Ermordung eines Gewerkschafters – Strafanzeige gegen Nestlé

Es sind happige Vorwürfe: Menschenrechtsanwälte beschuldigen den Lebensmittelkonzern, am gewaltsamen Tod eines Gewerkschafters in Kolumbien mitschuldig zu sein.

Anwälte werfen ihm Mitschuld vor: Auch gegen Nestlé-Präsident Peter Brabeck ist Strafanzeige eingereicht worden. (Archivbild)

Anwälte werfen ihm Mitschuld vor: Auch gegen Nestlé-Präsident Peter Brabeck ist Strafanzeige eingereicht worden. (Archivbild) Bild: Keystone

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Eine in Berlin ansässige Anwaltsgruppe hat bei der Staatsanwaltschaft Zug Strafanzeige gegen den Lebensmittelkonzern Nestlé und fünf Manager – darunter Peter Brabeck und Rainer E. Gut – eingereicht. Sie sollen die Ermordung eines kolumbianischen Gewerkschafters mitverschuldet haben.

Rund sechseinhalb Jahre nach der Ermordung des Gewerkschafters Luciano Romero in Valledupar, im Nordosten Kolumbiens, soll der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé für die Tat von kolumbianischen Paramilitärs geradestehen. Diese hatten den Gewerkschafter verschleppt, unter Folter verhört und durch 50 Messerstiche getötet.

Strafanzeige in Zug eingereicht

Die Anwaltsgruppe des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und die kolumbianische Lebensmittel-Gewerkschaft Sinaltrainal haben in Zug Strafanzeige gegen Nestlé und fünf Mitarbeiter eingereicht, wie ECCHR und Schweizer Nichtregierungsorganisationen mitteilten.

Die Strafanzeige wurde in Zug eingereicht, weil sich in Cham ZG einer der beiden Unternehmenssitze von Nestlé befindet. Die Zuger Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda den Eingang der Strafanzeige.

Davon betroffen sind neben der Firma Nestlé auch der Verwaltungsratspräsident und ehemalige Konzernchef Peter Brabeck, der ehemalige Verwaltungsratspräsident Rainer E. Gut sowie zwei weitere Schweizer und ein mexikanischer Nestlé-Kadermitarbeiter.

Unterlassene Schutzmassnahmen

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, durch Unterlassen von Schutzmassnahmen den gewaltsamen Tod des Gewerkschafters mitverursacht zu haben, wie es in der Strafanzeige heisst, die der sda vorliegt.

Der von der kolumbianischen Justiz bereits verurteilte Mord an Luciano Romero sei im Kontext eines über 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikts geschehen, schreibt ECCHR. Romero habe bereits vor seiner Ermordung während Jahren Todesdrohungen erhalten.

Dabei hätten auch leitende Mitarbeiter der kolumbianischen Nestlé- Tochter Cicolac eine Rolle gespielt, werfen ECCHR und Sinaltrainal dem Konzern vor. «Sie verleumdeten ihn und andere Gewerkschafter mehrfach als angebliche Guerilla-Kämpfer», schreiben die Autoren der Strafanzeige. Romero sei grundlos beschuldigt worden, für einen Bombenanschlag auf das Werksgelände von Cicolac verantwortlich zu sein. Romero war bis im Oktober 2002 bei Cicolac angestellt. Als Gewerkschafter vertrat er die Arbeiter in Verhandlungen über einen Kollektivvertrag.

Mit den Paramilitärs verbandelt

Die öffentlichen Diffamierungen seien für die Gewerkschafter lebensbedrohlich gewesen, argumentieren ECCHR und Sinaltrainal: «Denn die lokale Nestlé-Vertretung war auf mehreren Ebenen mit paramilitärischen Kreisen verflochten.» So seien beispielsweise gewisse Milchlieferanten von Cicolac mit den Paramilitärs verbandelt gewesen.

Die Schweizer Unternehmensführung habe von dem «Risikoverhalten» ihrer Kadermitarbeiter in Kolumbien und den daraus folgenden Gefahren für die Gewerkschafter gewusst, heisst es in der Strafanzeige. «Sie blieb dennoch untätig», kritisieren ECCHR und Sinaltrainal.

Ob dieses Verhalten strafrechtlich relevant ist, muss nun die Zuger Staatsanwaltschaft prüfen. Die Strafanzeige gegen Nestlé und deren Topmanager ist in einem solchen Zusammenhang einmalig: «Damit könnte ein Schweizer Unternehmen erstmals für im Ausland begangenes Unrecht in der Schweiz haftbar gemacht werden», schreibt der Verein Multiwatch im Namen zahlreicher Schweizer Nichtregierungsorganisationen.

Nestlé wehrt sich

Nestlé weist sämtliche Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Mord an Romero zurück und wird sich «entschieden dagegen verteidigen», wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. Sinaltrainal und ECCHR hätten keinerlei Beweise für die Anschuldigungen.

Die Gewerkschaft Sinaltrainal habe Nestlé zudem bereits wiederholt der Komplizenschaft an der Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien beschuldigt. «Sie hat ihre Rechtsstreitigkeiten gegen das Unternehmen weder vor Gerichten in Kolumbien, noch in den USA oder vor der Internationalen Arbeitsorganisation gewonnen.» (fko/sda)

Erstellt: 06.03.2012, 15:00 Uhr

Gewerkschafter leben gefährlich

Nirgendwo leben Gewerkschafter gefährlicher als in Kolumbien: Fast die Hälfte aller ermordeten Gewerkschafter pro Jahr stammen jeweils aus dem südamerikanischen Land, wie das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) schreibt.

Die Mehrheit der Taten werde den Paramilitärs und staatlichen Sicherheitskräften zugeschrieben, heisst es weiter. Gemäss Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International haben auch Guerilla-Kräfte schon Gewerkschafter getötet. Amnesty zählte in Kolumbien in den letzten zwei Jahrzehnten über 2000 Morde an Gewerkschaftern.

Im Kontext des seit 40 Jahren andauernden bewaffneten Konflikts in Kolumbien würden Gewerkschafter von den Sicherheitskräften und deren paramilitärischen Verbündeten immer wieder beschuldigt, «subversiv» zu sein, schreibt Amnesty. Gewerkschaftsmitglieder, die als «subversive Elemente» bezeichnet würden, seien häufig in Gefahr, bedroht oder getötet zu werden. (sda)

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