stattgefunden habe. Ein vorzeitiger Rücktritt sei trotzdem kein Thema. Hoffnung macht in dieser Beziehung eigentlich nur, dass Villiger auch sagte, einen Rücktritt müsse man bis zum Schluss dementieren, selbst wenn man sich insgeheim bereits dazu entschlossen habe.

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