«Erst klingt alles toll, dann kommen die Sparmassnahmen»

Der deutsche Konzern Rewe übernimmt das Reisegeschäft von Kuoni. Was passiert mit der Marke? Und sinken nun die Preise? Dazu Tourismusexperte Urs Wagenseil.

Bleibt ihre Stelle erhalten? Mitarbeiterin in einem Reisebüro von Kuoni. (Archivbild, 2012)

Bleibt ihre Stelle erhalten? Mitarbeiterin in einem Reisebüro von Kuoni. (Archivbild, 2012) Bild: Keystone

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Kuoni verkauft sein europäisches Reiseveranstaltergeschäft an das deutsche Unternehmen Rewe. Eine gute Lösung?
Auf den ersten Blick würde ich sagen, ja. Kuoni kann die gesamte europäische Sparte in einem Block verkaufen und muss sie nicht in Submarken aufsplitten, das ist positiv. Es ist ja alles in allem immer noch ein erfolgreiches Geschäft. Laut den ersten Verlautbarungen werden alle Mitarbeiter und Filialen übernommen. Auch das ist erfreulich, sollte es sich bewahrheiten.

Sie sind skeptisch?
Bei Fusionen und Übernahmen hat man dafür nie eine Garantie, das wissen wir aus anderen Branchen. Am Anfang klingt alles toll, die Sparmassnahmen kommen dann später. Dass Rewe das Geschäft optimieren wird, ist logisch – würde es schon jetzt optimal funktionieren, würde Kuoni es nicht verkaufen. Aber wie gesagt: Stand heute sind es gute Nachrichten.

Rewe ist der zweitgrösste deutsche Handelskonzern. Was weiss man über seine Tourismussparte?
Unter dem Dach von Rewe sind einige touristische Marken vereint, darunter auch in der Schweiz geläufige wie Meiers Weltreisen, Dertour oder Adac-Reisen. Das sind renommierte Marken, mit denen sich Kuoni gut ergänzen dürfte. Rewe kennt ausserdem den Schweizer Markt, der Konzern hat 2006 zusammen mit Coop die Coop-ITS-Travel AG gegründet.

Die Marke Kuoni bleibt laut der Konzernleitung bestehen. Werden die Kuoni-Reisebüros also nicht verschwinden?
Das könnte ich mir gut vorstellen. Will Rewe die Kuoni-Stammkunden behalten, sollte der Konzern möglichst viel beim Alten belassen. Das fängt beim Personal am Schalter an, zu dem viele Kunden eine persönliche Beziehung haben, und hört bei der Marke auf. Ein Markenwechsel birgt immer die Gefahr, dass Kunden abspringen, weil sie kein Vertrauen in den neuen Anbieter haben.

Für die Kunden wird sich also kaum etwas ändern?
Das ist schwierig zu sagen. Für Rewe bedeutet der Zukauf auch Machtgewinn: Sein Gewicht als Einkäufer touristischer Leistungen ist nun noch grösser worden, damit wächst auch die Verhandlungsmacht gegenüber seinen Geschäftskunden. Gut möglich, dass er nun bessere Konditionen aushandeln und so Geld sparen kann. Ob sich das auch auf die Verkaufspreise niederschlägt und schliesslich den Kunden zugutekommt, muss sich zeigen.

Mit der Swiss gehört ein weiteres Schweizer Vorzeigeunternehmen einem deutschen Konzern. Ein neuer Trend?
Es ist sicher kein Zufall. Hinter dem Kuoni-Deal stecken wohl ähnliche strategische Überlegungen. Swiss und Kuoni sind gestandene, global etablierte Marken mit einem guten Produkt. Sie haben jedoch dasselbe Problem: Sie sind zu klein, um gegen die heutigen Vertriebskanäle – vor allem Online- und Direktbuchungen – allein bestehen zu können. Dass sie für deutsche Konzerne interessant sind, ergibt sich aus der geografischen und sprachlichen Nähe. Für Rewe ist die Schweiz sozusagen ein zusätzliches Bundesland, das zwar kein gigantisches Wachstumspotenzial, aber viel Kaufkraft mit sich bringt. Der Swiss geht es mit der Lufthansa nicht schlecht. Man weiss nicht, wie es ihr bei einem anderen ausländischen Konzern ergangen wäre.

Auch die Migros-Tochter Hotelplan interessierte sich für das Kuoni-Geschäft und unterbreitete ein konkretes Angebot. Warum hat Rewe nun das Rennen gemacht?
Darüber können wir nur spekulieren, weil wir die Kaufangebote nicht kennen. Vielleicht machte Rewe das bessere Angebot oder versprach mehr Sicherheit. Denkbar ist auch, dass die Gefahr von Kannibalisierung und Personalabbau eine Rolle gespielt hat, die mit der inländischen Hotelplan allenfalls grösser gewesen wäre.

Waren Sie damals überrascht, als Kuoni bekannt gab, das Reiseveranstaltergeschäft zu verkaufen?
Ja. Es passiert nicht oft, dass eine Marktführerin ihr Kerngeschäft aufgibt und sich auf neue Bereiche konzentriert. Es gab auch keine Anzeichen dafür. Aus unternehmenstechnischen Gründen kann ich den Entscheid nachvollziehen. Er zeigt: Die Tradition ist wichtig, aber sie lässt sich nicht immer in die Zukunft retten.

Erstellt: 22.06.2015, 12:23 Uhr

Urs Wagenseil ist Leiter Tourismus an der Hochschule Luzern. (Bild: zvg)

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